Emder Verkehrsexperimente Nächster Versuch startet erst nach dem Matjesfest
Der Weg zur autoarmen Innenstadt in Emden ist lang und beschwerlich. Die Verwaltung versucht sich in kleinen Schritten am großen Wurf. Wie geht es weiter?
Emden - Die Verkehrsexperimente in Emden gehen in eine neue Phase. Nach den Matjestagen, die in der kommenden Woche von Donnerstag bis Sonntag steigen, wird die Neutorstraße zur Fahrradstraße umgestaltet. Die Fahrtrichtung für den Autoverkehr auf dieser Hauptachse durch das Stadtzentrum bleibt bestehen. Allerdings bekommen Radfahrer und Fußgänger dort Vorrang. Dazu sind entschleunigende Gestaltungselemente vorgesehen: Blumenkästen und mobile Holzdecks mit Sitzgelegenheiten, die Gastronomiebetrieben zur Verfügung stehen.
Ursprünglich sollte dieser dritte Testlauf für die Neutorstraße bereits vor den Matjestagen gestartet werden. Auf Nachfrage sagte Stadtbaurätin Irina Krantz am Donnerstag am Rande einer Ausschusssitzung des Emder Rates, dass man den Termin verschoben habe. Als Grund nannte sie den Matjeslauf, zu dem hunderte Sportlerinnen und Sportler erwartet werden. Sie hätten in der Neutorstraße nicht genügend Platz gehabt.
Freie Fahrt durch den Trog
Weil das Zentrum für die Großveranstaltung für den Autoverkehr gesperrt ist, wird die Sanierung der Trogstrecke genannten Südumgehung vorübergehend unterbrochen. Wie die Stadt am Freitag mitteilte, wird sie ab kommendem Mittwoch, 25. Mai, bis einschließlich Sonntag, 5. Juni für Fahrzeuge, Fußgänger und den Radverkehr freigegeben. Im Anschluss würden die Arbeiten fortgesetzt, heißt es. Die Sanierung soll nach aktueller Planung bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Für kommende Veranstaltungen, wie die Hafenmeile und das Delftfest im Juli, wird die Trogstrecke erneut kurzzeitig freigegeben.
Aber wie geht es weiter? Welche Ideen hat die Stadt für neue Experimente und die angekündigte Sperrung der zweiten wichtigen Ader durchs Zentrum, die Straße Am Delft? Wo steht Emden auf der Suche nach einem Verkehrskonzept und welche Bedürfnisse haben die Bürgerinnen und Bürger?
Das Redaktions-Projekt „100eyes“
Zu diesen Fragen und der dazugehörigen Diskussion hat unsere Redaktion im April das Projekt „100eyes“ gestartet. Mehr als 60 Leserinnen und Leser haben sich dafür angemeldet und machen mit. Der gemeinsame Gedankenaustausch macht deutlich, wie groß das Interesse an einer neuen Mobilität in Emden ist. Er zeigt aber auch, wie fordernd die Umsetzung ist. Denn die Ansprüche und Erwartungen könnten unterschiedlicher kaum sein. Dazu kommt: Für eine Verkehrswende gibt es nicht die eine große Stellschraube. Es gibt viele – und sie greifen ineinander. Wer etwas ändern will, bekommt es mit einem sensiblen Räderwerk zu tun.
Zu spüren bekommen haben das mit den ersten Tests auf der Neutorstraße bereits die Anlieger an der Friedrich-Ebert-Straße. Womit wir direkt zur Straße Am Delft kommen. Denn sobald der Trog saniert und die Strecke dauerhaft freigegeben ist, wird das Experiment dort fortgesetzt. In der „100eyes-Gemeinschaft“ sorgt das Thema schon jetzt für spannende Diskussionen.
Die unterschiedlichen Interessen am Delft
Da ist der Feuerwehrmann, der im Behördenviertel wohnt und sich fragt, welchen Weg er zu seiner Wache Stadtmitte nehmen wird. Da ist die Praxisinhaberin, die auf Erreichbarkeit und Parkplätze in der Nähe angewiesen ist. Da gibt es Stimmen, die die Autos am liebsten von jetzt auf gleich vom Delft verbannen wollen. Aber auch solche, die sich beim besten Willen nicht vorstellen können, warum eine unattraktive Straße freibleiben soll, wenn es doch schon jetzt einen Radweg gibt und Fußgänger ohnehin viel lieber direkt am Wasser entlangschlendern.
Die Stadtverwaltung will sich nicht in die Karten gucken lassen. Noch nicht. Irina Krantz bittet um Geduld bis zur zweiten Jahreshälfte 2022. Dann rückt die Fertigstellung des Trogs näher. Und dann wolle man zusammen mit dem Rat die nächsten Schritte besprechen. Die Politik will schließlich auch ein gewichtiges Wörtchen mitreden.
Emden bekommt einen neuen Bus-Fahrplan
Und so wird der Wunsch nach großen Veränderungen in der Innenstadt und einer wirklichen Verkehrswende noch lange unerfüllt bleiben. Es ist ein zähes Geschäft. (Teilweise) gesperrte Straßen und ihre Auswirkungen auf Ausweichstrecken sind das eine. Das andere sind die noch lange nicht final geplanten Parkhäuser – für die es auch deswegen noch kein beschlossenes Betreiberkonzept gibt.
Großen Einfluss hat außerdem der ÖPNV. In Emden wird der Fahrplan zum 1. Januar 2025 neu ausgearbeitet, ausgeschrieben und umgestellt. Auch das bietet die Chance, Mobilität ganz anders zu denken. In der „100eyes-Gemeinschaft“ haben in diesem Zusammenhand mehrere Mitglieder unabhängig voneinander die Idee aufgebracht, einen sternförmigen Shuttle-Service aufzubauen. Das Ziel: Wer in die Innenstadt möchte, soll sein Auto auf einem Parkplatz am Stadtrand stehenlassen und mit dem Bus weiterfahren. Die Anregungen zeigen: An Ideen mangelt es in Emden nicht. Die von der Stadt ausgerufene Verkehrswende bleibt weiter spannend.
Die Redaktion möchte auch weiterhin mit den Emdern direkt ins Gespräch kommen. Um mitmachen zu können, müssen sich Interessierte per Mail an n.harms@zgo.de bei der Redaktion melden, um Zugang zu „100eyes“ zu erhalten und um auswählen zu können, über welchen Kurznachrichtendienst sie teilnehmen möchten.
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