Bad Salzuflen Kurzweil zwischen den Anwendungen: Die Kurmusik
Vieles hat sich im Kurbetrieb über die Jahre geändert. Es gibt aber auch Konstanten: In Bad Salzuflen spielt György Kovács zwei mal täglich mit seinem Ensemble für die Kurgäste.
Die Geschenke stehen bereit, bevor das Konzert begonnen hat. Vorne am Bühnenrand hat eine Dame kleine Päckchen mit je zwei Mozartkugeln und ein paar Schokomaikäfer drapiert, beim Schlussapplaus kommen die Süßigkeiten zum Einsatz. Und da ist dann gar nicht klar, wer sich mehr über die Anerkennung freut, das Ensemble von György Kovács oder doch die Geschenkgeberin selbst. Auf jeden Fall zeugt die Geste von der tiefen Verbundenheit von Künstlern und Publikum.
Kovàcs ist Kurmusiker und setzt, gemeinsam mit seinem Ensemble, Zäsuren im eng getakteten Alltag der Kurgäste. Deshalb spielt er nicht abends, sondern vormittags und nachmittags, an sechs Tagen die Woche, zumindest hier in Bad Salzuflen. Der beschauliche Ort im südlichen Teutoburger Wald ist zum wichtigsten Betätigungsfeld für den Musiker, Orchester- und Ensembleleiter geworden. Aber auch in Bad Nenndorf und Bad Pyrmont gastiert er noch regelmäßig.
Musik der Familie Strauß steht diesen Donnerstagnachmittag auf dem Programm – der Walzerkönig im Salon-Format für Klavier, zwei Geigen und Klarinette. Der Nachmittag beginnt mit der Ouvertüre zur Operette „Eine Nacht in Venedig“, es folgen Walzer und Polkas der Strauß-Dynastie, und über das gute alte Potpourri rümpft beim Kurkonzert niemand die kulturbeflissene Nase, sondern das Publikum freut sich über die Melodien aus der „Fledermaus“, die Kovàcs und seine Mitmusiker aneinanderreihen. Vor ein paar Jahren hat er in Bad Pyrmont die ganze „Fledermaus“ gespielt, mit seinem Pannonia Orchester und Solisten aus Ungarn. Jetzt serviert er die Musik von Strauß in kleinen, fein bereiteten Häppchen.
Kurmusik hat eine lange Tradition. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts unternahmen namhafte Sinfonieorchester Abstecher in die mondänen Kurorte, um die Gäste zu unterhalten - und natürlich auch, um das Salär aufzubessern. Das Osnabrücker Symphonieorchester etwa spielte Anfang der 1930er Jahre tagsüber drei Kurkonzerte in Bad Oeynhausen, reiste anschließend zurück nach Osnabrück, um dort „Götterdämmerung“ zu proben und am nächsten Tag in Bad Oeynhausen wieder Kurmusik zu spielen. Die Münchner Philharmoniker gastierten Anfang des 20. Jahrhunderts als Kurorchester in Bad Kissingen, der Wiener Concertverein ebenfalls, aus dem später die Wiener Symphoniker wurden. Bis das Bad in Unterfranken ein eigenes Kurorchester gründete, das bis heute besteht.
Diese große Zeit der Kurmusik hat sich architektonisch niedergeschlagen, auch in Bad Salzuflen. Mit einem gewissen Stolz zeigt Kovàcs den großen Konzertsaal, schwärmt von seiner herausragenden Akustik – und beklagt ein bisschen, dass er derzeit nicht für Kurzkonzerte zur Verfügung steht. Ein weiteres Glanzstück ist die Konzertmuschel, die den Konzertsaal gewissermaßen in den Kurgarten verlängert.
An diesem Apriltag muss er allerdings mit der kleinen Bühne in der Wandelhalle vorliebnehmen. Die Bühne steht gegenüber dem Tresen, an dem die Kurgäste ihr Wasser für die Trinkkur abholen. Das sorgt für Publikum; zwischenzeitlich sind fast alle der rund 70 Stühle vor der Bühne besetzt. Es sorgt aber auch für eine gewisse Unruhe, weil viele an der Bühne vorbeidefilieren. Kovács freut sich schon auf den Sommer, wenn er seine Konzerte wieder in der Konzertmuschel gibt.
Der Ensembleleiter ist ein liebenswerter älterer Herr mit vollem weißem Haar und einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Wenn er Stücke ansagt, klingt das wegen seines ungarischen Akzents für sich schon nach Operette, auch nach dreißig Jahren in Deutschland hat er den nicht abgelegt. Wenn er „Walzer“ sagt, klingt das wie „Woolzer“.
Die Verbindung nach Ungarn ist immer noch sehr eng, ja, ohne den Kontakt zur Heimat wäre Kovács‘ Kurmusik gar nicht denkbar. So wie er einst mit ungarischen Musikern erstmals nach Deutschland gekommen ist, um auf der Insel Borkum Kurmusik zu spielen, so rekrutiert er seine Musiker in der Heimat. Dafür bietet er ihnen eine volle Stelle in seiner GmbH. Auch die Solisten seiner Konzerte und die Sänger seiner Galas kommen aus Ungarn, zuletzt für die große Operngala Ende Februar 2020 in der Wandelhalle Bad Nenndorf. Danach schickte der Lockdown Kovács in die Zwangspause.
Die Freude an seinem Beruf hat ihm das nicht genommen. Schwierige Zeiten, Einbrüche kennt er: Früher hatte das Pannonia Symphonieorchester 26 feste Mitglieder, jetzt beschäftigt er elf Musiker. Früher gab es eine Bigband, eine Dixieland-Formation, ein Barockorchester nach dem Vorbild der damals beliebten Formation Rondo Veneziano, für die er Musikerinnen in Reifrock und Alongeperücke gesteckt hat. „Ich muss nicht spielen, was ein Dirigent vorgibt“, sagt er. Stattdessen besteht sein Repertoire aus 3000 Werken, aus denen er auswählt – und die seine Musiker beherrschen müssen.
Dieses Repertoire hat er stets dem Geschmack seiner Zuhörer angepasst. Deshalb zählen längst Musical und Pop zum gängigen Programm, wie beim Neujahrskonzert 2020 in Bad Nenndorf, wo eben nicht nur klassische Neujahrsmusikbei dem Stücke aus „Tanz der Vampire“ und „Grease“ auf dem Programm standen oder der Ohrwurm „The Final Countdown“ und „Killing In The Name“ von Rage Against The Machine.
Dagegen nimmt sich das Nachmittagskonzert in Bad Salzuflen intim und auf eine angenehme Art nostalgisch aus - nicht allein wegen des Programms, sondern weil mit Laszlo Toth ein Stehgeiger mit von der Partie ist. Und auch diese Form des Kurkonzerts findet echte Fans: Ein Ehepaar aus Schleswig-Holstein reist regelmäßig für die Konzerte an. Und manchmal gibt es Mozartkugeln fürs Ensemble. Denn auch die Liebe zur Musik kann durch den Magen gehen.