Frankfurt
Weniger Fehler, mehr Entschuldigungen
Die Bundesliga und die 2. Bundesliga werden seit Jahren aus dem Kölner Keller regiert. Früher war da mehr Emotion, findet unser Kolumnist Udo Muras.
Es gibt so einiges, was man an dieser fast beendeten Bundesligasaison trotz Langeweile im „Titelkampf“ gut finden kann. Endlich wieder volle Stadien, den SC Freiburg, so wenig Platzverweise wie seit Jahrzehnten nicht – und immer mehr Aktive geben Fehler zu. Meistertrainer Julian Nagelsmann hat sich dieser Tage schon zum zweiten Mal entschuldigt, wieder mal war sein Mundwerk zu flink für seine Hirnströme und so musste er einen flotten Spruch über die Freiwillige Feuerwehr Südgiesing öffentlichkeitswirksam kassieren. Das ehrt ihn, junge Menschen dürfen Fehler machen.
Deutlich übertroffen wurde seine Anzahl an Entschuldigungen von der schwarzen Zunft, alleine in der Rückrunde fand ich Adressen des Bedauerns aus dem Munde der Herren Aytekin, Jöllenbeck und, am letzten Wochenende, Siebert. Auch das verdient Respekt, jahrzehntelang war das bei Schiedsrichtern undenkbar und blieb im internen Kreis. Nun aber stehen sie vor den Kameras und geben zu, dass sie doch besser einen Elfmeter gepfiffen hätten. Auch ihnen sei verziehen, sie sind Menschen, machen Fehler und das, den Verschwörungstheorien zum Trotz, nicht mit Absicht.
Das Problem ist, dass es mittlerweile eine übergeordnete Instanz gibt, die solche Fehler vermeiden sollte: Der VAR. Vor fünf Jahren wurde der Videoschiedsrichter eingeführt und seitdem werden Bundesliga und 2. Bundesliga vom Kölner Keller aus regiert, jedenfalls darf er sich in das Spiel einzumischen. Nach jeder Saison veröffentlicht der DFB Statistiken, die ausweisen, dass die TV-Richter Unmengen von Fehlern korrigiert und nur wenige Fehler übersehen hätten.
Es besteht deshalb kein Grund zur Freude, denn auch mit diesem Vehikel lässt sich keine absolute Gerechtigkeit herstellen und jede Bilanz beweist aufs Neue: es ist nur eine Scheinsicherheit. Die zehn bis 15 Prozent der Situationen, in denen Unparteiische oder der VAR oder beide daneben liegen, wiegen schwerer als früher. Wenn der Schiedsrichter in der Hektik eines Spiels, in einer ungünstigen Position stehend, eine Abseitsstellung oder ein Handspiel übersah, regte man sich als Fan oder Spieler zwar auch auf, kam aber in ruhiger Minute zur Erkenntnis, dass es sich um einen Fehler handelt, der jedem passieren kann.
Wenn nun aber der VAR nach teils minutenlangen Sezieren der Bilder nicht erkennt, dass Bayerns Pavard den Borussen Bellingham erst umgesenst und dann den Ball gespielt hat oder wenn es noch mal so einen Witz-Elfmeter gibt wie in der Vorrunde für Bremen gegen Schalke, der dem Schiedsrichter erst eingeflüstert wurde, dann sprechen wir von menschlichem Versagen. Ein feiner und keineswegs kleiner Unterschied.
Wir leben nicht mehr in den Achtzigern, als die ersten Debatten über den TV-Beweis geführt wurden. Wir haben bessere technische Möglichkeiten und weil die Zuschauer im Stadion in Sekundenschnelle auf ihren Smartphones nachvollziehen können, was der „Blinde“ da unten übersehen hat, sprach viel für den VAR.
Nach fünf Jahren und etwa 500 verschluckten Torjubeln muss ich, Jahrgang 1966, sagen: ja, es gibt weniger Fehler, aber die wenigen sind schlimmer als früher und früher war mehr Emotion. Aber ich fürchte, auch dieses Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Übrigens: in England gab es mal ein Pilotprojekt mit zwei Schiedsrichtern auf dem Platz, jeder pfiff in seiner Hälfte. Sie gerieten sich dermaßen in die Haare, dass man es bei dem Versuch beließ.