Hamburg  Du fühlst Dich Deinen Eltern nicht (mehr) verbunden? Damit bist Du nicht allein

Julia Wadle
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Von Julia Wadle
| 22.05.2022 09:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wen rufst Du an, wenn etwas besonders Tolles oder besonders Schlimmes passiert: Deine Eltern, Deinen Partner oder einen Freund? Foto: Unsplash/Anthony Tran (Symbolbild)
Wen rufst Du an, wenn etwas besonders Tolles oder besonders Schlimmes passiert: Deine Eltern, Deinen Partner oder einen Freund? Foto: Unsplash/Anthony Tran (Symbolbild)
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Früher konntest Du Dich immer auf Deine Mama oder Deinen Papa verlassen – und heute ist irgendwie alles anders. Entfremdung ist gar nicht so selten, wie man denkt, erklärt Soziologe Oliver Arránz Becker.

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Irgendwie fühlt es sich nicht mehr wie früher an. Damals hast Du beim Mittagessen jede Kleinigkeit aus der Schule erzählt, am Wochenende bist Du mit Mama oder Papa vielleicht ins Schwimmbad gegangen und bei Kniffel hast Du die Erwachsenen immer abgezogen – zumindest haben sie Dich das glauben lassen. Doch diese Idylle hielt nicht ewig.

Irgendwann hattest Du keine Lust mehr, Zeit mit Deinen Eltern zu verbringen. Deine Freunde wurden wichtiger und die gemeinsamen Mahlzeiten als Familie wurden zur Ausnahme. Und irgendwann hast Du dann Deine Sachen gepackt und bist ausgezogen. Heute sind die monatlichen Anrufe bei Mutter und Vater ein unangenehmes Pflichtprogramm, bei denen ihr Belanglosigkeiten austauscht und dann wieder jeder in sein Leben zurückkehrt. Du fühlst Dich von Deinen eigenen Eltern entfremdet. Mit diesem Gefühl bist Du nicht allein.

„Entfremdung ist gar nicht so selten, wie man vielleicht denkt. Jeder Fünfte entfremdet sich von seinem Vater, jeder zehnte von seiner Mutter“, erklärt Oliver Arránz Becker. Der Soziologe hat mit seinem Kollegen Karsten Hank untersucht, wie verbreitet das Phänomen der Entfremdung erwachsener Kinder und ihrer Eltern in Deutschland ist.

Doch was ist Entfremdung genau? Die Forscher haben zum einen die emotionale Verbundenheit beziehungsweise Distanz der Kinder gegenüber ihren Eltern untersucht. Zum anderen wurde auch die Häufigkeit des Kontakts bewertet: Wer seltener als einmal im Monat Kontakt zu seinen Eltern hatte, galt als entfremdet. „Entweder gar kein Kontakt oder seltener Kontakt und emotionale Distanz“, fasst Arránz Becker ihre Definition von Entfremdung zusammen.

Ob es zu einer Entfremdung kommt, hänge auch maßgeblich von der Familienkonstellation ab.

Die Studienautoren haben nicht nur das Verhältnis zu leiblichen Eltern, sondern auch zu sozialen Eltern, als Stiefmütter und -vätern, analysiert. „Die Nähe, die man zu den leiblichen Elternteilen hat, ist schwerer erschütterbar als die etwas fragilere Beziehung, die man zu Stiefelternteilen hat“, erklärt Arránz Becker.

Wie verbreitet das Phänomen der Entfremdung bei sozialen Eltern ist, zeigt diese Grafik:

Auch wenn wir die Klischees vergangener Jahrhunderte von der liebevollen Mutter und dem stets abwesenden Vater langsam überwinden: Die Entfremdung vom Vater ist nach wie vor deutlich häufiger als von der Mutter. Zwar würden auch Väter heutzutage mehr Care-Arbeit innerhalb der Familie übernehmen. „Aber in den Jahrgängen, über die wir sprechen, die Ü50-Jährigen, da war es überwiegend so, dass die Frauen weniger stark im Beruf aktiv waren und sich stärker auf Familienarbeit konzentriert haben. Das war früher noch stärker verbreitet als heute.“

Wie verbreitet das Phänomen der Entfremdung bei sozialen Eltern ist, zeigt diese Grafik:

Entfremdung ist nicht das Ende. „Einmal entfremdet, immer entfremdet, gilt nicht“, erklärt der Soziologe.

Da in der pairfam-Studie weder die Gründe für die Entfremdung, noch für die Wiederannäherung abgefragt wurden, ist es unklar, wie genau es dazu kommt. „Kinder ziehen sich häufig erstmal zurück, wenn sie den elterlichen Haushalt verlassen. Später, wenn sie eine eigene Familie gründen, wird der Kontakt zu den eigenen Eltern wieder enger“, erläutert der Soziologe.

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