Blick hinter dicken Beton  Keiner der Emder Bunker ist für den Kriegsfall gewappnet

| | 17.05.2022 14:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wilko Buß von den Emder Modell-Dampffreunden öffnet die Tür zum Bunker am Hauptbahnhof. Bis 1996 war dieser noch als aktiver Schutzbunker eingerichtet. Foto: Hanssen
Wilko Buß von den Emder Modell-Dampffreunden öffnet die Tür zum Bunker am Hauptbahnhof. Bis 1996 war dieser noch als aktiver Schutzbunker eingerichtet. Foto: Hanssen
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In Emden stehen noch viele Weltkriegsbunker. Mittlerweile erfüllen sie ganz unterschiedliche Funktionen. Schutzräume sind sie nicht mehr. Wir haben uns einige angesehen.

Emden - Emden gilt als die Stadt mit den im Verhältnis zur Einwohnerzahl meisten Weltkriegsbunkern in Niedersachsen. Heute stehen noch mehr als 30, aber keiner ist mehr für den Kriegsfall gerüstet. Laut Stadtsprecher Eduard Dinkela hatte es bis 2010 noch vier Schutzräume in Innenstadt-Bunkern gegeben. Der Bund hatte die Stadt nur bis dahin beauftragt, solche Räume vorzuhalten. „Das Thema Schutzräume spielte in den vergangenen Jahren bei einer Krisenbeurteilung keine Rolle. Sicherheitskonzepte sind seitdem nicht erstellt worden“, so Dinkela.

Was und warum

Darum geht es: wie einige Emder Bunker von innen aussehen

Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder sowie Gäste der Stadt, denen die Bunker auffallen, die noch übers gesamte Stadtgebiet verstreut sind.

Deshalb berichten wir: Emden hat die niedersachsenweit im Verhältnis zur Einwohnerzahl meisten Bunker. Weil in Zeiten des Kriegs wieder viele Menschen auf Bunker achten, wollten wir schauen, in welchem Zustand die Betonklötze sind und wie sie genutzt werden.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Jetzt betreut die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben nur noch zwei der Emder Bunker - nämlich den am Hauptbahnhof und in der Hamhuser Straße im Herrentor-Viertel. Die anderen Bauwerke befinden sich in Privatbesitz und erfüllen die unterschiedlichsten Funktionen. Im Stadtteil Barenburg etwa befindet sich der Kulturbunker. Er wurde 2005 nach Umbauarbeiten für rund zwei Millionen Euro neu eröffnet. Andere Betonbauten wurden zu Musikprobe-Stätten, zu Wohnungen, Lager- und Archivräumen oder Tüftel-Quartieren. Und: Es gibt ein Bunkermuseum.

Bunker verfallen langsam

Der Bunker am Hauptbahnhof - mit seinen sieben Stockwerken weithin sichtbar - war noch bis etwa 1996 offizieller Schutzraum. In den 1960er/70ern muss er sogar noch einmal saniert worden sein, erklären Timo Gatena, Georg und Wilko Buß. Sie alle gehören zu den Emder Modell-Dampffreunden, die den Bunker als Werkstatt für ihre Minibahnen nutzen. Steckdosen, Beleuchtung, Toiletten, Belüftungsanlage: In dem Bauwerk aus den 1940er-Jahren ist das Nötigste vorhanden. Der Verein nutzt nur den Keller und das erste Stockwerk für ihre Reparatur-Arbeiten und Lagerung. Darüber: gähnende Leere.

