Kunst

Timmeler Autist schmuggelt Krabben in Kunstwerke

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 03.05.2022 13:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sven Schetzberg blickt in sein 27-seitiges Comic-Heft „Ostfriesen auf der Bank“. Fotos: Cordsen
Sven Schetzberg blickt in sein 27-seitiges Comic-Heft „Ostfriesen auf der Bank“. Fotos: Cordsen
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Sven Schetzberg aus Timmel hat kürzlich sein erstes Comic-Heft über einen Sketch von „Ostfriesen auf der Bank“ fertiggestellt. Vor allem aber schmuggelt er eine Krabbe in Meisterwerke der Kunstgeschichte.

Timmel - Tagsüber am Schreibtisch arbeitet Sven Schetzberg Entwürfe für die Deckgestaltung von Kreuzfahrt-Riesen der Meyer-Werft aus. Als technischer Zeichner bei RE Interior in Aurich, einer Tochter der Papenburger, setzt er Designs für Theater und andere Unterhaltungsbereiche an Bord um. Das Zeichnen prägt aber auch die Stunden nach Feierabend und an Wochenenden. Dann greift er zu Bunt- oder Filzstiften, Pinsel und Acrylfarbe, vertieft sich stundenlang in Leinwände – oder studiert Kunstwerke großer Meister. „Klar treffe ich auch mal Freunde, aber am liebsten bin ich allein für mich und zeichne“, sagt der 30-Jährige, der in Timmel lebt. „Es beruhigt mich.“

Magrittes berühmter „Menschensohn“ steht bei Sven Schetzberg vor dem Pilsumer Leuchtturm – mit Krabbe statt Apfel im Gesicht. Foto: Schetzberg
Magrittes berühmter „Menschensohn“ steht bei Sven Schetzberg vor dem Pilsumer Leuchtturm – mit Krabbe statt Apfel im Gesicht. Foto: Schetzberg

Im vergangenen Jahr hat er knapp ein halbes Jahr lang einen Sketch des Blödel-Trios „Ostfriesen auf der Bank“ Szene für Szene nachgezeichnet und in einen Comic verwandelt. Vor einigen Jahren entdeckte er die Sketche-Reihe der drei auf Youtube, amüsierte sich darüber. Dann kam er etwas später in Kontakt mit Willi Nessen aus Norden, dem enorm umtriebigen Kopf des Trios. „Der hat dann meine Zeichnungen gesehen, war begeistert und hat spontan gefragt, ob ich nicht Lust hätte, einen Sketch mal als Comic zu machen“, sagt der 30-Jährige. Er hatte Lust. Nessen und Schetzberg teilen die Begeisterung für Otto Waalkes und den durch dessen Kinofilm „Otto – der Außerfriesische“ bundesweit berühmt gewordenen Pilsumer Leuchtturm. „Da haben wir uns getroffen, hatten viel Spaß zusammen und dann hab ich mich an die Arbeit gemacht“, sagt Schetzberg.

Ein Autist und ein „echt toller Künstler“

27 Seiten hat der Comic, weit über 50 Einzeleinstellungen zeichnete und kolorierte der 30-Jährige, bei dem im Alter von vier Jahren das Asperger-Syndrom festgestellt wurde. Das Heft ist in einer Auflage von 150 Stück gedruckt worden. Erhältlich ist es für vier Euro und kann per E-Mail an wilhelm.nessen@gmail.com bestellt werden. Der schwärmt vom Comic: „Selbst in einem Comic aufzutauchen, ist schon cool. Sven ist ein echt toller Künstler und hat uns echt super hinbekommen. Und auch die Rückmeldungen, die wir von anderen darauf bekommen haben, waren durchweg begeistert.“

Seit seinem sechsten Lebensjahr zeichnet der Otto-Fan Sven Schetzberg gern.
Seit seinem sechsten Lebensjahr zeichnet der Otto-Fan Sven Schetzberg gern.

