Kiel Starke Frau für Schwarz-Grün in Schleswig-Holstein: Wer ist Aminata Touré?
Sie ist Teil des grünen Erfolges bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Aminata Touré beginnt schon jetzt mit ihrer Erzählung eines schwarz-grünen Bündnisses mit der CDU und strickt dabei fleißig an ihrer eigenen Karriere.
Aminata Touré hat nach der Wahl in Schleswig-Holstein nicht viel Schlaf bekommen. „Ich bin so gegen 1 Uhr von der Wahlparty abgehauen“, sagt die Grünen-Politikerin am Tag nach der für ihre Partei erfolgreichsten Landtagswahl aller Zeiten in Schleswig-Holstein. Nun sitzt Touré mit ihrer Co-Spitzenkandidatin Monika Heinold im Auto nach Berlin, wo sie eine Pressekonferenz mit dem Bundesvorstand abhalten will.
„Wir sind top motiviert“, sagt die Noch-Landtagsvizepräsidentin und bezieht das auch auf Finanzministerin Heinold, die sich ebenfalls auf die jetzt anstehenden Gespräche freut. Am Abend werden die beiden dann beim Grünen-Parteirat in Kiel eine Wahlnachlese betreiben.
Gut fünf Prozent hat die Partei zugelegt und dabei die SPD deutlich hinter sich gelassen. Doch die Wählerwanderungen zeigen, dass auch die Grünen an Wahlsieger Daniel Günther und dessen CDU Wähler verloren haben. Darüber werde man auch noch diskutieren, aber Touré sucht sich lieber die positiven Aspekte des Ergebnisses heraus, wie etwa, dass die Grünen vor allem bei den Jungwählern so erfolgreich waren – ein Aspekt, den sich auch die 29-Jährige auf die Fahnen schreiben kann.
Denn noch immer ist die Frau, die in einer Flüchtlingsunterkunft in Neumünster aufwuchs, anders als andere – und das eben nicht nur wegen ihrer Hautfarbe und ihrem massiven Kampf gegen Rassismus. Touré spricht anders als andere. „Krass“ ist immer noch eines ihrer Lieblingswörter. Und sie sagt eben auch mal „verkacken“ oder „abgefuckt“ – und es wirkt doch irgendwie authentisch.
Dabei hat sie sich gut unter Kontrolle. Als Landtagsvizepräsidentin beherrscht sie auch leisere Töne. Sie hat einen Bestseller über ihr Leben in der Politik geschrieben und bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Aber ihr Fokus ist in Schleswig-Holstein und als leidenschaftliche Parlamentarierin hat sie in ihren ersten fünf Jahren im Landtag das Verhandeln gelernt.
Und natürlich würden nun erste Gespräche geführt, um über Sondierungen möglichst zu einer schwarz-grünen Koalition zu kommen, die Touré schon am Wahlabend klar und deutlich gefordert hat. In dieser Woche wird es dazu vermutlich noch nicht viel zu sagen geben, denn auch Touré weiß, dass jetzt alle erstmal die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen abwarten werden. Das schließt aber natürlich nicht aus, dass das Spitzenpersonal schon einmal das eine oder andere Gespräch führen wird.
Und dabei wird die 29-Jährige kräftig mit mischen. Denn natürlich wird der Generationswechsel auch nach der Wahl weitergehen. Und für den steht keiner mehr als Touré. In welche Rolle sie sich in einer möglichen schwarz-grünen Koalition sieht, sagt sie nicht. Nur so viel: „Ich kann mir eine herausgehobene Rolle in der Regierung, aber auch in der Fraktion vorstellen und traue mir das auch zu.“ Bislang hat Touré sich als Innen- und Sozialpolitikerin profiliert. Doch welches zusätzliches Ministerium die Grünen in einer kommenden Regierung bekämen, ist noch lange nicht ausgemacht.
In der Fraktion werden die Grünen eine starke Hand brauchen. Eka von Kalben, die den Laden zehn Jahre geführt hat, tritt ins zweite Glied zurück. Gut möglich, dass Touré sie ersetzen wird. Unter den 14 Abgeordneten der Fraktion sind neun Neulinge, wenn Heinold im Kabinett bleiben und ihr Mandat zurückgeben sollte, wären es sogar zehn.
Die anderen Fraktionen – und nicht zuletzt die CDU – schauen mit ein bisschen Argwohn auf die neuen Abgeordneten, von denen sie nicht so genau wissen, ob die jetzt angesichts des guten Wahlergebnisses durchregieren wollen. Da wird es eine durchsetzungsstarke Fraktionsvorsitzende brauchen, die ihren Leuten den Sinn für das Machbare aufzeigen kann.
Touré kann das. Sie hat ein klares Machtbewusstsein, und ihr Selbstbewusstsein scheint durch den Wahlkampf noch einmal gestiegen zu sein. Als sie vor fünf Jahren in den Landtag nachrückte, waren sie und ihr Partei-Freund Lasse Petersdotter die bunten Vögel im Parlament, die durch ihre Kleidung, ihren neuen Ton und nicht zuletzt durch ihre Tattoos auffielen.
Es gab nicht wenige Leute in den bürgerlichen Parteien, die die beiden mit Argwohn betrachtet haben. Spricht man heute mit diesen Leuten, sind die meisten ganz begeistert von den beiden Nachwuchspolitikern, die sich als seriös und zuverlässig erwiesen haben und deswegen in einer neuen Koalition eine stärkere Rolle spielen würden.
Vor allem, dass Touré bei der Debatte um das Abschiebegefängnis in Glückstadt die Linie der Jamaika-Koalition mitgetragen hat, obwohl sie immer gegen die Einrichtung war, hat ihr viel Respekt eingetragen. Und dass sie den Mut hatte, die Linie auch im Landtag zu verteidigen, noch viel mehr.
Doch eines ist auch klar. „Wir haben gezeigt, dass wir uns nicht unterbuttern lassen“, sagt Touré. Das gelte auch für eine mögliche schwarz-grüne Koalition, in der die Grünen für klima- und sozialpolitische Ziele stünden. Touré pocht auf das 25-Punkte-Programm, das sie und Heinold kurz vor der Wahl vorgestellt haben und im ersten Jahr ihrer Regierung umsetzen wollen.
Darin sind auch Punkte enthalten, die den Unionspolitikern gar nicht schmecken werden – wie die Solardachpflicht für alle neuen Gebäude oder das Tempolimit auf Autobahnen oder die Mietpreisbremse sowie Bau von Windkraftanlagen auf drei Prozent der Landesfläche.
Das alles wird nicht leicht, zumal die CDU von Daniel Günther darauf verweisen kann, dass die mehr als doppelt so viele Prozentpunkte hinzugewonnen hat wie die Grünen. Denn auch die Unionspolitiker wissen, dass die Grünen ihre neue Konkurrenzpartei wird, gerade in den Städten, in denen die Grünen drei Direktmandate geholt haben.
Das weiß auch Touré. Und deswegen wird es vor allem ihr Job sein, als das künftige Gesicht der Grünen in Schleswig-Holstein auf der einen Seite ihrer Basis eine schwarz-grüne Koalition zu verkaufen – auf der anderen Seite aber auch das eigene Profil zu schärfen und einen gesellschaftlichen und personellen Gegenentwurf zu Daniel Günther zu liefern.