Osnabrück Polizeiruf 110 „Das Licht, das die Toten sehen“: Angenehm anders
Mit Kurzhaarschnitt und neuem Co-Ermittler will die Münchner Kommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff im Polizeiruf 110 „Das Licht, das die Toten sehen“ ihren fünften Fall lösen.
Als Verena Altenberger im September letzten Jahres zum vierten Mal im Münchner Polizeiruf 110 und erstmals dabei als Kripo-Ermittlerin zu sehen war, trug sie noch ihr mittellanges braunes Haar. Dabei hatte sie sich ein halbes Jahr zuvor wegen einer Rolle als Krebskranke eine Glatze schneiden und sich davon auch nicht abhalten lassen, dass sie wenig später als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne stand. Nun sind auch im Polizeiruf die Haare runter - zwar hat die Darstellerin der früheren Streifenpolizistin Elisabeth “Bessie” Eyckhoff keine Glatze mehr, aber doch eine robuste Kurzhaarfrisur.
Thematisiert wird dies in der Folge “Das Licht, das die Toten sehen” allerdings nicht. Stattdessen rückt eine Personalie in den Vordergrund: Eyckhoff wird ein Co-Ermittler zur Seite gestellt, den sie und die Zuschauer schon kennen: Dennis Eden (Stephan Zinner), der mit ihr bereits auf der Sendlinger Wache zusammenarbeitete, ist der Kommissarin zur Mordkommission gefolgt. Dort bildet er mit ihr nun das neue Ermittlerduo, das überwiegend harmonisch, aber dann doch nicht ganz spannungsfrei zusammenarbeitet. Dem ersten Film, in dem er in dieser Rolle zu sehen ist, drückt Zinner im Senderinfo ein ganz besonderes Qualitätssiegel auf: “90 Minuten, in denen keine Waffe gezogen wird, kein Auto in die Luft fliegt und es ganz selten laut wird - gut so.”
Tatsächlich legen der in Griechenland aufgewachsene und in Berlin ausgebildete Regisseur Filippos Tsitos (56) und die Drehbuchautoren Sebastian Brauneis und Roderick Warich einen ziemlich außergewöhnlichen, fast schon speziellen Krimi vor. Es geht um eine erstochene und in Plastikfolie verscharrte 16-Jährige und einen ähnlich anmutenden Fall vor zwei Jahren, bei dem das vermeintliche Opfer allerdings nie gefunden wurde. Beide Mädchen sahen sich aber auffallend ähnlich und verschwanden nach einem Abend in der Eislaufhalle. Es geht auch um die Mutter des vermissten Mädchens und ein sonderbares junges Pärchen aus der Münchner Drogenszene.
Es sind durchweg ziemlich gebrochene, fast schon kaputte Charaktere, mit denen es Eyckhoff und Eden da in einem Münchner Hochhausviertel zu tun bekommen. Die Mutter des getöteten Mädchens (Karolina Horster) haust in einer verwahrlosten Wohnung und scheint keinen anderen Lebensinhalt mehr zu haben als ihre Lunge mit möglichst vielen Zigaretten zu malträtieren. Die Mutter der Vermissten (Anna Grisebach) kommt über den Verlust nicht weg, betrinkt sich regelmäßig an einer Tankstelle und feiert zu Hause allein den Geburtstag ihrer Tochter, als ob diese jeden Moment durch die Tür käme.
Das Pärchen wiederum scheint vollkommen auf Drogen fixiert zu sein. Patrick (Aniol Kirberg) verlässt die Wohnung gar nicht mehr, ist in einem furchtbaren Zustand irgendwo zwischen Rausch und Entzug hängen geblieben und würde Steffi (Zoë Valks) am liebsten jeden Schritt nach draußen verbieten. Die wiederum zieht es auf die Straße, wo sie bunte Pillen vertickt und ihren Kunden zum Teil absurde Gegenleistungen abverlangt, als wolle sie testen, was ein Mensch alles tut, um an Drogen zu kommen.
Regisseur Tsitos bedient sich einer beim Sonntagskrimi eher seltenen Bildsprache - er vertraut dem unausgesprochenen Wort. Mal erzählen die Gesichter, die Blicke, dann wieder hört man Stimmen, ohne die dazugehörigen Menschen zu sehen. Zudem wählt er immer wieder ungewohnte Kameraperspektiven und macht mehr als einmal deutlich, dass er seinen Krimi als Kunstwerk ansieht. Das ist stellenweise zwar ein wenig langatmig und geht auch etwas auf Kosten der Spannung, ist aber allein schon deshalb sehenswert, weil es so angenehm anders ist.
Da die Tagesschau an diesem Sonntag wegen der NRW-Wahl fünf Minuten länger dauert, beginnt der Polizei erst um 20.20 Uhr.
Polizeiruf 110: Das Licht, das die Toten sehen. Das Erste, Sonntag, 15. Mai, 20.20 Uhr.
Wertung: 4 von 6 Sternen