Berlin
Warum Meret Beckers Tochter Lulu Snunit Amanita heißt
Am 22. Mai ist sie nach sieben Jahren zum letzten Mal als Berliner Tatort-Kommissarin Nina Rubin zu sehen. Im Interview erzählt sie, warum sie befürchtet zu früh aufgehört zu haben.
Was sie mit ihren Tatort-Gagen gemacht hat und von ihrer bunten und berühmten Familie erzählt die 53-Jährige in einem Berliner Kaffee – ihr Pudel „Taxi“ lauscht andächtig:
Frage: Meret, Sie haben Ihre Tatort-Gagen größtenteils in Ihr Haus und den Garten in Frankreich investiert.
Antwort: Der Garten ist noch längst nicht fertig, aber das Haus weitgehend. Hätte ich gewusst, dass Covid kommt, dann hätte ich vielleicht doch neun Jahre statt sieben Tatort gemacht – bei mir müssen es immer ungerade Zahlen sein, und die Neun ist meine Lieblingszahl. Aber jetzt ist es, wie es ist, das kann man nicht mehr verschubsen. Jedenfalls habe ich in Steine investiert und mir ein Haus davon gebastelt. Ich werde ja kaum Rente kriegen, und so habe ich dann ein Zuhause.
Frage: Sie haben mal gesagt, dass Sie immer nach Frankreich wollten. Ist das Haus jetzt die Erfüllung Ihres Lebenstraums?
Antwort: Komischerweise fühlt es sich nicht so an, aber es ist schon so. Im Nachhinein finde ich es irre, dass ich das gemacht habe, denn der Weg dahin ist wirklich steinig. Es ist nicht einfach, alleine ein Haus zu restaurieren, auch wenn ich Freunde habe, die mir geholfen haben. Als Fremde und dann auch noch als Frau zu bauen ist wirklich beeindruckend. Ich hatte auch noch eine Architektin, die die Pläne gezeichnet hat, und tatsächlich musste ich hin und wieder einen Mann fragen, ob er einem beim Umsetzen bestimmter Dinge hilft, weil wir als Frauen einfach nicht ernst genommen wurden.
Frage: Auch in Frankreich?
Antwort: Ja. Da stehen sie kopfschüttelnd mit verschränkten Armen einem gegenüber. Ich hab dann heulend die Architektin angerufen: Die sagen, das geht nicht. Und sie sagt: Ja, Meret, das geht aber. Du musst jetzt einfach sagen, dass das geht. Es ist wirklich so – aber solche Erfahrungen macht man fünfmal am Tag. Wird aber besser.
Frage: Das Frankophile haben Sie ja schon lange – ist das auch der Grund dafür, dass Sie immer französische Butter im Kühlschrank haben?
Antwort: Französische Butter habe ich da entdeckt. Da gibt es halb gesalzene Butter, die gibt’s hier nicht, sondern nur gesalzene oder ungesalzene Butter. Die französische Butter passt gut zu meinem süßen Frühstück, und ich nehme sie gerne zum Kochen. Butter ist ja ein geiler Geschmacksträger. Vegane Ernährung könnte ich mir eigentlich vorstellen, aber ohne Butter und Muschelgetier ist es ein Problem.
Frage: Ihr Kindheitswunsch war es, Bäuerin zu werden.
Antwort: Das stimmt, ich wollte immer aufs Land, mit Tieren und möglichst naturnah wohnen. Als ich sehr klein war, bin in Berlin gelandet und wollte da anfangs immer weg, Aber dann habe ich mich mit dieser Stadt sehr gut verstanden.
Frage: Apropos Kindheitswunsch – war es ein Kindheitswunsch Ihrer Tochter Lulu, zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter auf der Bühne zu stehen?
Antwort: Nö, gar nicht, im Gegenteil. Ich hab mich sehr um die beiden Bräute bemüht, das war gar nicht so einfach. Aber jetzt hab ich sie!
Frage: Also ging es von Ihnen aus, dass Sie jetzt mit einem gemeinsamen Programm auftreten?
Antwort: Es gab eine Anfrage vom Autonomen Frauenzentrum Potsdam, einem Verein, der sich für die Rechte von Mädchen und Frauen engagiert. Die haben einmal im Jahr eine Veranstaltung, bei der sie Künstlerinnen einladen und am liebsten in Familienkonstellationen auf die Bühne bringen. Da sind die Thalbachs aufgetreten, eben auch drei Frauen. Aber zum Beispiel auch Corinna Harfouch mit ihrem Sohn Robert. Irgendwann kamen sie auf mich zu, weil ich eine Mutter habe, die Schauspielerin ist, und eine Tochter, die Musikerin ist. Im Moment schauspielert sie zwar, aber eigentlich singt Lulu und macht ihre eigenen Beats. Ihre beiden Eltern machen ja Musik, und so hat sich früh herausgestellt, dass sie eine wahnsinnig schöne Stimme hat. Außerdem spielt sie Cello. Bei unserem Programm ist es jetzt so, dass meine Mutter liest, meine Tochter singt, und ich bin so ein Hybrid in der Mitte – ich lese, begleite und mache die Lieder, die meine Tochter nicht so gerne singen möchte.
