Gesundheit

Alkohol: Wenn die Sucht das Leben bestimmt

Rieke Heinig
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Von Rieke Heinig
| 07.05.2022 16:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Viele Menschen haben ihr Leben lang mit der Abhängigkeit zu kämpfen. Foto: Heinl/dpa
Viele Menschen haben ihr Leben lang mit der Abhängigkeit zu kämpfen. Foto: Heinl/dpa
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Die Deutschen trinken laut aktuellen Zahlen noch immer zu viel Alkohol, nicht wenige Menschen sind süchtig nach der Volksdroge. Wie erkennt man eine Abhängigkeit und schafft es wieder heraus?

Ostfriesland - Es heißt, wer einmal süchtig ist, bleibt es sein Leben lang. Etwa 1,6 Millionen Menschen gelten hierzulande als alkoholabhängig.

Was und warum

Darum geht es: Experten erklären, wie es zur Alkoholsucht kommt, wie man sie erkennt und es wieder heraus schafft.

Vor allem interessant für: Menschen, die schon Berührungspunkte mit Süchten hatten, und alle, die regelmäßig Alkohol trinken.

Deshalb berichten wir: Das Jahrbuch Sucht 2022 ist vor kurzem erschienen und zeigt, dass in Deutschland noch immer zu viel Alkohol getrunken wird.

Die Autorin erreichen Sie unter: r.heinig@zgo.de

Aber wie wird man süchtig nach dem Rausch? Und kann man es aus der Abhängigkeit auch wieder herausschaffen? Wir haben Suchtberater aus Ostfriesland gefragt, welche Erfahrungen sie mit ihren Patientinnen und Patienten gemacht haben.

Wie erkennt man ein Alkoholproblem?

Klaus Weber ist Einrichtungsleiter der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention Drobs in Leer. Um festzustellen, ob jemand ein Alkoholproblem hat, gibt es laut Weber ein wesentliches Indiz: den Kontrollverlust darüber, wann, wie viel und wie oft man trinkt. „Wer süchtig ist, richtet seine Freizeit danach aus, wo gefeiert wird, und plant schon im Voraus, irgendwo hinzugehen, wo viel getrunken wird“, sagt er.

Klaus Weber ist Einrichtungsleiter der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention  DROBS in Leer. Foto: Privat
Klaus Weber ist Einrichtungsleiter der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention DROBS in Leer. Foto: Privat

Negative Effekte nimmt jemand mit Alkoholsucht laut Weber in Kauf. „Wer sich alkoholisiert ans Steuer setzt, hat ein Problem mit Alkohol. Man spielt das Risiko – sich und andere zu verletzen oder erwischt zu werden – herunter.“ Verhaltensweisen wie diese seien ein klarer Hinweis darauf, vom Verlangen nach Alkohol gesteuert zu werden, erklärt der Suchtberater.

Welche Faktoren begünstigen eine Abhängigkeit?

„Der Weg in eine Sucht ist ein schleichender Prozess, der sich oft über Jahre zieht“, erklärt Kordula Knitsch. Sie arbeitet bei der Fachambulanz Sucht Ostfriesland-Nord in Aurich und hat schon viele Menschen mit Alkoholproblem im Rahmen einer klinischen Therapie begleitet. Die Gründe ihrer Patientinnen und Patienten zu trinken seien immer unterschiedlich. „Allerdings lässt sich festhalten, dass Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft völlig normal ist“, sagt sie. Der erste Kontakt finde oft schon durch das Elternhaus statt. „Jugendliche wollen sich als Erwachsene fühlen. Sehen sie ihre Eltern Alkohol trinken, gilt das für sie als erwachsenes Verhalten“, erklärt die Suchttherapeutin.

Kordula Knitsch arbeitet bei der Fachambulanz Sucht Ostfriesland-Nord. Foto: Privat
Kordula Knitsch arbeitet bei der Fachambulanz Sucht Ostfriesland-Nord. Foto: Privat

Aber auch die Medien haben aus ihrer Sicht einen Einfluss auf die Wahrnehmung: „Man sieht es oft genug im Fernsehen: Hatte jemand einen schlechten Tag, wird zum Feierabend die Wein- oder Whiskeyflasche geöffnet und schon ist die Welt wieder in Ordnung“, sagt Knitsch. Das male ein sehr positives Bild vom Konsum. Ein weiteres Problem sieht Suchtberater Klaus Weber in der Verfügbarkeit: „Alkohol kann ich überall kaufen – sogar an der Tankstelle. Und Dinge, die leicht zu bekommen sind, können dementsprechend häufiger konsumiert werden.“ Genau da liege das eigentliche Problem, erklärt Kordula Knitsch. „Wenn ich ständig Alkohol trinke, reichen zwei Bier schnell nicht mehr aus, um den Rausch zu erleben.“ Der eigentliche Suchtfaktor dabei: Der Rausch nimmt Hemmungen und man fühlt sich gut. „Dieses Hoch will man möglichst oft erreichen, braucht jedoch immer mehr und immer härteren Alkohol dafür“, erklärt Knitsch.

Wie schafft man es aus der Sucht wieder raus?

Alleine schaffen es nach der Erfahrung von Knitsch die wenigsten Menschen aus einer Abhängigkeit: „Es ist, als würde man im Moor feststecken: Je mehr man alleine kämpft, desto schneller versinkt man und kommt auch schwieriger wieder heraus.“

Das soziale Umfeld, wie die Familie, könne nur bis zu einem bestimmten Punkt helfen. Am besten sei es, sich professionelle Hilfe in Form von Therapie und Selbsthilfegruppen zu suchen“, rät die Therapeutin.

Wie sieht ein Leben nach der Sucht aus?

„Alkoholsucht ist eine chronische Krankheit. Sie begleitet die Betroffenen also ihr Leben lang“, betont Klaus Weber. Die Strukturen, die zur Abhängigkeit geführt haben, seien meist zu tiefgreifend, um sie je wieder völlig loszuwerden. Hilfreich ist es laut Weber, auch nach erfolgreich abgeschlossener Therapie weiter in Selbsthilfegruppen zu gehen, um sich dort mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, auszutauschen.

„Wer süchtig ist, muss sich jeden Tag erneut dazu entscheiden, nicht zu trinken“, bestätigt Kordula Knitsch. Rückfälle passieren ihrer Erfahrung nach immer mal wieder. „Wichtig ist dann nur, den Rückfall zu benennen und es nicht herunterzuspielen“, sagt sie. Und dann müsse man einfach weitermachen und einen Tag nach dem anderen angehen.

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