Franzosen in Ostfriesland zu Gast  Bürgermeister von Saint-Désir zählt Emder zur Familie

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 11.05.2022 16:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff (rechts) zeichnete die Gemeinde Saint-Désir während eines Empfangs mit der goldenen Ratsmedaille aus. Sein französischer Amtskollege Dany Targat nahm die höchste Auszeichnung der Stadt stellvertretend für seine Kommune entgegen. Foto: H. Müller
Der Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff (rechts) zeichnete die Gemeinde Saint-Désir während eines Empfangs mit der goldenen Ratsmedaille aus. Sein französischer Amtskollege Dany Targat nahm die höchste Auszeichnung der Stadt stellvertretend für seine Kommune entgegen. Foto: H. Müller
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Dany Targat aus Saint-Désir ist in dieser Woche in Emden zu Gast. Wir sprachen mit ihm über die deutsch-französische Freundschaft und den Krieg in der Ukraine.

Emden - Die französische Gemeinde Saint-Désir und die Stadt Emden verbindet seit mehr als fünf Jahrzehnten eine enge Freundschaft. Die Beziehungen zwischen der Kommune in der Normandie und der ostfriesischen Hafenstadt gelten als „Partnerschaft der Herzen“, die durch die Arbeit von jungen Emderinnen und Emdern auf Kriegsgräberstätten in der Normandie entstanden ist. In dieser Woche ist eine offizielle Delegation aus Saint-Désir zu Gast. Angeführt wird sie von Bürgermeister Dany Targat. Diese Zeitung sprach mit ihm über die deutsch-französische Freundschaft, die Emder Workcamps in der Normandie und über den Krieg in der Ukraine.

Monsieur Targat, Sie sind das erste Mal in Emden zu Gast. Welche Eindrücke haben Sie schon gewonnen?

Dany Targat: Es gefällt mir so gut, dass ich gerne bleiben würde.

Aber Sie wollen doch Ihrem Emder Amtskollegen Tim Kruithoff keine Konkurrenz machen, oder?

Targat (lacht): Er muss sich gut führen, sonst . . . Ich müsste zwar noch einige Fortschritte in der deutschen Sprache machen, aber ansonsten sollte er sich in Acht nehmen.

Durch die Beziehungen zu Saint-Désir sind in Emden Spezialitäten aus der Normandie wie der Aperitif Pommeau, der Calvados oder die Käsesorten Liverot und Camembert vielen bekannt und beliebt. Gilt das in Ihrer Gemeinde auch für ostfriesische Spezialitäten?

Targat (lacht): Ja, ich selbst fahre einen VW. Aber kulinarische Spezialitäten aus Ostfriesland sind bei uns kaum bekannt. Wir schätzen aber das Bier, das die Emder immer mitbringen.

Lassen Sie uns zu einem ernsteren Thema kommen. Ihr Besuch in Emden steht ganz unter dem Eindruck des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Hat Ihre Gemeinde auch freundschaftliche Verbindungen in die Ukraine oder nach Russland?

Targat: Außer zu den jungen Leuten aus Archangelsk, die an den Emder Workcamps teilnehmen, haben wir keine Beziehungen nach Russland oder in die Ukraine.

Sind in Ihrer Gemeinde denn Geflüchtete aus der Ukraine untergekommen?

Targat: Saint-Désir ist jetzt Teil der Agglomeration Lisieux-Normandie, einem Zusammenschluss mehrerer Kommunen mit insgesamt 75.000 Einwohnern. In diesem Gebiet gibt es schon einige Geflüchtete. In der Gemeinde Cambremer wollten sie Ukrainer aufnehmen, doch die Ukrainer haben es vorgezogen, nach Südfrankreich zu gehen. Und die, die gekommen sind, sind gekommen, weil sie eh schon Freunde in Frankreich hatten. Wir haben also kein Aufnahmezentrum.

Wie groß ist bei Ihnen in der Gegend die Hilfsbereitschaft für die Ukraine?

Targat: Es wird viel über die sozialen Netzwerke organisiert, auch in Zusammenarbeit mit der Stadt Lisieux. Dort gibt es natürlich größere Kapazitäten als bei uns. Wir sind ja nur ein kleiner Ort und hängen sozusagen direkt dran an Lisieux. Es werden aber viele Sachspenden gesammelt, die dann direkt in die Ukraine gehen.

Welche Bedeutung messen sie vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine einer solchen Freundschaft wie der zwischen Saint-Désir und Emden zu?

Targat: Diese Freundschaft zu Emden und auch die zu den jungen Russen und möglicherweise Ukrainern, die vielleicht im Sommer zu uns kommen, beruht auf Brüderlichkeit. Die Gäste werden von uns wie Brüder aufgenommen und behandelt. Dass die Jugendlichen und die Familien aus Saint-Désir, die teilhaben an diesem Workcamp, so zusammengeführt werden, soll natürlich dazu beitragen - und das wird es hoffentlich auch -, dass es nicht zu einem Dritten Weltkrieg kommt.

Es ist also auch gelebte deutsch-französische Freundschaft. Wird das Workcamp aus Ihrer Sicht in der bisherigen Form in Zukunft Bestand haben oder muss dessen Ausrichtung überdacht werden?

Targat: Die Ausrichtung des Workcamps liegt nicht in unserer Hand. In Saint-Désir werden die jungen Leute jedenfalls auch in Zukunft immer mit offenen Armen empfangen, und zwar so lange, wie sie zu uns kommen wollen. Die Bürgermeister wechseln, aber die Freundschaft bleibt. Ihr gehört zur Familie.

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