Hamburg  Samenstau im Schweinesektor: Schlachthof statt Absamung für Eber

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 24.05.2022 13:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Eber in einer Besamungsstation in Mecklenburg-Vorpommern: Mit dem Sperma der männlichen Tiere werden Sauen künstlich befruchtet. Foto: dpa/Marijan Murat
Ein Eber in einer Besamungsstation in Mecklenburg-Vorpommern: Mit dem Sperma der männlichen Tiere werden Sauen künstlich befruchtet. Foto: dpa/Marijan Murat
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Die Schweinekrise in Deutschland hat Auswirkungen über die Bauernhöfe hinaus: Ein Beispiel ist die „Schweinebesamungsstation Weser-Ems“. Weil immer weniger Sauen gehalten werden, ging es zuletzt für Hunderte Eber zum Schlachthof statt zum Absamen.

Für Unbedarfte klang es reichlich seltsam, was ein erboster Sauenhalter aus Niedersachsen vor einigen Tagen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete: „So. Gerade das Sperma abbestellt. Ich habe keinen Bock mehr.”

Ja, auch das ist Ausdruck der Krise in der deutschen Schweinehaltung: Das Geschäft mit Eber-Sperma ist rückläufig, weil immer mehr Landwirte die Sauenhaltung aufgeben. Während die Politik noch darüber sinniert, wie der Stall der Zukunft aussehen könnte schließen die Bauern ihre Ställe für immer – auch die Sauenhalter.

Die Ferkelerzeugung, wie es im Fachjargon heißt, steht ganz am Anfang der Schweinehaltung. Und sie lohnt sich nicht mehr.

Das bekommen Unternehmen wie die „Schweinebesamungsstation Weser-Ems” zu spüren. Der Betrieb mit Hauptsitz in Cloppenburg und gut 80 Angestellten verkauft Eber-Sperma an Sauenhalter und zählt in diesem sehr besonderen Geschäftsfeld zu den großen Playern auf dem Markt.

Sauenhalter überlassen die Fortpflanzung im Stall in aller Regel nicht der Natur. Sie bestellen das Sperma der Eber bei Firmen wie eben der Besamungsstation. Im Internet kann der passende Eber ausgewählt werden. Sie heißen Baccardi, Blinky oder Winston. Die Besamungssation liefert dann gut gekühlt und maximal vier Tage alte „Portionen”, mit denen die Sauen künstlich befruchtet werden.

Aber das Geschäft läuft mittlerweile alles andere als rund. Es werden immer weniger Sauen gehalten in Deutschland und das heißt: Es wird immer weniger Sperma benötigt. „Wir haben unseren Bestand an Ebern von gut 1100 auf 950 gesenkt” berichtet Geschäftsführer Christoph Möhlenhaskamp. „Die Zahl der verkauften Samenportionen ist seit Beginn der Corona-Krise um circa 20 Prozent gesunken.“

Der Bauer am Anfang dieses Textes beispielsweise bestellte das Sperma ab, weil er ansonsten Verluste bei der Aufzucht der Ferkel erwartete. Zuletzt war der Preis pro Ferkel auf 40 Euro abgerutscht. Mit jedem verkauften Tier macht der Sauenhalter so Verlust, während gleichzeitig die Preise für Futter oder Energie steigen.

„Für eine schwarze Null bräuchten wir mindestens das Doppelte”, sagt auch Torsten Staack, Geschäftsführer bei der Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN). Er wies darauf hin, dass Sauenhalter seit Beginn der Corona-Pandemie fast durchgehend Verlust gemacht hätten. 

Viele Landwirte geben da gleich ganz auf, weil sie keine Perspektive mehr in der Sauenhaltung sehen. Laut Staack ist die Zahl der Sauenhalter in Deutschland binnen zehn Jahren von 14.000 auf 6300 gesunken. Aber, so Staack: „Die Ausstiegswelle geht jetzt erst richtig los.” Die Bauern hätten keine Nerven mehr, sich Gedanken über den Stall der Zukunft zu machen, es gehe um die „blanke Existenz“.

Das schlägt sich auf den vorgelagerten Bereich durch. Oder wie Möhlenhaskamp es formuliert: „Wird ein Sauenbestand einmal abgebaut, ist er für die Ferkelerzeugung verloren.” Neueinsteiger in diesen sehr speziellen Bereich der Tierhaltung gibt es so gut wie nicht.

So sinkt der Bestand der Sauen immer weiter. Auch im Kundenstamm der Schweinebesamungsstation machen sich die Veränderungen bemerkbar: „Allein in den letzten Jahren sind von unseren 1100 Kunden bzw. Mitgliedsbetrieben 250 aus der Produktion ausgestiegen.”

Ob und falls ja wann sich die Situation wieder verbessert, mag niemand vorherzusagen. Die Energiepreissteigerungen und die Auswirkungen des Ukraine-Krieges haben die angespannte Situation noch einmal verschärft. ISN-Vertreter Staack sagt: „Viele Betriebe haben die Hoffnung aufgegeben. Denn auf die derzeitige Wirtschaftskrise, die die Sauenhalter mit voller Härte trifft, kommt fehlende Perspektive und Planungsunsicherheit hinzu.“ Und die Politik lasse den Wirtschaftszweig „eiskalt austrocknen“.

Auch Geschäftsführer Möhlenhaskamp bringt die Lage ins Grübeln. „Wenn das so weiter geht…”, setzt der Geschäftsführer an und fährt nach kurzem Innehalten fort: „Die komplette Branche steht vor Problemen.”

Damit meint er nicht nur die Landwirte oder sein Unternehmen; Stallbaufirmen klagen über leere Auftragsbücher, Futtermittel-Firmen fehlen die Kunden und Schlachthöfen die Schweine. In all diesen Unternehmen arbeiten Menschen. Ihre Jobs hängen an der Schweinehaltung, mit der es aber rapide bergab geht.

Kurz nach dem Gespräch mit unserer Redaktion schickt Möhlenhaskamp noch eine Mail: Der neue Preis für Ferkel wurde gerade bekannt gegeben, die besagten 40 Euro pro Tier. Möhlenhaskamp weiß, was das für sein Unternehmen bedeutet: Sperma wird wieder abbestellt.

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