Berlin Schwieriges Gedenken: Wie Russen in Kriegszeiten den „Tag des Sieges“ feiern
Es herrscht Krieg in der Ukraine, und viele Russen in Berlin feiern den „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland. Am Ehrenmal werden trotz Verbots russische Flaggen geschwenkt. Stolz auf Russlands Präsident Wladimir Putin ist zu spüren. Bedauern eher nicht.
Um halb zehn verneigt sich der russische Botschafter Sergej J. Netschajew vor dem sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin zu Ehren der getöteten sowjetischen Soldaten. Gut 200 Menschen sind gekommen. Der 9. Mai ist der russische Gedenktag für die Kapitulation der Wehrmacht vor den westlichen Alliierten und der Roten Armee.
Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche stimmen vor der gewaltigen Skulptur des Rotarmisten mit Kind auf dem Arm einen kurzen Choral an. Würde die Szenerie nicht von hunderten Bereitschaftspolizisten abgesichert, könnte man denken, es wäre ein ganz normaler 9. Mai.
Aber Russland hat am 24. Februar die Ukraine angegriffen. Seit zweieinhalb Monaten wird wieder gekämpft in Europa. Wie ist das mit der Freude zu vereinbaren, vor 77 Jahren die Nazis besiegt zu haben? „Wir sind hier heute wie in jedem Jahr, um der Gefallenen zu gedenken“, sagt einer der religiösen Würdenträger, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. Das sei keine Unterstützung für den Angriff. Empfindet er Schmerz darüber, dass nun wieder Tausende im Krieg sterben? „Das ist eine komplexe Frage“, sagt er. „Ein Chirurg muss schmerzhafte Schnitte machen, um seinen Patienten zu heilen.“
Botschaftsmitglieder und Veteranen dürfen russische Zeichen tragen, alle anderen nicht, auch ukrainische Flaggen sind heute an allen Gedenkorten verboten. Doch während Botschafter Netschajew seinen Kranz niederlegt, werden wenige Meter entfernt etliche russische Flaggen geschwenkt. Fast jeder trägt ein Sankt-Georgs-Band, ein russisches Militärabzeichen für die Erinnerung an den Sieg über Deutschland, aber längst auch Symbol für die Unterstützung Putins.
Eine junge Frau posiert in Flagge kokett vor dem Ehrenmal. Sprechen will sie nicht mit uns, weil in Deutschland die Meinungsfreiheit unterdrückt werde und die Presse lüge.
Ein junger Mann beantwortet einige Fragen, aber auch nur anonym. „Der Krieg wird erst enden, wenn mein Präsident seine Ziele erreicht hat: Die Entnazifizierung und Demilitarisierung der ganzen Ukraine“, sagt er. „Putin sollte Präsident der ganzen Welt werden.“
Auch die deutsche Friedensaktivisten Laura von Wimmersperg ist gekommen, „um für die Befreiung zu danken“. Russlands Krieg gegen die Ukraine betrachtet sie nicht als Verbrechen. Der Westen habe Russlands Sicherheitsbedürfnisse mit Füßen getreten und Putins ausgestreckte Hand ausgeschlagen.
Die Berliner Polizei hatte sich auf harte Auseinandersetzungen zwischen Russen und Ukrainern eingestellt, fast 2.000 Kräfte waren im Einsatz. Die Sicherheitsbehörden fürchteten gar eine „False Flag“-Attacke von russischer Seite, eine verdeckte Provokation. Bis zum Nachmittag kam es nicht zu größeren Zusammenstößen.
Aber immer wieder gab es spannungsgeladene Momente. Etwa vor dem sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Junis unweit des Brandenburger Tors. Dort nahmen etwa 1.500 Menschen am „Rotarmisten-Gedächtnis-Aufzug“ teil, zeigten Schwarz-Weiß-Fotos von im Zweiten Weltkrieg getöteten Soldaten. Kurz danach posierten Mitglieder der Rockergruppe „Nachtwölfe“ mit Russland-Flagge, während in das ukrainische Gelb-Blau gekleidete Personen den Ort verlassen mussten.
Durchgegriffen wurde auch, wenn das Z-Symbol gesichtet wurde, das Zustimmung für den Ukraine-Krieg ausdrückt. Eine junge Frau posierte vor dem Ehrenmal im Stalin-T-Shirt und zeigte ihre Fingernägel, auf denen ein Z lackiert war.
Zu einem russischen „Flaggenmeer“, das Putin-Anhänger in Treptow angekündigt hatten, kam es bis zum Abend nicht. Dass die Berliner Innenverwaltung auch ukrainische Flaggen verbot, weil diese „Gewaltbereitschaft“ anzeigten, sorgte für scharfe Kritik. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sprach von einem Fehler. Und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) kritisierte, das helfe Putins Propaganda. Die Berliner Polizei sprach von einem „notwendigen Schritt“, um ein „würdiges Gedenken“ zu gewährleisten.