Berlin

Was Fynn Kliemann vorgeworfen wird – und wie er versucht, sich zu erklären

Viktoria Meinholz, Jakob Patzke
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Von Viktoria Meinholz, Jakob Patzke
| 07.05.2022 15:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Fynn Kliemann bei einer Fernsehshow 2019: Der Youtuber muss sich mit gleich mehreren Vorwürfen gegen ihn auseinandersetzen. Foto: imago images / Horst Galuschka
Fynn Kliemann bei einer Fernsehshow 2019: Der Youtuber muss sich mit gleich mehreren Vorwürfen gegen ihn auseinandersetzen. Foto: imago images / Horst Galuschka
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Jan Böhmermann und das „ZDF Magazin Royale“ haben sich die Geschäfte von Fynn Kliemann mal genauer angesehen und werfen dem Youtuber Betrug vor. Der verspricht seinen Fans Transparenz, gerät aber immer weiter in die Kritik.

In diesem Artikel erfährst Du:

Fynn Kliemann könne man nicht in Worte fassen. Er sei mehr „sowas wie ein Vibe, fast schon ein Gefühl“, sagt Jan Böhmermann zu Beginn seines Beitrags und bringt damit den Erfolg des Youtubers und Musikers gut auf den Punkt. Seine Fans mögen Kliemann, weil er nicht nur redet, sondern mit anpackt, weil er sympathisch verpeilt Gutes tut.

Doch nach dem Bericht, den das „ZDF Magazin Royale“ am Freitag veröffentlichte, bröckelt diese Fassade. Darin geht es um zweifelhafte Geschäfte und mehr als unpassende Statements Kliemanns. Der reagiert auf Instagram und in einem ausführlichen Interview auf die Vorwürfe – und lässt damit viele Fans eher ratlos zurück.

Der Beitrag vom „ZDF Magazin Royale“ wirft im Ganzen kein gutes Licht auf Fynn Kliemann. Es werden Whatsapp-Nachrichten zitiert, in denen Kliemann – bezugnehmend auf das Geschäft mit Schutzmasken zu Beginn der Pandemie – angibt, „Krise kann auch geil sein“. Auch eine Spendenaktion des Influencers, die Bedürftigen Urlaub in den von ihm betriebenen Ferienunterkünften ermöglichen soll, wird vom ZDF unter die Lupe genommen: Erst sollte anscheinend die „Aktion Deutschland hilft“ die Verteilung der Spenden übernehmen, dann die Tafel. Beide haben sich inzwischen von dem Projekt distanziert. Was mit dem Geld geschieht, ist unklar.

Im Zentrum der Vorwürfe steht aber der Vertrieb von Gesichtsmasken. Nach Recherchen des „ZDF Magazin Royale“ sollen Kliemann und sein Geschäftspartner Tom Illbruck, der Gründer der Firma „Global Tactics“, falsche Aussagen darüber gemacht haben, woher die von ihnen verkauften Corona-Schutzmasken stammten. Laut Böhmermann wurden die Masken in Vietnam und Bangladesch hergestellt und nicht – wie von Kliemann gegenüber seiner Community angepriesen – fair in Europa produziert.

Als für ihn persönlich schlimmsten Vorwurf bezeichnet Kliemann die Vorgänge rund um die Spende von 100.000 fehlerhaften Masken an Flüchtlinge. Die in Bangladesch hergestellten Masken waren laut der ZDF-Recherchen nicht nur „etwas größer als die Norm“, wie Kliemann behauptete, sondern auch einlagig, viel zu dünn und somit zum Schutz vor Covid-19 ungeeignet.

