Osnabrück

„Die Griechische Passion”: Volle Bühne, aber zu wenig Gefühle

Mareike Bader
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Von Mareike Bader
| 30.04.2022 14:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Susann Vent-Wunderlich als Katerina (von links) und James Edgar Knight als Manolios zeigen Herz in ihrer Darstellung. Doch so ganz greifbar sind die Emotionen der Oper „Die Griechische Passion“ am Theater Osnabrück nicht. Foto: Stephan Glagla
Susann Vent-Wunderlich als Katerina (von links) und James Edgar Knight als Manolios zeigen Herz in ihrer Darstellung. Doch so ganz greifbar sind die Emotionen der Oper „Die Griechische Passion“ am Theater Osnabrück nicht. Foto: Stephan Glagla
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Erschreckend aktuell kommt die Oper “Die Griechische Passion” des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinu 65 Jahre nach deren ursprünglich geplanter Uraufführung daher, die nun am Theater Osnabrück Premiere feierte. Ein mutiges Stück.

Alles ist eitel Sonnenschein. Komplett in Weiß getüncht erstrahlt das Gewusel im wohlhabenden Lykovrissi das Publikum. Allein in der ersten Szene gibt es mehr zu sehen, als es das menschliche Auge aufnehmen kann. Und das wird dann auch noch abgelenkt von den Übertiteln an der Seite der Bühne, die den englischen Gesang übersetzen.

Hier wird schon klar: So gut es den Bewohnern des griechischen Dörfchens geht - es ist keine Gemeinschaft. Die Männer reden sich bei der Vergabe der Rollen für das Passionsspiel im nächsten Jahr um Kopf und Kragen. Doch Konflikte haben keinen Nährboden, um zu großen Problemen zu werden. Rhys Jenkins als Priester Grigoris hat nicht nur mit seinem kräftigen Bariton die Oberhand über das große Gewusel auf der Bühne.

Wie wir es ebenso heute erleben, ändern einschneidende Ereignisse von einem Moment auf den anderen alles. In Martinus “Die Griechische Passion” nach dem Roman von Nikos Kazantzakis ist dies ein Boot voller dunkel gekleideter Flüchtlinge, mit deren Priester Folis (Erik Rousi) an der Spitze stehend. Hier bricht die ach so tolle Nächstenliebe der Griechen zusammen - der Egoismus gewinnt.

Ausnahme ist Manolios (James Edgar Knight), kurz zuvor zum Jesus-Darsteller auserkoren, der helfend zu den Flüchtlingen eilt. Die Wandlung hin zu seiner Rolle beginnt - und die ist gerade bei Knight spannend. Ist er am Anfang noch schüchtern und unsicher, stolziert er am Ende übermäßig stolz durch das Dorf und prangert das Leben dort an. Dass das nicht gut ausgehen kann, legt nicht nur die Passionsgeschichte an sich nahe.

In all dem von Männern geprägten Treiben ist es Susann Vent-Wunderlich, die als starke Frau hervorsticht. Dabei sind es vor allem ihr gefühlvolles Spiel und natürlich ihr wunderbarer Sopran, die Mitgefühl für ihre Rolle Katerina erzeugen. Die junge Witwe ist als Dorfprostituierte die erste Wahl für die Maria Magdalena - eine Rolle, mit der Katerina sich schlussendlich doch anfreundet.

Auch Aljoscha Lennert als Yannakos, der Petrus spielen soll, kommt mit sich ins Reine. Erst von Ladas (Tomas Vaitkus) angestachelt, die Flüchtlinge auszunehmen, bittet er reuig um Vergebung und steht sodann Manolios zur Seite.

„Die Griechische Passion“ spielt mit Licht und Schatten der menschlichen Seele. Komponist Martinu hat dafür tief in die Trickkiste der Musikgeschichte gegriffen. Der missionarisch ambitionierte Manolios ist von harmonischen Choralklängen umgeben. Doch mit jedem Konflikt kommen Dissonanzen oder rhythmische Verschiebungen ins Spiel. Kein leichtes Unterfangen für das Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Andreas Hotz. Energisch führt er seine Musiker sicher durch die Partitur und scheint beim Schlussapplaus erleichtert zu sein.

Auch das Bühnenbild und Kostüme von Uta Fink setzen die Gegensätze kraftvoll um für die Inszenierung von Philipp Kochheim. Von den ausgefallenen Vorstellungen am Theater war zuletzt auch diese Premiere betroffen, der Regisseur war nun terminlich verhindert.

Die aktuelle Corona-Lage, die viele Krankheitsausfälle mit sich bringt, ist für so eine große Aufführung nicht leicht. Es mag an dieser Situation liegen, dass dem Ensemble der Zusammenhalt fehlt. Das passt zwar zum griechischen Dorf, aber nicht zur Siedlung der Flüchtlinge, die um den alten Mann (gespielt vom jungen Mikolaj Bonkowski) trauern und dann einzeln Trost bei Priester Fotis suchen.

Auch Julie Sekinger, die Jüngste im Ensemble des Musiktheaters, bleibt als Manolios’ Verlobte Lenio blass und kann weder stimmlich noch emotional eine Verbindung zu ihm und den anderen aufbauen. So aktuell und emotional der Bezug des Stückes auch sein mag, der Funke und das Mitgefühl schwappen nicht über. Gleiches gilt für die Beweggründe der einzelnen Rollen. So kommt die Auflösung zu kryptisch daher. Der Applaus am Premierenabend ist so zwar lang, allerdings ohne großen Jubel.

Da helfen die vielen Mitsänger aus Opernchor, Extrachor und Kinderchor des Theaters, um dem egoistischen Treiben auf der Bühne wirklich Leben einzuhauchen und zeitweise aus dem Hintergrund mit ihrem Gesang die Musik erweitern. Denn technisch und musikalisch ist „Die Griechische Passion“ einen Theater-Besuch durchaus wert. Es ist allerdings besser, man macht sich vorher mit der Passionsgeschichte aus der Bibel vertraut.

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