Deutsch-französische Begegnung Besuch von Franzosen in Emden steht unter dem Eindruck des Krieges
Eine Delegation aus der Gemeinde St. Désir ist zu einem Besuch in Emden eingetroffen. Beide Kommunen pflegen eine „Partnerschaft der Herzen“.
Emden - Die Flaggen von Europa, Frankreich, Deutschland und Emden weisen seit einigen Tagen darauf hin: Die Stadt Emden hat Gäste aus Frankreich. Eine Delegation des Gemeinderates von Saint-Désir in der Normandie ist am Sonntagabend zu einem fünftägigen Besuch in Emden eingetroffen. Beide Kommunen verbindet seit mehr als 50 Jahren eine enge Freundschaft, die über die Arbeit von jungen Leuten aus Emden auf Soldatenfriedhöfen während der Workcamps in der französischen Gemeinde entstanden ist.
Was und warum
Darum geht es: Die Stadt Emden und die Gemeinde St. Désir pflegen die deutsch-französischen Freundschaft.
Vor allem interessant für: alle, die sich für die deutsch-französischen Beziehungen interessieren, und diejenigen, die schon einmal in St. Désir waren.
Deshalb berichten wir: Eine Delegation aus St. Désir besucht gegenwärtig Emden. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Angeführt wird die Delegation vom Bürgermeister von Saint-Désir, Dany Targat. Begleitet wird er vom sogenannten 2. Stellvertreter Daniel Deshayes sowie der 4. Stellvertreterin Karin Carel. Carel stammt aus Emden. Sie war vor vielen Jahren selbst Teilnehmerin des Emder Jugendcamps in der der Normandie und heiratete dort später einen Franzosen.
Große Ehre für französischen Bürgermeister
Eine erste offizielle Begegnung von Gästen und Gastgebern gab es am Montagabend im Rummel des alten Rathauses in Emden. Dabei verlieh Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) seinen französischen Amtskollegen Targat die goldene Ratsmedaille der Stadt Emden.
Der Besuch der Franzosen steht ganz unter dem Eindruck des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Darauf weist auch die Stadt Emden hin. „Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine zeigen uns den Wert des Friedens und der Freiheit auf“, heißt es in einer Mitteilung. Die tiefe Verbundenheit zwischen Frankreich und Deutschland nach den beiden Weltkriegen bekomme in diesen Tagen „eine noch größere Bedeutung“, heißt es weiter. Sie habe auch zu einem vereinten Europa geführt.
Kranzniederlegung am Gedenkstein für Zwangsarbeiter
Um ein gemeinsames Zeichen für den Frieden zu setzen, wollen Kruithoff und Targat am Donnerstag am Gedenkstein für die in Emden ermordeten Zwangsarbeiter auf dem Friedhof Tholenswehr gemeinsam einen Kranz niederlegen. Unter den Opfern waren auch Ukrainer und Franzosen.
An den Workcamps in der Normandie haben in den vergangenen Jahrzehnten einige Tausend junge Leute aus Ostfriesland teilgenommen. Seit mehr als drei Jahrzehnte nehmen daran auch Jugendliche aus Archangelsk teil. Die russische Stadt und Emden pflegten bis zum Ausbruch des Krieges in der Ukraine eine Partnerschaft, Emden setzte diese Städtepartnerschaft im März aus. An dieser Entscheidung gab es auch Kritik.
Im Sommer gibt es wieder ein Camp
Nach zweijähriger Corona-Pause wird es in diesem Sommer wieder ein Workcamp in der Normandie geben. Daran sollen auch junge Leute aus Archangelsk teilnehmen, die außerhalb Russlands studieren oder leben, und nach Möglichkeit auch Jugendliche aus der Ukraine. Über die gemeinsame Pflege der Gräber von Gefallenen des Zweiten Weltkrieges, die unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern - arbeiten für den Frieden“ steht, sind über die Emder Workcamps in der Normandie mittlerweile viele Beziehungen zwischen Emden und Saint-Désir entstanden.
Die Verbundenheit beider Kommunen wird und ist vor allem von privaten Begegnungen und Beziehungen geprägt, auch enge Freundschaften und Ehen entwickelten sich daraus. Eine offizielle Partnerschaft haben die französische Gemeinde und die ostfriesischen Hafenstadt aber nie angestrebt. Dazu sind sie unter anderem in ihrer Größe zu ungleich. Man spricht deshalb auch von einer „Partnerschaft“ der Herzen“.
Das Workcamp erfindet sich neu
In den vergangenen Jahren rückte die Pflege von Kriegsgräbern bei den Workcamps mehr und mehr in den Hintergrund, zumal die Friedhöfe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in einem guten Zustand sind. Campleiter Stephan Oelrichs und die Verantwortlichen der Jugendförderung der Stadt Emden sind deshalb dabei, die Jugendbegegnung neu auszurichten. Der friedenspolitische Ansatz soll aber fortgeführt werden, zum Beispiel mit Workshops zu historisch-politischen Themen. Auf dem Programm des dreiwöchigen Camps stehen aber auch viele Freizeitaktivitäten und Begegnungen mit Franzosen.
Die Stadt Emden übernahm das Camp im Jahr 2011 zwar in eigene Regie, der Volksbund Kriegsgräberfürsorge ist aber nach wie vor ein wichtiger Partner. Die dritte Säule bildete bislang die Bundeswehr, die seit den Anfängen Personal, Fahrzeuge und Material für das Camp stellte.
Die ersten Emder reisten 1966 in die Normandie
Eng mit der Geschichte des Workcamps verbunden ist der Name des im Jahr 2003 verstorbenen Emders Erwin Petrikewitz. Er war 1966 zum ersten Mal mit jungen Emdern in einem Bus der Bundeswehr in die Normandie gefahren, um dort für den Volksbund Kriegsgräberfürsorge Soldatenfriedhöfe zu pflegen. Damals betrachteten viele Franzosen die Deutschen noch mit Argwohn. Seit 1981 hat das Lager seinen Standort in Saint-Désir. Die Vorortgemeinde der Stadt Lisieux stellt ihre Schule dafür zur Verfügung.
Saint-Désir liegt im Departement Calvados an der Grenze zur Stadt Lisieux. Die Gemeinde hat etwa 1700 Einwohner. Auf dem Gebiet der Gemeinde befinden sich eine britische Kriegsgräberstätte mit den Gräbern von 598 Gefallen und ein deutscher Soldatenfriedhof, auf dem 3735 Kriegsopfer ruhen.