Frage: Sie haben also eine Anfrage bekommen, bei der gar nicht klar war, um welches Programm es gehen soll?
Antwort: Ja, wir haben auch eine ganze Weile überlegt, bis meine Mutter auf die Idee kam, dass das Programm doch von Vögeln handeln könnte, weil ich immer schon eine Affinität zu Vögeln hatte. Das Programm heißt „3 Birds“, weil das Schöne an dem Wort Bird im Englischen ist, dass es einerseits für Vogel steht, andererseits aber auch eine Bezeichnung für Frauen und Mädchen ist. Damit rumzuspielen macht totalen Spaß. Es gibt wahnsinnig viele schöne Geschichten über Vögel – zum Beispiel von meinem Mitmusiker Buddy Sacher, mit dem ich seit 30 Jahren Musik mache. Der ist fast schon ein Ornithologe und hat ein Buch geschrieben über Vögel, die es noch nicht gibt.
Frage: Zum Beispiel?
Antwort: Das Buch heißt „Freie Sicht auf die Ambiente“. Daraus haben wir uns ausgesucht den kleinen chinesischen Bambussprosser, den Mandarinenzeisig, die schwarzblütige Trauerseeschwalbe, die Piraterie, den Schlaraffenschwänzer und den Orpheusspötter.
Frage: Das heißt, Ihr komplettes Programm dreht sich um Vögel?
Antwort: Ja, es geht wirklich nur um Vögel. Da gibt’s schöne Texte und Lieder, amüsante wie traurige und erhellende Sachen und immer wieder den Bezug zu Frauen. Das macht großen Spaß.
Frage: Mutter-Tochter-Verhältnisse sind ja nicht immer die allereinfachsten. Sie haben es in Ihrer Konstellation bei den „3 Birds“ gleich doppelt. Wie ist es bei Ihnen – Harmonie pur oder knallt’s auch mal?
Antwort: Erst mal denkt man: Wie schön, wir machen was zu dritt, das ist ja super. Und dann merkt man auf einmal: So einfach ist es gar nicht (lacht). Es war ein bisschen nervenaufreibend, und da ich es an die beiden rangetragen hatte, bin ich natürlich fröhlich in der Mitte. Meine Mutter macht sich um alles Sorgen und ist eher aufgeregt, meine Tochter wiederum kann die Songs sofort und kommt dann mal eben nicht zur Probe. Aber am Ende ist es ganz toll, das zu machen, wir genießen es total. Wir wissen schon sehr, was wir aneinander haben.
Frage: Ihre Tochter Lulu ist jetzt 23, und Sie haben schon vor acht Jahren gesagt: Sie singt mich an die Wand. An welchem Punkt ist sie denn heute?
Antwort: Wir haben unterschiedliche Qualitäten, was das Singen angeht. Ich kann gut interpretieren, also Geschichten vermitteln. Sie modelliert wahnsinnig schön. Sie ist keine Beyoncé nach dem Motto höher, schöner, weiter, sondern sie hat halt eine wahnsinnige Tiefe. Jemand hat sie mal mit PJ Harvey verglichen, ich würde sie eher bei Amy verorten.
Frage: Das ist ja auch eine Hausnummer. Lulu hat sich den Künstlernamen Lusah gegeben.
Antwort: Das sind die Initialen ihrer Namen. Sie heißt mit vollem Namen Lulu Snunit Amanita Hacke – so kam Lusah zustande, und das klingt dann wie Loser.
Frage: Lulu kannte ich ja als Namen, aber Snunit und Amanita habe ich noch nie gehört.
Antwort: So ging es denen im Standesamt auch, wo ich mich fünf Tage nach der Geburt hingerobbt habe, um das Kind anzumelden. Da saßen dann zwei Damen, eine jüngere und eine ältere. Die Jüngere hackte auf ihre Schreibmaschine ein und fragte: Name? – Meret Becker. Beruf? Sagt die ältere: Schauspielerin, wa? Oder hamse och wat Anständiges gelernt? So ging’s schon los. Ich sagte dann: Schauspielerin und Musikerin, aber gut – nennen Sie es darstellende Künstlerin.
Frage: Fängt ja gut an.
Antwort: (Lacht) Als Nächstes kam dann: Wie sollet denn heißen? – Lulu Snunit Amanita. Wiiie? Ich so: Lulu – Snunit – Amanita. Wat soll dit denn sein? Ich daraufhin: Snunit ist Hebräisch und heißt Schwalbe. Und Amanita ist Spanisch. Ich hatte eine spanische Großmutter, und die hieß so. Das war natürlich erstunken und erlogen. Ich hatte zwar eine spanische Ururgroßmutter, aber wie die hieß, weiß ich gar nicht. Snunit aber konnte ich belegen, weil ich ein Namensbuch mitgebracht hatte. Das mussten sie also schlucken. Dann sagte die Jüngere: Sollen wer Amanita jetzt och noch nachgucken? Und die Ältere: Nee, det hört man doch, dass det Spanisch ist. Ich hab mich gefreut, denn es ist die lateinische Bezeichnung für Knollenblätterpilz, also auch Fliegenpilz. Das sind jetzt die Beigaben für meine Tochter – eine Schwalbe und ein Fliegenpilz.
