Interview
Sucht und Sport: „Auf uns rollt ein Tsunami zu“
Uli Borowka hätte sich fast zu Tode gesoffen. Mittlerweile ist der Ex-Werder-Profi, der am Montag in Wiesmoor zu Gast ist, ein trockener Alkoholiker. Lothar Matthäus respektiert er nicht mehr.
Wiesmoor - Uli Borowka führte zwei Jahrzehnte lang ein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker. Doch nur die wenigsten wussten davon. Der heute 59-Jährige, der 239-mal für Werder Bremen auflief, galt in den 80er und 90er Jahren einer der besten Verteidiger der Bundesliga. Seine Alkoholabhängigkeit konnte er während seiner aktiven Zeit verheimlichen – oder sie wurde bewusst von seinem Umfeld, auch von seinen Trainern, verschleiert.
Erst vier Jahre nach seinem Abschied aus der Bundesliga gelang ihm im Jahr 2000 der Ausstieg aus der Alkoholsucht. Seitdem rührt Uli Borowka keinen Tropfen Alkohol mehr an und betreibt Suchtpräventionsarbeit. Am Montag ist er für einen Vortrag in der Wiesmoorer Blumenhalle zu Gast. Mit unserer Zeitung hat Uli Borowka vorab nicht nur über seinen Weg weg vom Alkohol zurück ins Leben gesprochen.
Er berichtet auch von einer gesellschaftlichen Entwicklung, die ihm Sorgen bereitet, und warum er seinen einstigen Nationalmannschaftskollegen Lothar Matthäus nicht mehr respektiert.
Frage: Profifußball und Alkohol-Trinken: Inwieweit passt das für Sie aus heutiger Sicht zusammen?
Uli Borowka: Wenn man Alkohol trinkt – und das darf man auch als Profifußballer –, sollte man verantwortungsvoll damit umgehen. Wir Leben heute in einer Leistungsgesellschaft. Und wenn die Leistung Ende des Monats und der Umsatz am Ende des Monats stimmt, dann darf man von mir aus auch einmal in der Woche besoffen vom Stuhl fallen. Man muss seine Grenzen kennen und immer Herr der Lage sein.
Frage: Und genau das waren Sie während ihrer aktiven Fußballerzeit nicht, oder?
Borowka: Korrekt. Ich konnte mich damals selber nicht mehr kontrollieren. Das weiß ich nun im Nachhinein. Ich hatte 20 Jahre lang gesoffen, habe auch mal angeheitert gespielt, war aber selber nie der Meinung, dass ich ein Problem habe.
Frage: Obwohl Ihr starker Alkoholkonsum im Umfeld bekannt war, sind Sie schließlich auch immer damit durchgekommen.
Borowka: Es war eine gewisse Co-Abhängigkeit. Denn ich war ja auch Leistungsträger. Da wurde dann unter der Decke gehalten, dass ich zu viel trinke. Zudem war es so, dass diejenigen, die es wussten, nicht genau wussten, wie sie reagieren sollten. Da haben sie dann lieber gar nichts gemacht. Das ist eine Sache, die für den Suchtkranken natürlich nicht vorteilhaft ist. Ich bin dann immer tiefer in die Spirale reingerutscht. Es muss immer erst was Schlimmes passieren – ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall beispielsweise –, ehe man selber ins Grübeln kommt und überlegt, ob man nicht vielleicht ein Alkoholproblem hat.
Frage: Sie hatten Autounfälle unter Alkoholeinfluss. War das nicht Warnung genug?
Borowka: Nein, das war im Endeffekt für mich nicht schlimmer als ein kleiner Fingerbruch. In der Anfangszeit hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, aber später war sowas nach 24 Stunden schon abgehakt und ich habe weitergemacht. Ich war auch zu tief drin in der Sucht. Ich war komplett vernebelt, wenn ich morgens aufgewacht bin. Für mich zählte nur noch der Alkohol, wollte mir sogar mal das Leben nehmen.
Frage: Wie sind Sie denn aus dem Ganzen rausgekommen?
Borowka: Ich bin im Jahr 2000 bei meinem ehemaligen Mitspieler bei Gladbach, Christian Hochstätter, aufgeschlagen. Er war Sportdirektor bei Gladbach, hat dann nicht lange geredet, sondern gemeinsam mit Präsident Wilfried Jacobs einen Platz in der Klinik Bad Fredeburg für mich klargemacht und mich dorthingebracht. Aktiv von mir aus wäre ich nie in eine Klinik gegangen.
Frage: Nach vier Monaten kamen Sie dort wieder raus. Seitdem sind Sie ein anderer Mensch?
Borowka: Kann man so sehen. Ich bin seitdem trockener Alkoholiker und durchaus stolz darauf. Jetzt möchte ich Menschen helfen, die heute so sind wie ich damals – oder davor retten, so zu werden. Gerade jetzt ist Suchtprävention mehr den je gefragt. In der Corona-Zeit waren die Suchtgruppen geschlossen, Kliniken konnten nur zur Hälfte ausgelastet werden. Zudem stieg wegen Corona bei vielen der Druck, der Stress, die Hektik. Und genau durch sowas kommt eine Sucht wie eine Alkoholabhängigkeit zustande. Wir haben in der Corona-Zeit zwei Millionen Kinder und Jugendliche in den Vereinen verloren. Sie sind nicht selten übergewichtig, hängen am Handy oder PC.
Das sind die Patienten von morgen. Da rollt ein Tsunami auf uns zu. Jetzt muss ganz groß angepackt werden. Doch leider Gottes wird noch nicht viel getan, es bleibt an Ehrenamtlichen hängen.
Frage: Was wären mögliche Maßnahmen?
Borowka: Die Präventionen, wie wir sie als Verein schon machen, muss es überall geben. Und da muss man früh anfangen. Man muss Menschen, die sich auskennen mit dem Ganzen, in Schulen schicken. Mit den jungen Menschen diskutieren und aufklären, dass Komasaufen nicht mehr hipp ist.
Frage: Ist Alkohol heutzutage noch immer das größte Suchtproblem?
Borowka: Es ist immer noch ein großes Thema. Die Sucht hat sich aber etwas verlagert. Die größten Probleme haben wir heute aber mit Handy-, Internet und Spielsucht. Da verzockt der ein oder andere, auch Profifußballer, massiv Geld.
Frage: Und womit?
Borowka: Man kann sieben Tage die Woche rund um die Uhr wetten, auf was auch immer in der Welt: Fußball, Eishockey, Baseball, alles mögliche. Das sind natürlich Sachen mit den Wettanbietern, die ich nicht für gut heiße. Deshalb habe ich auch keinen Respekt mehr vor Lothar Matthäus. Sich für einen Wettanbieter vor den Karren spannen zu lassen, macht man einfach nicht. Erst recht nicht, wenn man als Vorbild angesehen wird und wenn man weiß, welche Probleme wir hier in Deutschland gerade haben.
Wer mehr von Uli Borowka erfahren möchte, kommt am Montag in die Wiesmoorer Blumenhalle. Ab 18.30 Uhr hält der 59-Jährige dort einen Vortrag. Tickets an der Abendkasse kosten fünf Euro.