Der Bunker am Hauptbahnhof ist sieben Stockwerke hoch. Foto: Hanssen
Der Bunker am Hauptbahnhof ist sieben Stockwerke hoch. Foto: Hanssen

Je höher man steigt, desto feuchter und schwerer wird die Luft. Von der Innenseite der zwei Meter dicken Wand bröckelt der Putz, legt den Beton und das Stahlgerüst frei. Feuchtigkeit ist gut an den Mauern zu erkennen. „Die Dachpappe müsste eigentlich ausgetauscht werden“, sagt Timo Gatena. Sie würden zwar regelmäßig lüften, aber gegen die Nässe von oben könnten sie nichts unternehmen. Der Bunker ist im Besitz des Bundes. „Eigentlich müsste man hier Hand dranhalten“, meint er. Aber wer würde das stemmen? Die Frage der Zuständigkeit und Finanzen führt auch bei zahlreichen anderen Bunkern dazu, dass diese zusehends verfallen. Für den Verein ist es noch im Rahmen des Erträglichen. Sie können ihre Mini-Dampfloks noch in Ruhe warten. „Wir haben eher ein wenig Sorge, dass der Bunker irgendwann verkauft wird und wir raus müssen“, sagt Georg Buß. Eine Reaktivierung der Schutzräume für den Ernstfall fürchten sie nicht wirklich, sagt sein Sohn Wilko.

Heute wird der Bunker am Hauptbahnhof von den Minibahnern genutzt. Sie haben ihre Werkstatt darin eingerichtet. Foto: Hanssen
Heute wird der Bunker am Hauptbahnhof von den Minibahnern genutzt. Sie haben ihre Werkstatt darin eingerichtet. Foto: Hanssen

Wohnen hinter Bunkermauern

Einige Bunker in der Innenstadt sind bewohnt - und kaum noch als Weltkriegs-Relikte zu erkennen. In der Graf-Ulrich-Straße etwa steht der „Schmetterlingsbunker“, der von oben tatsächlich dem Insekt ähnelt. Er ist weiß getüncht, von Efeu umrankt - und oben drauf gibt es noch zwei Penthouse-Wohnungen. Auch in der Boltentorstraße befinden sich zwei Wohnungen auf dem dortigen Bunker. Am Falderndelft fällt das Gebäude mit dem grauen Spitzdach schnell in den Blick - hier handelt es sich ebenfalls um einen ehemaligen Bunker, in dem die Versorgungseinrichtungen des Wohngebäudes direkt vor ihm untergebracht sind.

Der Bunker in der Graf-Ulrich-Straße ist kaum noch als Weltkriegs-Relikt zu erkennen. Foto: Päschel/Archiv
Der Bunker in der Graf-Ulrich-Straße ist kaum noch als Weltkriegs-Relikt zu erkennen. Foto: Päschel/Archiv

Der Wohnraum ist in Emden knapp, viele Bunker stehen noch leer. Sind weitere Wohnungen hinter dicken Betonmauern geplant? Im vergangenen Jahr wurden Pläne zumindest in Borssum bekannt. In und auf dem elf Meter hohen Bunker am Hatzumer Weg (hinter der Sparkasse) möchte ein Krummhörner Investor Wohnraum schaffen. Insgesamt sind 16 Wohneinheiten geplant. Der Aufwand ist groß. Meterdicke Außenmauern müssen zum Teil aufgesprengt, mindestens aber aufgebohrt werden, um Fenster einzubauen. Eine einzelne Fensteröffnung kann schon bis zu 10.000 Euro kosten. Während der Kauf relativ günstig ist, geht es beim Umbau also ans Eingemachte.

Einige Emder Bunker sind zu Wohnhäusern umgebaut. Die große Herausforderung: die meterdicken Wände. Foto: Päschel/Archiv
Einige Emder Bunker sind zu Wohnhäusern umgebaut. Die große Herausforderung: die meterdicken Wände. Foto: Päschel/Archiv

Da ist Musik drin

Was bietet sich besser für Musik-Proben an als Bunkerräume? Wahrscheinlich kaum etwas. Deswegen werden zahlreiche Bunker von Bands genutzt. Der Betonklotz in der Fletumer Straße (beim Arbeitsamt) gilt als „Luxus-Bunker“ für diesen Zweck. Das sagen zumindest die Mitglieder der Band „Black Dog Experience“ im Gespräch mit dieser Zeitung. Mehr als 30 Räumen würden dort von Gruppen und Musikern genutzt, meinen sie. Tatsächlich möchte man meinen, dass man sich nicht in einem Bunker befindet, sobald man die schwere Eingangstür passiert.

