Ernährung
Zum Anti-Diät-Tag: Was wirklich gegen Übergewicht hilft
Zehn Kilo weg in sechs Wochen, und anschließend kommt alles zurück: Viele Menschen haben leidvolle Erfahrung mit Diäten gemacht. Zum Anti-Diät-Tag am 6. Mai erklärt ein Ernährungsmediziner, was wirklich hilft.
Leer - Am 6. Mai ist Anti-Diät-Tag. Er wurde vor 30 Jahren von der ehemals magersüchtigen Autorin Mary Evans Young aus Großbritannien ins Leben gerufen. Die Redaktion hat mit dem Ernährungsmediziner Dr. Markus Rohe aus Leer über Diäten, Intervallfasten und Magenverkleinerungen gesprochen.
Frage: Herr Dr. Rohe, mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland hat Übergewicht. Ist es da angemessen, einen Anti-Diät-Tag zu begehen? Müsste man nicht eher einen Anti-Übergewichts-Tag begehen?
Dr. Markus Rohe: Die Frage ist ja, wo das Übergewicht herkommt. Mit Diäten werden wir dem Problem nicht beikommen.
Frage: Diäten helfen also definitiv nicht gegen Übergewicht?
Rohe: Mein alter Oberarzt hat immer gesagt, Diät heißt gesunde Ernährung, gesunde Lebensführung. In Deutschland wird unter Diät aber landläufig verstanden, dass man sich sechs Wochen lang zusammenreißt und irgendwas macht: nur die Hälfte essen, Kohlsuppe essen, Eiweißshakes trinken. Nach den sechs Wochen freut man sich, dass man es überstanden und fünf Kilo abgenommen hat, und dann macht man so weiter wie vorher. Das funktioniert natürlich nicht.
Frage: Was funktioniert stattdessen?
Rohe: Der vernünftige Weg zur Gewichtsreduktion ist eine dauerhafte Ernährungsumstellung. Ich muss mir überlegen, was ich auf Dauer durchhalten kann. Um abzunehmen, muss ich vorübergehend etwas weniger Kalorien zu mir nehmen, als ich brauche. Ergänzt werden sollte das, soweit das gesundheitlich möglich ist, durch entsprechende Bewegung.
Frage: Kalorienzählen ist also durchaus sinnvoll?
Rohe: Am Anfang vielleicht, um ein Maß für die Portionen zu finden. Man kann aber auch andere Dinge machen, zum Beispiel Intervallfasten. Wer 16 Stunden am Tag fastet, nimmt im Schnitt 350 Kalorien weniger am Tag zu sich als jemand, der drei, vier oder fünf Mahlzeiten am Tag isst. Andere Studien belegen, dass jemand, der viele hoch verarbeitete Lebensmittel, also Fertigprodukte, isst, 500 Kalorien mehr zu sich nimmt als jemand, der hauptsächlich frisch zubereitete Gerichte isst.
Frage: Wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt: Herr Doktor, ich will zehn Kilo abnehmen. Wie lautet die Zauberformel?
Rohe: Die gibt es nicht. Es kann am Anfang durchaus helfen, Mahlzeiten etwa durch Eiweißshakes zu ersetzen. Das funktioniert aber nur, wenn man es in ein langfristiges Konzept einbettet, mit Verhaltenstraining und Ernährungberatung. Am Ende muss ich die Dinge anders machen, als ich sie vorher gemacht habe, sonst sind die verlorenen Kilos ganz schnell wieder drauf.
Frage: Was halten Sie von Magenband- oder Magenbypass-Operationen für stark Übergewichtige?
Rohe: In Extremfällen kann das sinnvoll sein. Wenn jemand 170 oder 180 Kilo wiegt, schon vieles versucht hat und es nicht schafft, dauerhaft seine Ernährung umzustellen, ist das eine Möglichkeit, um dauerhaft Gewicht zu reduzieren. Viele meiner Patienten kommen damit ganz gut zurecht, einige nicht so gut. Es hat immer die Konsequenz, dass man lebenslang unter ärztlicher Überwachung bleiben muss und dass man regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel nehmen muss, weil über den verkleinerten Magen Vitamine und Spurenelemente nicht mehr ausreichend aufgenommen werden können.
Frage: Weil man kein Obst mehr essen kann?
Rohe: Man kann schon noch Obst essen, aber nur kleine Mengen. Und nach einer Magenbypass-Operation verschlechtert sich die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen.
Frage: Ist der Erfolg nachhaltig? Haben die Patienten nach einigen Jahren immer noch das niedrigere Gewicht? Oder nehmen sie dann Kalorienbomben in flüssiger Form zu sich?
Rohe: Man kann das immer umgehen. Wenn die Psyche nicht mit kleinen Portionen zurechtkommt, geht das Gewicht wieder nach oben. Aber viele Patienten profitieren langfristig davon und nehmen 50 bis 60 Kilo ab.
Frage: Reiner Calmund ist ja ganz beeindruckend.
Rohe: Ja. Auch Sigmar Gabriel ist operiert. Da gibt es viele Beispiele.
Frage: Aber es sollte immer der letzte Ausweg sein, oder?
Rohe: Schöner ist es, wenn man′s anders schafft, gar keine Frage. Aber wenn der Body-Mass-Index erst mal über 50 gestiegen ist, hilft am Ende häufig nur die Chirurgie. So ist es auch in den aktuellen wissenschaftlichen Leitlinien zur Adipositastherapie hinterlegt.
Frage: Was ist Ihr ultimativer Tipp zum Abnehmen und Schlankbleiben?
Rohe: Die Ernährung dauerhaft umstellen, nicht in alte Muster verfallen, an der Bewegung dranbleiben. Wichtig ist, dass man Mitstreiter hat. Wenn der Ehemann oder die Ehefrau nicht mitzieht, funktioniert es in der Regel nicht. Auch beim Sport ist es wichtig, etwas zu finden, das zu einem passt, und am besten einen Partner. Dann kann man sich gegenseitig in den Hintern treten.