Hamburg
Tierschützer zur Haltungskennzeichnung: Keine Extra-Würste für Bio-Ware
Wie soll das staatliche Tierhaltungskennzeichen aussehen? Während Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir dazu schweigt, ist auf Verbandsebene um genau diese Frage Streit ausgebrochen. Die Frontlinie verläuft zwischen Bio-Branche und Tierschützern.
Am späten Dienstagnachmittag wurde das öffentlich, was sich im Hintergrund schon abgezeichnet hatte: Die Bio-Branche schert beim breiten Verbändekonsens zum Umbau der Tierhaltung in Deutschland aus. Der Burgfrieden ist Geschichte.
Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erklärte in einer Mitteilung, dass er die aktuellen Empfehlungen des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung, besser bekannt als Borchert-Kommission, nicht mittrage. Als Grund nannte der BÖLW die Ringelschwänzchen von Schweinen.
Was zunächst komisch klingen mag, rüttelt am Gesamtprojekt Tierhaltungsumbau. Mit der Erklärung von Verbandschefin Tina Andres war die Eintracht nämlich dahin, die monatelang zumindest nach außen hin geherrscht hatte. Unter Leitung von Ex-Bundesagrarminister Jochen Borchert hatte das Kompetenznetzwerk einen Fahrplan zum Umbau der Tierhaltung bis 2040 vorgelegt. Bis dahin sollten alle Nutztiere in Deutschland besser gehalten werden.
Vom Bauernverband, über den BÖLW bis hin zur Wissenschaft waren alle beteiligt. Die Parteien im Bundestag sicherten zu, das Projekt umzusetzen. Daraus wurde bislang aber nichts, wohl auch, weil das mittlerweile grün regierte Landwirtschaftsministerium von Cem Özdemir noch einmal neu überlegt, wie der Umbau laufen und wie die bessere Haltung auf der Verpackung gekennzeichnet werden könnte.
Ein Gedanke aus dem Ministerium: eine exklusive Stufe für Bio-Ware analog zur Haltungskennzeichnung bei Eiern, die die Ziffern 0 bis 3 umfasst: je höher die Zahl, desto schlechter die Haltung. Im Empfehlungsschreiben an Özdemir regt das Borchert-Gremium an, das nicht aufs Fleisch zu übertragen, zumindest eine weitere Ziffer hinzuzufügen.
Viele Schweine werden nämlich bereits in Ställen gehalten, die besser sind als der gesetzliche Mindeststandard. Beim bisherigen Özdemir-Plan würde dieses Fleisch trotzdem in der schlechtesten Stufe landen. Das gehe so nicht, warnte die Bochert-Kommission - mit Ausnahme des BÖLW. Der geht auf Distanz.
Verbandschefin Tina Andres teilte mit: “Die jüngste Empfehlung der Borchert-Kommission läuft darauf hinaus, dass nicht nur beim gesetzlichen Mindeststandard, sondern auch bei der nächsten Stufe den Schweinen weiterhin die Schwänze abgeschnitten werden müssten, weil der Stall zu klein ist. Das hat so wenig mit einem Umbau der Tierhaltung zu tun wie Kohle mit Energiewende.”
Sie forderte zudem eine exklusive Stufe für Bio-Tierhaltung. Die Kommission hingegen regte an, eine Premium-Stufe für alle, also auch konventionelle Ställe zu öffnen.
In der Politik und der Wirtschaft sorgte die Mitteilung des BÖLW für Reaktionen zwischen Erstaunen bis Entsetzen. Einige sehen damit die komplette Borchert-Kommission als gescheitert an. Andere wissen zumindest überhaupt nicht mehr , wie es weitergehen soll. Auch weil sich Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir bislang nicht im Detail zu seinen Plänen äußert.
Kritik an der BÖLW-Haltung kommt vom Deutschen Tierschutzbund. Präsident Thomas Schröder spricht sich dagegen aus, eine Premiumstufe für Bio zu schaffen. Er verwies im Gespräch mit unserer Redaktion darauf, dass biologische nicht automatisch mit tierschutzgerechter Haltung verbunden ist.
Schröder sagte: “Die EU-Öko-Verordnung ist aus Tierschutzsicht mangelhaft und kann keine Basis für mehr Tierschutz sein, wie ihn die Gesellschaft fordert.” Die Premiumstufe einer staatlichen Kennzeichnung müsse auch für konventionelle Landwirte offen sein, die Tiere weit über den gesetzlichen Mindestanforderungen halten. “Solche Pioniere dürfen nicht diskriminiert werden”, so Schröder. Sein Verband hat eine eigenes Tierhaltungskennzeichen mit hohen Anforderungen an die Ställe auf dem Markt.
Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) mahnte Özdemir und die Ampel-Koalition indes beim geplanten Umbau zur Eile. Verbandspräsident Friedrich-Otto Ripke teilte unserer Redaktio mit: “Andernfalls gibt es statt Tierwohlfortschritt Höfesterben und steigende Importe minderwertiger Lebensmittel.” Özdemir und die Ampel-Koalition müssten zeitnah eine Initiative präsentieren und dann auch umsetzen.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium erklärte auf Anfrage, „wie diese Vorschläge das gemeinsame Ziel – den Umbau der Tierhaltung – bestmöglich voranbringen können. „