Bochum  Spezialisiert auf Haustiere: So arbeitet eine Tierpräparatorin

Sarah Heidi Engel
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Von Sarah Heidi Engel
| 23.05.2022 16:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Tierpräparatorin Jennifer Dörk hat diesen Mops kürzlich fertiggestellt. Foto: Jennifer Dörk
Tierpräparatorin Jennifer Dörk hat diesen Mops kürzlich fertiggestellt. Foto: Jennifer Dörk
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Können Menschen sich nach dem Tod ihres Haustieres nicht von diesem trennen, landen manche bei Jennifer Dörk. Sie arbeitet als Tierpräparatorin.

Jennifer Dörk erzählt im Interview, warum ihr Beruf nicht nur eine kreative, sondern auch eine sehr emotionale Seite hat.

Frage: Frau Dörk, als Tierpräparatorin arbeiten Sie mit toten Tieren. Was empfinden Sie, wenn etwa eine tote Katze vor Ihnen auf dem Tisch liegt?

Antwort: Ich kenne in meiner Arbeit keine Scheu und muss mich nicht überwinden. Aber natürlich fragen mich viele Menschen, was mir daran Spaß macht. Ich antworte dann oft, dass auch nicht jeder als Fußpfleger arbeiten könnte. Entweder du kannst es oder nicht, entweder dir wird schlecht oder nicht. Meine Kollegin und ich haben uns auf die Präparation von Haustieren spezialisiert. Diese kann man sich wie die Arbeit bei einem Bestatter vorstellen. Wir arbeiten mit kürzlich gestorbenen Tieren, da kriechen keine Maden im Fell, es stinkt nicht. Auch der Prozess des Bearbeitens ist unspektakulärer als erwartet, es fließt kein Blut. Das Abziehen der Haut ist mit dem Ausziehen einer Jacke vergleichbar.

Frage: Wie haben Sie den Beruf für sich entdeckt?

Antwort: Während eines Schulpraktikums in der neunten Klasse lernte ich die Tierpräparation kennen. Ursprünglich wollte ich Medizin studieren, wünschte mir ein Praktikum in der Rechtsmedizin. Weil das aber für Schüler nicht möglich war, gab mir die Sekretärin des Naturkundemuseums in Gotha den Tipp, bei den Tierpräparatoren vorbeizuschauen. Sie sagte, „die machen hier im Keller so etwas Ähnliches“ (lacht). Hier lernte ich die Vielfältigkeit des Berufes kennen und lieben – es geht um so viel mehr als das Abziehen der Haut. Es ist ein kreativer Prozess.

Frage: Wie läuft die Präparation eines Tieres ab?

Antwort: Oft erhalten wir die Tiere gefroren. Sobald sie aufgetaut sind, verschwindet die Leichenstarre, wir lockern die Muskulatur. Dann platzieren wir einen Bauch- oder Rückenschnitt und ziehen das Fell ab. Anschließend bauen wir vom Körper ein PU-Schaummodell und modellieren die Haltung. Das Fell des Tieres wird bei einem Gerber aufgearbeitet. Sobald wir dieses zurückerhalten, wird das Fell über die Form gezogen und bei Bedarf – also wenn die Augen geöffnet sein sollen – Glasaugen eingesetzt. Vom toten Tier bis zur Präparation dauert es oft sechs bis acht Monate.

Frage: In Deutschland leben rund 35 Millionen Haustierbesitzer. Warum lassen Menschen ihre Katze oder Maus ausstopfen?

Antwort: Weil sie das Tier oft nicht gehen lassen möchten. Sie finden die Vorstellung, dass es unter der Erde von Würmern zerfressen wird, schrecklich. Viele Menschen erzählen mir, wie ihnen das Tier über eine schwere Lebenskrise oder Krankheit hinweghalf. Für manche ist das Haustier ein treuer Begleiter, der sie nie verließ, selbst in den dunkelsten Stunden. Menschen können gehen, aber Tiere bleiben. Sobald dieses Tier dann stirbt, wollen sie es nicht verschwinden lassen, sie möchten es erhalten. Sie wissen zwar, dass die Präparation ihnen das Tier nicht zurückbringt, aber sie können es weiter betrachten und sein Fell streicheln.