Kliemann veröffentlichte bereits vor der Ausstrahlung der Sendung ein Video auf seinem Instagramkanal, in dem er die Fragen beantwortete, die Böhmermanns Redaktion ihm per Mail gestellt hatte. Darin pries er noch die Vorteile eines investigativen Journalismus, da sonst ja „jeder mache, was er wolle“. Am Freitagabend, nach der Veröffentlichung der ZDF-Sendung, nahm er erneut in einen umfangreichen Video Stellung: „Ich möchte mich in aller Form bei allen Personen, Organisationen, Institutionen entschuldigen, die nun auf den ersten Blick enttäuscht und geschockt sind“, so der Influencer in dem Beitrag.

Bezugnehmend auf den Maskendeal sagte er, dass er „den Prozess nicht mehr überblicken konnte.“ Weiter hieß es: „Das darf niemals passieren und somit übernehme ich, auch wenn ich weder Produzent noch Verkäufer war, eine Verantwortung.“

Im Interview mit dem „Spiegel“ beruft sich Kliemann darauf, dass die in Bangladesch produzierten Masken nie über seine Webseite verkauft sondern nur für den Großhandel gedacht gewesen seien. „Ich wusste zwar, dass in Bangladesch Masken produziert werden, aber ich wusste nicht, an wen sie genau verschickt werden“, so Kliemann. Doch der Versandhändler About You verkaufte genau diese Masken unter seinem Namen. Kliemanns Verteidigung: „Ich habe nie dementiert, dass Masken von Global Tactics in Bangladesch produziert werden. Ich wurde nur nie danach gefragt.“ Ein Satz, der vielen seiner Fans in den Sozialen Netzwerken bitter aufstößt.

Im Interview mit dem „Spiegel“ verrät er auch, wie viel er durch die Masken verdient habe: etwa 415.083 Euro vor Steuern. „Die Aussage, dass ich mit den Masken nichts verdiene, war falsch. Ich habe übertrieben und das muss ich mir in Zukunft abgewöhnen.“

„Sorry, aber das wird nicht mehr gut“, schreibt eine Userin unter dem Erklär-Video Kliemanns auf Instagram und fasst damit wohl die Stimmung vieler Fans zusammen. Eine anderer Followerin zeigt sich ebenfalls enttäuscht: „Das traurige ist, dass ich wirklich kurz dachte ‘was will Böhmi von dir – jetzt übertreiben die’. Aber leider hat das ZDF Magazin Royal immer einen Grund wenn sie ein Thema aufgreifen. Extrem enttäuschend für junge, kreative Menschen, die in dir ein Vorbild gesehen haben.“

Neben einzelnen positiven Nachrichten, die ihm zu dem offenen Umfang mit seinen Fehlern gratulieren, bekommt der Youtuber gerade für den Satz, dass Krise auch geil sein könne, viel Häme ab. „Ich weiß gar nicht, was ich mehr verachte“, schreibt der Moderator Thore Schölermann. „ Das Vertrauen seiner Community und den Glauben ins Gute zu missbrauchen oder auch noch seinen ‘Geshäftspartnern/Freunden’ in den Rücken zu fallen und sie dafür gerade stehen zu lassen“.

Der Versandhändler About You widerspricht der Aussage, dass sie gewusst hätten, dass die Lieferungen aus verschiedenen Ländern, auch außerhalb Europas stammten. About-You-Co-Chef Tarek Müller schrieb auf Twitter: „Nach den uns vorliegenden Informationen hat uns Global Tactics weder im Jahr 2020, noch danach, darüber informiert, oder uns darauf hingewiesen, dass die Masken außerhalb Europas hergestellt werden.“

About You hat inzwischen Masken aus dem Shop „Oderso“, dessen Geschäftsführer Kliemann ist, aus dem Sortiment genommen und will den ganzen Fall überprüfen.

2020 hatte Kliemann von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis (DNP) für sein soziales Engagement mit Blick auf die Schutzmasken noch den Sonderpreis des Next Economy Awards erhalten. Jetzt reagierte die Stiftung und erkennt Kliemann den Preis ab, da er „unlautere Methoden angewendet und uns mit Greenwashing hintergangen hat“, wie es in einer Pressemitteilung hieß.

(mit Material der dpa)

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