Frage: Sie haben mal gesagt, Künstlerin und alleinerziehend zu sein sei so ziemlich das Schwierigste, das man sich vorstellen kann.
Antwort: Vielleicht nicht das Schwierigste, aber schon nicht schlecht. Man muss halt wahnsinnig viel organisieren, manchmal kommt man sich vor wie ein Logistik-Unternehmen. Am Anfang habe ich sie immer mitgenommen, da war es kein Problem. Als Künstlerin lebt man ja eigentlich nomadisch, aber bei Kindern wird ab einem bestimmten Alter vorausgesetzt, dass sie sesshaft leben. Wäre ich im Zirkus engagiert, dann wäre es kein Problem gewesen, aber Film ist sehr kinderfeindlich, da gibt es keine Kinderbetreuung oder einen Set-Kindergarten. Und wenn man eine Wohnung sucht, ist es wirklich nicht so cool als Alleinerziehende ohne gesichertes Einkommen.
Frage: Sie haben Ihre eigene Familie ja öfter mal als Zirkusfamilie bezeichnet.
Antwort: Zirkusfamilie stimmt natürlich nicht, aber meine Mama ist wirklich im Zirkus groß geworden. Meine Großeltern und mein Onkel waren im Zirkus und Varieté tätig, und meine Mutter ist entweder immer woanders zur Schule gegangen oder war in einer Zirkusschule, mal in einem Kinderheim oder bei Pflegefamilien. Diesen Background merke ich auch bei mir, das hat etwas sehr Geerdetes, denn Zirkusleute sind sehr praktisch veranlagt, stehen ein bisschen außerhalb der Gesellschaft, und sie spielen mit allem Möglichen rum. Sie sind nomadisch unterwegs und werden behandelt, als wären sie aus einem Panoptikum entflohen. Ein bisschen davon ist irgendwie rübergerutscht. Das hat auch meine Tochter abbekommen, die anders behandelt wird als wenn ihre Eltern Ärzte, Rechtsanwälte oder auch Bauarbeiter wären. Künstlerkinder werden manchmal behandelt, als wären sie Freaks.
Frage: Wie haben Sie das selbst empfunden?
Antwort: Für mich war meine Familie immer die normalste von allen.
Frage: Ihre Eltern sind ja Schauspieler – hatten die Verständnis dafür, dass Sie mit 16 die Schule abgebrochen haben, um auch Schauspielerin zu werden?
Antwort: Nee. Otto, mein Vater, hat großen Wert auf eine Ausbildung gelegt und mich in eine humanistische Schule gesteckt, was völlig absurd war, weil er das gar nicht betreuen konnte. Er meinte, ich müsste eine andere Welt kennenlernen, in der Disziplin und Strenge regieren. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert – ich muss Dinge von Grund auf verstehen. Man kann mir nicht sagen, dass ich etwas einfach auswendig lernen soll – ich muss die Dinge logisch verstehen, damit ich sie nachvollziehen kann. Überhaupt fiel ich da aus dem Rahmen. Ich hatte eine Freundin aus Kreuzberg, deren Mutter alleinerziehend war – zu mir und zu ihr durften manche Kinder nicht zum Geburtstag kommen.
Frage: Lulu ist auch mit 16 von der Schule abgegangen.
Antwort: Weil sie nicht wirklich akzeptiert wurde und sich auch schwertat – was ja naheliegt, wenn man andere Interessen hegt.
Frage: Hatten Sie Verständnis für ihre Entscheidung?
Antwort: Nein, ich habe mich natürlich auch daran abgearbeitet, dass sie die Schule durchzieht. Es ist witzig – wir sind alle groß geworden und haben gemacht, was wir wollten. Und trotzdem sind wir der Meinung, dass unsere Kinder möglichst das Abi machen sollten, warum auch immer. Eigentlich ist es beschrubbt. Ich verstehe auch nicht, warum man für eine Schauspielschule oder ein Musikstudium mittlerweile ein Abi braucht. Es liegt doch in der Natur der Sache, dass man nicht unbedingt gerne Chemie lernt. Stattdessen geht man lieber ins Kino oder Theater, zu Musikveranstaltungen, oder treibt sich nachts rum und tut sich das alles rein. Das System Schule funktioniert aber ganz anders – wenn man da zu oft fragt, heißt es schnell: Du hältst jetzt mal den Rand. Dabei wollen Kinder doch von sich aus alles wissen. Meine Tochter konnte schreiben und lesen, bevor sie sie in die Schule kam, weil sie es wissen wollte. Die hat gefragt: Was ist das für ein Buchstabe? Und ich dann: Das ist ein B – das kannst du dir merken, weil es sieht aus wie ein Busen. Oder das D wie Dicker Bauch, oder S klingt, wie die Schlange macht. So hat sie das Alphabet gelernt.