Frage: Was raten Sie potenziellen Kunden?

Antwort: Ich kann das Tier nicht zurückbringen. Darüber muss sich jeder Haustierbesitzer im Klaren sein. Das Fell fühlt sich zwar noch weich an, aber der Körper ist hart, er gibt nicht mehr nach, wenn man das Tier streichelt. Oft empfehle ich eine liegende, ruhe Position für die Präparation. So können sich die Kunden ihre Katze oder ihren Hund auf ein Kissen oder die Couch legen – so wie die Tiere auch früher dort schliefen. Außerdem fällt die Präparation Besuchern meistens nicht auf. Und selbst wenn man um die Präparation weiß, kann sie irritieren: Vor einiger Zeit habe ich mal einen Deutsch Drathaar präpariert. Der große Hund stand sehr lange in meinem Keller. Ich ging jeden Tag an ihm vorbei und trotzdem erschreckte ich mich fast jedes Mal zu Tode. Vor kurzem erhielt ich die Anfrage, ob ich eine Katze auch in einer verdrehten Lage, wie im Spiel, präparieren könnte. Es war eine echte Action-Pose, die ich nicht als Erstes wählen würde. Aber natürlich ist alles möglich. Am Ende entscheidet der Kunde, er muss damit glücklich sein.

Frage: Welche Tiere werden am meisten präpariert?

Antwort: Das variiert immer sehr stark. Aktuell bearbeiten wir viele Katzen. Als ich mit der Haustierpräparation anfing, bekamen wir in drei Jahren einen großen Hund. Inzwischen bringen uns mehr Menschen große Hunde, aber unter den Tieren ist auch mal ein Kaninchen oder Hamster.

Frage: Wer sind Sie für die Haustierbesitzer?

Antwort: Ich bin ihre Tierpräparatorin – aber für viele auch eine Art Seelsorgerin. Mit manchen Kunden führe ich zehnminütige Telefonate, andere erzählen mir zwei Stunden von der Beziehung zu ihrem Tier. Sie weinen am Telefon, sind verzweifelt. Für meine Kunde bin ich jederzeit erreichbar, auch spätabends und am Wochenende. Ein Paar aus Teneriffa rief mich einmal am Samstagabend an, weil ihr Chihuahua gestorben war. Sie hatten Panik, dass die Reise zu mir nach Bochum zu lange dauern würde, ich das Tier nicht mehr bearbeiten könnte. Andere melden sich bei mir, nachdem sie ihr Tier bereits vergraben haben und fragen, ob ich es doch noch für sie präparieren könne. Ihnen muss ich leider eine Absage erteilen. Wenn das Tier nicht direkt nach dem Tod gekühlt und stattdessen in der Erde vergraben wird, setzt sofort der Verwesungsprozess ein. Da habe ich keine Chance mehr.

Frage: Wie sicher sind sich Haustierhalter in ihrer Entscheidung?

Antwort: Es gibt Kunden, die besprechen schon vor dem Tod ihres Tieres die Präparation mit mir. Ihnen kann ich raten, zu Lebzeiten des Tieres viele Fotos anzufertigen. Denn je bessere Fotos ich vom lebenden Objekt habe, desto detaillierter kann ich arbeiten. Andere rufen mich an, weil sie sich nach dem Tod des Tieres unschlüssig sind, Freunde und Familie finden den Wunsch nach Präparation vielleicht komisch und verurteilen die Idee. Wenn ich merke, dass eine Person noch nicht vollkommen überzeugt ist, biete ich auch an, das verstorbene Tier gegen eine Gebühr in unserer Werkstatt zu kühlen und zu verwahren. Wenn das Tier abgegeben wird, kann sich der Kunde zudem ansehen, was ich aktuell präpariere, das Fell eines anderen Tieres einmal anfassen und eine Vorstellung von der Präparation bekommen. Ich habe in der Werkstatt zum Beispiel ein Meerschweinchen, das ich vor 15 Jahren präpariert habe, das ist immer ein sehr gutes Anschauungsmodell.