Schetzberg selbst nennt sich auch „Autist-Artist“. „Ich möchte das nicht verstecken, es gehört zu mir. Wer mich kennenlernt, soll das gern wissen, und ich möchte zeigen, dass man auch als Autist ganz normal sein und schöne Kunst machen kann, unabhängig davon, ob das nun eine Inselbegabung ist“, sagt Schetzberg. Weil er sich Daten ganz genau merken kann, weiß er noch, dass er am 17. März 1998 sein erstes Bild gemalt hat. „Kurz vorher war ich mit meiner Mutter in der Kunsthalle in Emden, war begeistert von den Gemälden. Dann habe ich zum sechsten Geburtstag ein Malset mit Tuschkasten, Filz- und Buntstiften geschenkt bekommen – und zwei Tage später war mein erstes Bild fertig.“ Es war ein Bisasam, ein niedliches Monster aus der Pokémon-Videospiel-Reihe. Er kniete sich rein, brachte sich selbst das Zeichnen bei.

Eine Krabbe als Dauergast auf den Bildern

„Ich liebe Ostfriesland, male auch gern Strände. Und immer wieder den Pilsumer Leuchtturm. Weil ich Otto so mag. Weil es der kleinste Leuchtturm Deutschlands ist. Weil ich die knallbunten Farben so mag“, sagt er. Otto Waalkes ist sogar doppelt Dauergast in Sven Schetzbergs Küche – auf zwei lebensgroßen Papp-Aufstellern, auf Fotos, auf Zeichnungen. Eine, natürlich mit Krabbe und Leuchtturm, hat Sven Schetzberg dem Komiker zum 70. Geburtstag vor annähernd vier Jahren geschenkt und überreicht. Fotos davon und weitere Andenken zieren eine Küchenwand.

Aktuell anverwandelt er besonders gern bekannte Meisterwerke aus Kunst- und Popgeschichte: Er malt die Originale nach, doch schmuggelt er in jedes seiner Bilder eine kleine Comic-Krabbe hinein. „Sveni“ nennt er sie, und sie durchzieht jede seiner Zeichnungen und Gemälde seit genau drei Jahren wie ein Leitmotiv. Pablo Picassos „Mädchen mit Taube“ hat bei ihm den Vogel gegen das Krustentier getauscht. Ebenso baumelt es bei ihm statt eines Perlenohrrings am Ohr des Mädchens aus dem berühmten Gemälde von Johannes Vermeer. Statt der Beatles krabbeln Krabben bei ihm über die Abbey-Road. „Star Wars“-Bösewicht Darth Vader wird bei ihm zum Vater eines Taschenkrebses. Der „Menschensohn“ des berühmten Surrealisten René Magritte trägt in Sven Schetzbergs Version statt eines grünen Apfels einen Krabbenpanzer im Gesicht – und hinter ihm ragt der Pilsumer Leuchtturm auf. Ebenso wie in seiner Anverwandlung des Selbstporträts von Frida Kahlo. Da krabbelt „Sveni“ ihr über die Schulter, und sie trinkt Ostfriesentee unter „Ottos Leuchtturm“.

Der Traum vom Leben als Künstler

Seine Kunst teilt er als @svenausa bei Instagram und als Autist-Artist bei Facebook. Aktuell sind Werke von ihm im „Zwischenraum“ an der Osterstraße in Aurich zu sehen. „Einige meiner Bilder hängen auch in Ferienwohnungen in Greetsiel“, sagt er.

Auch Postkarten, Becher und andere Souvenir-Artikel hat er schon mit seinen Motiven bedrucken lassen und verkauft. Auf einen weiteren großen Comic hätte er durchaus Lust. „Wenn das Thema zu mir passt.“ Vor allem aber träumt er davon, irgendwann komplett von seiner Kunst leben zu können. „So gern ich meinen aktuellen Job auch mache: Kunst ist einfach mein Leben“, sagt er.

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