Gastronomie und die Kosten Der höhere Mindestlohn ist nicht überall das Problem
Zum 1. Juli steigt in diesem Jahr der Mindestlohn erneut. Gastronomen und Hoteliers in Ostfriesland kämpfen an der Preisfront aber mit ganz anderen Gegnern.
Ostfriesland - Corona-Virus, Ukraine-Krieg und die daraus resultierenden Preissteigerungen, Personalmangel – keine einfachen Zeiten für die Gastronomie. Zum 1. Juli steigt dann auch noch der gesetzliche Mindestlohn auf 10,45 Euro pro Stunde. Es ist der zweite von drei beschlossenen Schritten im laufenden Jahr auf dem Weg zum gewünschten Mindestsalär von zwölf Euro. Der dritte und letzte ist für den 1. Oktober vorgesehen. Ist dies eine weitere schwer zu schulternde Last für sorgengeplagte Gastronomen und Hotelbetreiber, oder doch nur halb so wild?
Was und warum
Darum geht es: Der Mindestlohn soll zum 1. Juli erhöht werden. Wird das zum Problem für Gastronomie und Hotels?
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Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, welche Auswirkungen die Mindestlohnerhöhungen haben könnten Den Autor erreichen Sie unter: o.baer@zgo.de
Für Erich Wagner, den Vorsitzenden des Bezirksverbandes Ostfriesland des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), ist das keine leicht zu beantwortende Frage. „Wir sind hin- und hergerissen. Es gibt schon Betriebe, die das oder auch bereits mehr zahlen. Es gibt aber auch viele Betriebe, denen das wehtun wird“, sagt er. Gerade kleinere Gasthäuser im eher ländlichen Bereich könnten sich mit dem höheren Mindestlohn schwertun: „Das ist immerhin ein Plus von gut 30 Prozent.“
Langfristig gute Gehälter zahlen
Wagner selbst betreibt in Wiesmoor das Hotel zur Post, kennt die Problematik nicht nur aus der Verbandsarbeit. Bei ihm wird mehr gezahlt. Allein schon um gutes Personal zu bekommen und zu behalten. Das ist die andere Seite der Medaille. „Unser Ziel ist, langfristig gute Gehälter in Gastronomie und Hotellerie zu zahlen“, betont er. Der Verband wolle dem Niedriglohn-Niveau den Rücken kehren und damit auch als Branche attraktiver für Arbeitskräfte werden. „Aber wir müssen uns das auch leisten können“, betont er. Als Entlastung für die Branche hält Wagner es für unumgänglich, den als Folge der Corona-Pandemie auf sieben Prozent abgesenkten Mehrwertsteuersatz für die Gastronomie über das Jahresende hinaus beizubehalten.
„Lokale und Cafés sind zum Teil voll. Die Leute wollen raus, wollen das Leben genießen“, sieht Wagner positive Tendenzen. Wie unterschiedlich die Branche sei, zeige sich auch hier. „Bei manchen Betrieben ist es kaum möglich einen Platz zu bekommen, andere hätten auch hier Schwierigkeiten.“ Das Gesamtkonzept müsse stimmen, regionale Küche und Tradition lägen im Trend. Neue Konzepte sieht Wagner auch beim Personal als unumgänglich an. „Die Arbeit in der Gastronomie macht Spaß“, ist er sich sicher. Die Arbeitszeitmodelle müssten aber individueller werden. Gerade jüngere Leute hätten ein verändertes Freizeitverhalten, das berücksichtigt werden muss, um sie für die Arbeit in Gastronomie und Hotellerie zu begeistern.
Preissteigerungen belasten stärker
Claudio Casto, der in Emden das „Castos“ und das „da Sergio“ betreibt, bleibt mit Blick auf den Mindestlohn gelassen: „Wir zahlen eh mehr als den Mindestlohn. Wer vernünftiges Personal haben will, muss das machen“, sagt er. Zudem arbeite er nur mit fest angestellten Kräften, verzichte auf Aushilfen. Wirtschaftlich bedrohlicher seien die nahezu wöchentlichen Preissteigerungen, mit denen die Branche zu kämpfen habe: „Das ist ja nicht nur ein Produkt. Das geht durch die Bank weg durch alle Bereiche.“ Hinzu komme noch, dass nicht alle benötigten Rohstoffe immer verfügbar sind.
Energie, Bier und Lebensmittel zählt er als Preistreiber auf. Auch Lieferanten würden für die Anfahrt schon zusätzliche Pauschalen berechnen. „Das ist eine bittere Pille, die wir schlucken müssen.“ Die Gastronomen seien gezwungen zumindest einen Teil der Mehrkosten auf die Gäste umzulegen, erwartet Casto auch Preisanstiege von etwa zehn Prozent in der Gastronomie. Bewusst ist sich Casto, dass sich jeder Gastronom damit auf einem schmalen Grat bewegt: „Die höheren Preise treffen ja nicht nur uns. Jeder unserer Gäste hat damit zu leben. Der Restaurantbesuch ist eher ein Luxus als Alltag.“
Kalkulation kaum noch möglich
Gerhard Janssen, der in Aurich unter anderem den „Landgasthof zur Post“ und das „Hotel Alte Schmiede“ betreibt, rechnet sogar mit Preisanpassungen von eher 20 Prozent, um rentabel in Gastronomie und Hotellerie arbeiten zu können. Zehn Prozent seien wohl das absolute Minimum.
Janssen zahlt in seinen Betrieben bereits mehr, als der Mindestlohn vorschreibt. Die Energie- und Lebensmittelpreise lasten daher schwerer auf dem Hotelbetreiber als die geplante Mindestlohnerhöhung. „Wenn sie heute zu uns kommen und im nächsten Jahr heiraten wollen, können wir das gar nicht kalkulieren.“