Osnabrück
Kein Blatt mehr vor den Mund: Jetzt wird Fraktur geredet!
In der Sprachkolumne „Wortklauber“ geht es um Sprachschätze, die in Gefahr sind, verloren zu gehen, uns aber noch viel zu sagen haben. Das Wort heute: Fraktur reden.
Wer Klartext spricht, nimmt kein Blatt vor den Mund, spart sich den Umweg um den heißen Brei. Aber stapeln wir keine Redensarten, reden wir gleich Fraktur: Hier geht es um Deutlichkeit, um die unverblümte Meinung oder, wie es heute heißt, eine klare Ansage. Wer Fraktur redet, lässt falsche Rücksicht fallen. Die Redewendung steht für eine klare Sprache, für die Bereitschaft, den Meinungsstreit zum Konflikt eskalieren zu lassen. Wo Fraktur geredet wird, bleibt kaum noch Raum für den Kompromiss. Kein Wunder: Fraktur reden und diplomatisch sein – das geht nun einmal nicht zusammen. Der Vorteil: Wer so redet, steht für seine Meinung offen ein. Die meist anonym geäußerte Hate Speech des Internets ist da etwas ganz Anderes.
Für die Internetgeneration bleibt das Wort von der Fraktur hingegen rätselhaft. Für Jahrhunderte war die Letter mit den charakteristisch eckigen Formen die Schrift der Wahl, wenn es darum ging, Texte in deutscher Sprache zu setzen. Immerhin ein Kaiser wie Maximilian I. setzt sich für die Schrift des Augsburger Druckers Schönsperger ein und lässt 1514 sein Gebetbuch in der neuen Schrifttype drucken. In der Folgezeit werden wichtige Texte deutscher Sprache in Fraktur, Zitate in lateinischer oder französischer Sprache hingegen in Antiqua gesetzt. Wer die Fraktur sieht, weiß sofort: Hier wird deutsch gesprochen. Fraktur zu reden bedeutet also nichts Anderes, als für alle verständlich zu sprechen.
Das Druckbild der Fraktur prägt die nach ihr geformte Redensart allerdings mit. Die eckigen Formen dieser Drucktype werden bald als eckig und grob empfunden. Wer Fraktur spricht, äußert sich denkbar ungeschmeidig. Die lateinische Antiqua mit ihrem gerundeten Erscheinungsbild wirkt flüssiger und eleganter. Fraktur reden: Das wirkt bald provinziell, ja ungeschlacht. Der Ausdruck ist ohnehin aus der Mode gekommen, denn die Drucktype wird am 3. Januar 1941 durch den sogenannten „Schrifterlass“ abgeschafft. Ausgerechnet die Nationalsozialisten sortieren die als typisch deutsch geltende Letter aus. Ihr Verdikt: „Schwabacher Judenletter“. Angesichts solchen Unsinns möchte man heute noch Fraktur reden.