Kirche ohne Pfarrstelle Katholische Gemeinde in Emden wird zur Pioniergemeinschaft
Ohne Pfarrer, ohne Führung? Die katholische Christ-König-Gemeinschaft in Emden muss mindestens anderthalb Jahre ohne geistliches Oberhaupt auskommen. Die Hoffnung ruht auf einem Experiment.
Emden - Ende April hat Pfarrer Jörg Buß auf eigenen Wunsch die katholische Pfarreiengemeinschaft Christ-König in Emden verlassen. Der 64-Jährige drohte unter der Last der Leitertätigkeit zusammenzubrechen. Er zog es vor, im Emsland einen Neuanfang als Seelsorger mit deutlich weniger Verantwortung zu machen. Zurück bleiben rund 6500 Gläubige auf dem Festland und der Ostfriesischen Insel Borkum, die ebenfalls vor einer Zäsur stehen. Denn die Stelle von Buß wird wegen des Priestermangels in der krisen- und skandalgeschüttelten katholischen Kirche frühestens im Herbst 2023 wiederbesetzt. Bis es so weit ist, versucht sich das Bistum Osnabrück an einem Experiment.
Was und warum
Darum geht es: die Folgen des Priestermangels und die ungewisse Zukunft der katholischen Kirche in der Pfarreiengemeinschaft Christ-König
Vor allem interessant für: Die Mitglieder der Pfarreiengemeinschaft sowie Gläubige in Ostfriesland, deren Gemeinden ebenfalls Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel suchen
Deshalb berichten wir: Seit diesem Monat und voraussichtlich noch bis Herbst 2023 hat die Pfarreiengemeischaft Christ-König kein geistliches Oberhaupt mehr. Die Pfarrstelle bleibt vakant. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Der Bischof setzt ein Pfarrteam ein, das sich die Aufgaben teilt. „Es ist das erste Mal, dass ein Bistum so einen Schritt macht“, sagt Diakon Stephan Fielers. Als Ersatz für einen hauptverantwortlichen Pfarrer übernimmt er zusammen mit weiteren Vertretern des Kirchenvorstandes und des Pfarrgemeinderates die Leitung über die Gemeinschaft. Damit soll die gemeinsame Verwaltung der Pfarrei Christ König und der Kirchengemeinde Maria Meeresstern auf Borkum handlungsfähig bleiben.
Beichten nur noch nach Terminabsprache
Komplizierter ist das Improvisieren bei der direkten geistlichen Arbeit in der Kirche. Denn in der katholischen Glaubensrichtung sind einige Riten ohne Pfarrer nicht möglich. Während Taufen, Trauungen oder Trauerfeiern auch von anderen Priestern geleitet werden dürfen, gibt es Zeremonien, die „nur ein Pfarrer machen“ könne, erklärt Stephan Fielers. Als Beispiele nennt er das Beichten, die Krankensalbung und die Gottesdienste zu den höchsten Festen – Ostern und Weihnachten. Alleine dafür ist die Pfarreiengemeinschaft mit ihrem Zentrum in Emden auf Unterstützung angewiesen.
Das heißt: Einerseits werden die Gemeindemitglieder auf einige Termine und Riten länger warten müssen. Statt fester Zeiten wird es in der Übergangszeit vermehrt Absprachen geben. Andererseits sind Pfarrer aus der Nachbargemeinschaft in Aurich gefordert, weitere Gemeinden mit abzudecken. Die zusätzlichen Heiligen Messen teilen sich Dechant und Pfarrer Dr. Andreas Robben sowie Pastor Carl Borromäus Hack.
Studienkollege trat Welle der Missbrauchsenthüllungen los
Die Veränderungen mögen vorübergehend sein. Im Kern spiegeln sie jedoch den dramatischen Schwund und einen grundsätzlichen Wandel in der katholischen Kirche wider. Noch vor 15 Jahren habe es im Bistum Osnabrück rund 220 Pfarrgemeinden gegeben, sagt Diakon Fielers. Geblieben seien etwa 75 mit entsprechend weniger Stellen und geistlichen Führern.
Als Grund sprach Pfarrer Jörg Buß bei seinem Abschied offen auch die internen Missstände und Missbrauchsenthüllungen der vergangenen Dekade an. „Das setzt uns zu“, sagte er gegenüber der Redaktion. Auslöser war der Jesuitenpater Klaus Mertes, der mit seinen Nachforschungen und Berichten Anfang 2010 eine Welle von Aufdeckungen sexuellen und physischen Missbrauchs junger Menschen an kirchlichen – und später auch an nichtkirchlichen – Bildungseinrichtungen in Deutschland ins Rollen brachte.
„Schmerzliche Einschnitte“
Buß sagt, er habe diese Entwicklung von Anfang an eng verfolgt. Mertes sei ein Studienkollege, den er seit langem kenne. „Ich konnte es erst gar nicht glauben“, so der Pfarrer. Der dramatische Mitgliederschwund sei „durch Corona noch einmal beschleunigt worden“, stellte er fest.
Die monatelange Vakanz trifft die Gemeinde Christ-König in Emden in einer ohnehin schwierigen Situation. In einer schriftlichen Pressemitteilung spricht der Kirchenvorstand die Herausforderungen an: „Die Veränderungen bedeuten für die Gemeindemitglieder erhebliche Einschnitte und werden vielleicht auch für einige schmerzlich sein.“ Gleichzeitig gibt man sich optimistisch: Es sei „auch eine Chance für die Gemeinde, das Gemeindeleben anders mitzugestalten. Es ist ein spannender Weg in eine neue Zukunft“, heißt es.