Rrummpff tillff toooo in Wittmund Marktbesuch zur Ursonate von Kurt Schwitters
Da prallten zwei Welten aufeinander: Wittmunder bei ihren Markteinkäufen trafen überraschend auf ein kräftig vorgetragenes Schlüsselwerk der Moderne. Damit konnte nicht jeder umgehen.
Wittmund - Das war mal ein Markttag wie kein anderer in Wittmund. Genaugenommen gab es so einen Markttag in Wittmund noch nie. Wenige Meter von Fisch, Brot und Fleisch entfernt steht an diesem Donnerstagvormittag der niederländische Künstler Jaap Blonk auf einer kleinen Bühne, ein großer hagerer Mann mit Sakko und wehenden weißen Haaren. Nach einer kurzen Einführung holt er tief Luft und trägt etwas vor, das bei Marktbesuchern und -beschickern ziemlich unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Und zwar in der ganzen Bandbreite, von „Ist das Kunst, oder was?“ bis zu „Super!“.
Blonk trägt die Ursonate von Kurt Schwitters vor, ein Lautgedicht und „Schlüsselwerk der europäischen Moderne“, wie die Kunsthalle Wilhelmshaven schreibt. Dort läuft aktuell eine Ausstellung zur Ursonate und dort entstand auch die Idee, dieses Werk nach Wittmund zu bringen. „Unser Ziel ist, eine leichte Disruption in den Alltag zu bringen“, sagt Petra Stegmann, Leiterin der Kunsthalle, und an diesem Donnerstag natürlich dabei. Dieses Ziel wurde eindeutig erreicht.
Schwitters und die Ursonate
Kurt Schwitters (1887-1948) war ein deutscher Künstler, Maler und Dichter. Und wenn er auch selbst nicht in Wittmund lebte, hat er hier doch familiäre Wurzeln. Im Wittmunder Stadtarchiv gibt es einen Stammbaum, der so viel deutlich macht: Die Familie Schwitters lebt seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Wittmund, brachte Schuster, Schlachter, Maler, Mediziner, Innenarchitekten und Kaufleute hervor und blieb der Stadt weitgehend treu. Kurt Schwitters‘ Vater, ein Kaufmann, siedelte allerdings nach Hannover um und gründete dort eine Familie. Sein Sohn Kurt wurde Künstler, arbeitete mit Vertretern des Dadaismus zusammen und entwickelte seine eigene Merz-Kunst. In Wittmund erinnert der Platz vor dem Rathaus an ihn, der Kurt-Schwitters-Platz.
Schwitters arbeitete über Jahre an seiner Ursonate, sie entstand zwischen 1922 und 1932. Zu hören sind nicht Worte, sondern Laute: „Rrummpff tillff toooo“, „Fümms bö wö tää zää Uu“, „Rinnzekete bee bee nnz krr müü“ – so geht es eine knappe halbe Stunde gleich neben dem Wittmunder Marktplatz, vorgetragen von Blonk mit Verve und verbreitet über Lautsprecher. An Kurt Schwitters kommt an diesem Donnerstagmorgen kein Marktbesucher vorbei.
Die Wittmunder und die Ursonate
Eine Umfrage unter zuhörenden Wittmundern ergibt erstens: Kaum jemand will mit seinem Namen in der Zeitung stehen, wenn es um die Kommentierung dieser Aufführung geht. Dabei wird recht freimütig kommentiert. Die Hauptrichtung gibt wohl dieser Scherz wieder, ausgetauscht zwischen zwei Männern am Rande: „Wenn ich ein paar Bier getrunken habe, kann ich das auch“. Andere wiederum sind begeistert, eine Wilhelmshavenerin ist extra angereist, um die Ursonate zu hören, und strahlt über das ganze Gesicht. Ein paar Meter weiter schwenkt ein älterer Herr Hüften und Arme, geht voll mit. Tatsächlich hat das Lautgedicht sehr viel Musikalisches.
Insgesamt bleiben rund 30 Leute vor der kleinen Bühne am Rande des Kurt-Schwitters-Platzes stehen. Die schmale Passage ist die direkte Verbindung vom Markt zum großen Parkplatz am Rathaus. Ein Ort, an dem die meisten Wittmunder an einem Markttag vorbeikommen. Maximale Öffentlichkeit also, so hatten Kunsthalle und die Stadt Wittmund die Aufführung auch geplant.
Nachdem der letzte Laut der Ursonate verklungen ist, wird mit Applaus nicht gegeizt. Petra Stegmann ist zufrieden: „Einige Leute hatten Spaß, andere sind mit dem gesunden ostfriesischen ‚Was soll der Quatsch‘ rangegangen.“ Solange es die Leute bewege, sei all das in Ordnung. Schlecht wäre nur, wenn Langeweile geherrscht hätte.