Worpswede

Heinrich Vogeler und seine Flucht aus dem Zauberreich des schönen Scheins

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 04.05.2022 13:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ausstellung «Heinrich Vogeler. Der neue Mensch» Foto: dpa
Ausstellung «Heinrich Vogeler. Der neue Mensch» Foto: dpa
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Erst Träumer, dann Kommunist: Heinrich Vogeler ist der Künstler der Selbstzweifel. Vor 100 Jahren legt er seine große Kehrtwende hin, als er den Worpsweder Barkenhoff verlässt. Ein Vorbild für Krisenzeiten des 21. Jahrhunderts?

Heinrich Vogeler hat genug. Er ist angewidert vom Jugendstil, überdrüssig einer Kunst der Girlanden und Schnörkel. Vogeler hat sogar seinen Barkenhoff satt, sein selbst geschaffenes Zauberreich der Schönheit. Dem Künstler kommt das alles mit einem Mal steril und verlogen vor. Als Freiwilliger flieht er 1914 aus Worpswede in den Ersten Weltkrieg. Die große Zeitenwende – kaum ein anderer Künstler vollzieht sie in diesem historischen Augenblick so radikal und rabiat wie Vogeler. Jetzt ist im Barkenhoff ein Kunstwerk zu sehen, dass Vogelers Kehrtwende auf den Punkt bringt. Auf der Vorderseite trägt die Leinwand das Bild „Sehnsucht“, ein Porträt von Vogelers schmachtend schöner Frau Martha, auf der Rückseite ist das „Elend des Krieges“ zu sehen. 1912 und 1916 sind die Bilder entstanden. Der Kontrast von Idyll und Qual als zwei Seiten einer Medaille – und Heinrich Vogeler als Kippfigur?

Worpswede feiert den 150. Geburtstag des Malers und Designers auf eigene Weise. Der Allroundkünstler des Jugendstils wird nicht auf den Sockel gehoben, sondern auf den Verhörstuhl gesetzt. Heinrich Vogeler ist der Mann der Brüche. Beate C. Arnold, Direktorin des Barkenhoff, und seit 2021 auch für die Große Kunstschau verantwortlich, setzt im Jubiläumsjahr und genau zehn Jahre nach der letzten umfassenden Vogeler-Schau von 2012 mit ihrem Team auf die Reibungspunkte, die sich in Vogelers Leben und Werk reichlich finden. Im Barkenhoff kartiert sie Person und Werk des Künstlers treffsicher und pointiert mit Porträts und Schriften Vogelers. In der Großen Kunstschau werden zeitgenössische Positionen zu jenen Themen ausgebreitet, die auch Vogeler vor hundert Jahren umtrieben. Dazu gibt es seine Grafik in der Kunsthalle, seine Möbel, Service und Bestecke im Haus im Schluh. Das Resultat ist kein bloßes Kompendium, sondern ein Werkrelief mit Tiefenschärfe.

Heinrich Vogeler hätte mit seinem Jugendstil ein Künstlerleben lang einfach weitermachen können. Ob Villen oder Vignetten, Gemälde oder Grafiken – der Mann war als Ausstatter für eine Welt des gehobenen ästhetischen Anspruchs arriviert. Aber Vogeler packt der Ekel vor einer saturierten Schönheit, die sich von der Gegenwart und ihren Konflikten abkapseln musste, um bestehen zu können. Vogeler reißt die Wand ein, die seinen Zaubergarten der Ästhetik, den Barkenhoff, von all dem trennt, was hässlich, dafür aber sehr wirklich ist. Der Künstler wendet sich dem Kommunismus zu, bereist die junge Sowjetunion, um 1931 endgültig zu übersiedeln. An die Stelle des Worpsweder Idylls treten die Komplexbilder, Kaleidoskope vom Aufbruch der Werktätigen in Russland – mit Sowjetstern und Lenin als Zentralgestirnen in der Bildmitte.

Die Worpsweder Ausstellungsmacher koppeln Vogeler geschickt an unsere Gegenwart. „Zeitenwende“ lautet der Name des Projekts, mit dem die Kulturplaner in dem Künstlerort bei Bremen gleich mehrere Jubiläen zur übergreifenden Recherche verklammern. Von Vogelers Jahrestag 2022 geht es weiter zu den 150. Geburtstagen Bernhard Hoetgers und Paula Modersohn-Beckers 2024 und 2025. Schließlich wird der Bau der Großen Kunstschau 2027 runde 100 Jahre alt. Der Blick geht dabei nicht einfach zurück, sondern richtet sich auf das 21. Jahrhundert. Ob Krieg oder Klima, Migration oder Medienwandel – diesen Themen widmen sich im Kontext der Vogeler-Präsentation 19 zeitgenössische Künstler, deren Werke in der Großen Kunstschau ausgebreitet werden. Das Spektrum reicht von der Flagge der Migranten bis zum Bild „I can´t breath“ als Kritik an tödlicher Polizeigewalt, von Ausblicken auf ein Leben mit alternativen Energien bis zur Koexistenz mit Robotern. Ob Heinrich Vogeler diese Werke etwas gesagt hätten? Sicherlich, denn der Künstler probierte selbst neue Wege aus, als er seinen Barkenhoff vor 100 Jahren zur Landkommune umwandelte und im Ziergarten Bio-Beete trassierte.

Deshalb geht es jetzt bei der Präsentation „Der neue Mensch“ kein bisschen betulich zu. Im Gegenteil. Das Projekt macht aus Heinrich Vogeler einen Mann von heute, weil es mit ihm einen der großen Frager und Zweifler der Kunst neu entdeckt. Das Vergnügen an seiner Kunst kommt dennoch nicht zu kurz. Vogelers  Radierungen mit Märchenmotiven sind ebenso präsent wie das berühmte Freundschaftsbild „Sommerabend“. Und wer sich über Vitrinen mit Bestecken beugt oder Stühle mit Jugendstil-Silhouette betrachtet, spürt ihn in vertrauter Weise wieder – den unvergleichlichen Zauber Heinrich Vogelers und Worpswedes.

Worpswede, Barkenhoff, Große Kunstschau, Kunsthalle, Haus im Schluh: Heinrich Vogeler. Der neue Mensch. Bis 6. November 2022. Zur Information über das Projekt geht es hier.

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