Neue Ideen gegen Leerstand  Auricherin macht ein Ladenlokal im Caro zur Visitenkarte

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 10.05.2022 19:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hineinspaziert! An der Tür des Ladenlokals im Einkaufscenter Caro steht Katja Freimuth nur selten. Foto: Boschbach
Hineinspaziert! An der Tür des Ladenlokals im Einkaufscenter Caro steht Katja Freimuth nur selten. Foto: Boschbach
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In einem leerstehenden Geschäft im Einkaufscenter Caro präsentiert Katja Freimuth sich als Gesamtkunstwerk. Das ist weniger flippig, als man meinen sollte. Experten sehen in dem Projekt Potenzial.

Aurich - Ladenlokale sind Geschäftsräume. Waren werden dort umgeschlagen. Das klingt nach nüchterner Wirtschaftswelt. In scharfem Kontrast dazu steht ein Ladenlokal im Parterre des Auricher Einkaufscenters Caro. Ein mit Designerwäsche bezogenes Doppelbett im Landhausstil, ein sorgfältig eingedeckter Tisch und ein Sofa stehen darin. Werbung für ein Möbelhaus? An den Wänden hängen ausdrucksstarke, großformatige Bilder in Acryltechnik. Einige wecken Assoziationen an das prächtige Gefieder von Pfauen, andere sind spielerische Bewegungsstudien vom Zusammenspiel zwischen Wasser und Wind.

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Deshalb berichten wir: Weil ein Leser die Redaktion auf das „ungewöhnliche Geschäft“ im Caro hingewiesen hat und wir neugierig geworden sind.

Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de

Ist das Ladenlokal eine Galerie? „Ladeninhaberin“ Katja Freimuth schüttelt energisch den Kopf. Nein, so möchte sie ihr Geschäft nicht verstanden wissen. Es sei so etwas wie ihre dreidimensionale, visuelle Visitenkarte. „Das bin ich“, sagt sie und lässt ihren Blick durch den Raum wandern. Mit dem Geschick der ausgebildeten Schauwerbegestalterin hat sie das Ladenlokal fast wie ein Bühnenbild arrangiert. Die Farben Blau und Grün sind erst seit wenigen Tagen beherrschend. Alle vier Wochen gestaltet die Auricherin alles um, passt es der Saison an: „Als Nächstes werde ich hier einen Sandberg auftürmen, um Strand zu simulieren.“

Ein Gesicht lächelt vom Banner

Der Wechsel animiere Caro-Besucher zum Schauen, hat die 51-Jährige immer wieder erzählt bekommen. Selbst ist die gebürtige Oldenburgerin nämlich nur zum Dekorieren vor Ort. Das Ladenlokal ist im eigentlichen Sinn ein Showroom, ein Vorzeigezimmer, eine Homepage in der physischen Welt. Das alles macht auf ihre Werke aufmerksam. Drei schmale Banner, die von der Decke baumeln, zeigen das lächelnde Gesicht von Katja Freimuth. Artist nennt sie sich, der englische Ausdruck für Künstlerin.

Die Banner sowie ein Teil des Werbeauftritts sind von der Auricher Agentur Designstuuv gestaltet. Darüber sei im Herbst vergangenen Jahres auch der Kontakt zum Caro entstanden, berichtet Katja Freimuth. Der Centermanager habe etwas gegen den Leerstand in seinem Haus unternehmen wollen und darüber mit der Designstuuv-Geschäftsführerin gesprochen. Deren erster Gedanke: Warum ein Ladenlokal nicht für Marketingzwecke nutzen? Eine klassische Win-Win-Situation war gegeben. Der Caro-Manager profitiert, weil ein Ladenlokal belebt wird. Die Auricher Geschäftsfrau, die seit 2019 selbstständig ist, bekommt für ihr junges Unternehmen einen Anschub.

Emderin nutzt Lokal ebenfalls als Schaufenster

Mit ihrer Idee, ein Ladenlokal zum Schaufenster umzufunktionieren, steht Katja Freimuth nicht alleine da. In Emden nutzt eine junge Frau in der Faldernstraße 25 ebenfalls ein Geschäft, um auf auf ihre selbst gestaltete und produzierte Babykleidung aufmerksam zu machen. In dem Laden „Wikkelkinner“ bietet sie unter anderem Stoffwindeln aus Wolle an, die nach ihrer Darstellung nachhaltiger sind als die herkömmlichen Windeln, die vor allen Dingen Müll produzierten, wie es auf ihrer Homepage heißt (www.wikkelkinner.de). In dem Geschäft sind in der Auslage ein paar Modelle der Kinderkleidung und der Stoffwindeln zu sehen.

Aurichs Citymanagerin Vicki Janssen hält die Nutzung von Geschäften, wie die beiden Frauen sie betreiben, für eine „wunderbare Geschichte“. Es sei eine Möglichkeit, Leerstand besser zu nutzen. Einen Fachbegriff gebe es ihres Wissens nach nicht für diese Form des Marketings: „Ich würde auf keinen Fall sagen, dass es sich um einen Pop-up-Store handelt. Dort gehen ja Waren über die Theke. In meinen Augen ist das, was Katja Freimuth macht, eine Ausstellung.“ Vicki Janssen spricht davon, dass es ein ähnliches Projekt offenbar seit Kurzem in der Burgstraße gebe, und zwar in dem Ladenlokal, in dem früher die Modekette Ernstings Family ansässig war. Dort seien Trödel- und Antiquitätenwaren ausgestellt. Das Geschäft selbst ist aber geschlossen.

IHK: Ein Trend zeichnet sich noch nicht ab

Reinhard Hegewald von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Emden sieht die vereinzelte Nutzung von Ladenlokalen als Schaufenster wertfrei. „Das ist Teil unseres marktwirtschaftlichen System und weder verboten noch unerwünscht.“ Für den Bereich der IHK, zu dem neben Ostfriesland auch Papenburg gehört, würde er allerdings nicht von einem Trend sprechen. In seinen Augen sei es fraglich, ob diese Form von Schau-Geschäften tatsächlich Laufkundschaft anziehe. Ihm sei nicht bekannt, dass es eine Förderung für dieses Modell gebe.

Darauf ist Katja Freimuth auch nicht aus. Für sie ist es wichtig, dass sie möglichst unabhängig arbeiten kann und die Möglichkeit hat, ihre drei Kinder gut zu betreuen. „Malen kann ich zu Hause, dann habe ich meine Söhne in der Nähe“, sagt sie. Das Ladenlokal sei nur so etwas wie eine Stippvisite.

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