Frage: Was sind die Menschen für die Präparation bereit auf sich zu nehmen?

Antwort: Viele legen weite Strecken zu uns zurück. Wir sind in Deutschland – soweit ich weiß – der einzige Betrieb, der sich auf die Präparation von Haustieren spezialisiert hat. Menschen kommen aus Brandenburg oder München in unsere Bochumer Werkstatt. Wir haben aber auch schon eine Katze aus Paris angenommen, deren Halter eigentlich in Amerika leben. Es gibt Menschen, die setzen sich wegen der Präparation ihrer Ratte drei Stunden ins Auto.

Jennifer Dörk bei Instagram: Die Nadeln dienen der Fixierung in der Trocknungsphase.

Frage: Was passiert eigentlich mit dem toten Körper des Tieres?

Antwort: Diese Entscheidung überlasse ich den Kunden. Es gibt die Möglichkeit der Entsorgung, aber das kann sich der Großteil nicht vorstellen. Daher biete ich an, den Körper kremieren zu lassen und die sterblichen Überreste in einem kleinen Säckchen in das PU-Schaummodell einzubauen. Neunzig Prozent der Haustierbesitzer wählt diese Variante.

Frage: Manche Ihrer Kolleginnen und Kollegen lehnen die Präparation von Haustieren strikt ab. Warum haben Sie sich darauf spezialisiert?

Antwort: Als ich meine Ausbildung zur Tierpräparatorin absolvierte, rieten uns alle von der Haustierpräparation ab. Da habe man immer nur Ärger mit den Leuten, hieß es. Also fing ich zunächst mit der Bearbeitung von Wildtieren an, die man sich etwa als Jagdtrophäen aufhängt. Irgendwann brachte uns jemand einen Hund und fragte, ob wir diesen auch präparieren könnten. Ich fand die Herausforderung spannend und sagte zu. Es machte mir Spaß, auch weil der Umgang mit den Kunden ein anderer ist. Wir leisten Trauerarbeit, haben für die Menschen ein offenes Ohr. Darauf hat nicht jeder Lust.

Frage: Ist die Präparation eines Haustiers aufwendiger?

Antwort: Auf jeden Fall. Wenn ein Jäger einen Fuchs vorbeibringt, hat er keinen persönlichen Bezug zu dem Tier. Er weiß nicht, wie der Fuchs beim Fressen geschaut oder eingerollt geschlafen hat. Der Haustierbesitzer kennt jedoch jede Facette, jede Mimik seines Tieres. Aus diesem Grund sollte diese Aufträge nur annehmen, wer es ernst meint und Zeit dafür mitbringt. Je detailreicher das Präparat, desto zufriedener sind die Kunden.

Frage: Worauf sollten Kunden bei einer Tierpräparation achten?

Antwort: Ich würde skeptisch werden, wenn jemand anbietet, das Tier in zwei Wochen zu präparieren. Das ist zeitlich einfach unmöglich. Ich hatte schon verschimmelte Präparate auf meinem Tisch liegen oder einen Hund, der aussah wie ein Rehkitz. Für mich sind das herausfordernde Aufträge, ich muss gut überlegen, wie ich für die Kunden ihr geliebtes Tier noch retten kann. Das Problem bei Haustieren ist, dass sie nicht wieder bringbar sind. Ein verschandelter Fuchs ist für einen Jäger ärgerlich - aber wenn er bei der nächsten Jagd wieder einen Fuchs erlegt, bringt er diesen eben zu einem anderen Präparator. Eine Katze, die 20 Jahre mit Haus gelebt hat, kann nicht erneut präpariert werden. Die Kunst und Aufgabe unserer Arbeit ist, dass der Kunde sein Haustiert erkennt. Ich kann mit meiner Arbeit keine Wunder vollbringen, das tote Tier nicht wieder auferstehen lassen. Aber ich schaffe bestenfalls eine Erinnerung für die Ewigkeit.

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