Im Bunker in der Fletumer Straße proben zahlreiche Bands. Foto: Hanssen
Im Bunker in der Fletumer Straße proben zahlreiche Bands. Foto: Hanssen

Lange, steril weiße Flure. Zahlreiche unscheinbare Türen. Leicht könnte man sich in dem Musik-Bunker verlaufen. In dem Proberaum der „Black Dog Experience“ ist es gemütlich eingerichtet. Das Licht flackert in verschiedenen Farben, das Musik-Equipment findet seinen Platz, es gibt ein Sofa, Band-Plakate hängen an der Wand. Kaum etwas lässt mehr erahnen, dass in dem Bunker einst mehr als 760 Menschen bei Bomben-Alarm Schutz finden konnten. Eine ältere Frau, so berichtet Schlagzeuger Torsten Meinders, hatte ihn mal gefragt, ob sie den Bunker besichtigen dürfe. Als kleines Mädchen habe sie im Zweiten Weltkrieg dort mit ihrer Familie Schutz gefunden.

Maximal zehn Fuß-Minuten zum Bunker

Ein Bunker ist von innen noch gut erhalten und mit allerhand Relikten ausgestattet: der in der Holzsägerstraße. Akribisch und mit viel Fachwissen wurde dort ein Museum errichtet, das allerdings wegen Brandschutzbestimmungen derzeit nicht öffnen darf. Wer das Museum zuvor schon einmal besucht hat, weiß um die bedrückende Stimmung und die klare Botschaft, dass Frieden das höchste Gut ist. Bis zu 360 Menschen konnten in dem Bunker Schutz finden - in 28 Räumen, die zum Teil nicht größer als sechs Quadratmeter waren.

In den kleineren Räumen waren drei Betten und in den übrigen neun Betten übereinander, lässt sich auf der Website des Bunkermuseums nachlesen. In jedem Halbgeschoss befanden sich kleine Küchen und die Toiletten mit Waschraum. Im Kellergeschoss war die Wache für den Bunkerwart, eine Krankenstation nebst Schwesternzimmer, die Belüftungsanlage und das Notstromaggregat untergebracht. Der Standort des Bunkers war so gelegt worden, dass in der Altstadt Bewohner von ihren Wohnungen aus maximal zehn Minuten zu Fuß dorthin brauchten.

Emden baute früh Bunker

Für den Bau der zivilen Luftschutzbunker in der Stadt Emden sind vom Deutschen Reich insgesamt 30 Millionen Reichsmark aufgewendet worden, schreibt der Emder Hobbyhistoriker Dietrich Janßen auf der Bunkermuseums-Seite. Vom Luftschutzbauamt Emden allein wurden insgesamt 27 Luftschutzbauten mit mehr als 14.500 Sitz- und Liegeplätze erstellt. Schließlich gab es 35 große Luftschutzbunker und mehr als 140 splittersichere Kleinbunker. Die Stadt hatte damals mehr als 35.000 Einwohner.

Schon früh - 1940 - regte der damalige Emder Oberbürgermeister Carl Heinrich Renken den Bau der Schutzräume an. Die zuvor eingerichteten rund 70 Luftschutzkeller reichten nicht bei Bombenangriffen aus. Viele der Bunker wurden von Zwangsarbeitern errichtet. Vom 1. September 1939 bis zum 20. August 1941 hatte es in Emden 429 Mal Fliegeralarm mit einer Durchschnittsdauer von etwa drei Stunden und 31 Angriffen gegeben, so Dietrich Janßen. Der schwerste Luftangriff war am 6. September 1944. Mehr als 400 Menschen starben insgesamt in Emden durch Luftangriffe - ohne die Bunker wäre es um ein Vielfaches mehr gewesen.

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