Rettung für Nicht-Schwimmer Mit jedem „Froschbein“ fühlen Kinder sich sicherer im Wasser
Fast zwei Jahre lang gab es so gut wie keinen Schwimmunterricht für die Kleinsten. Jetzt geben viele Städte und Gemeinden Gas, um das Versäumte nachzuholen. Ein Besuch im Holtroper Freibad.
Landkreis Aurich - Springen, hüpfen, rennen, toben: Noah weiß am Montagnachmittag kaum, wohin mit seiner Energie. Der Siebenjährige ist nicht nur ausgelassen, weil er Geburtstag hat, sondern auch, weil es gleich ins Wasser geht. Er nimmt zusammen mit fünf anderen Kindern an einem Seepferdchen-Kursus im Freibad Holtrop teil. Seine Mutter hatte ihn angemeldet. Noah sei eine Wasserratte: „Der rennt so in den See, wenn man nicht aufpasst“, sagt Christina de Vries. Deshalb war es der Großefehntjerin wichtig, dass ihr Kind schwimmen lernt.
Sehr froh ist sie darüber, dass sie überhaupt einen Platz in einem Seepferdchen-Kursus bekommen hat. Die sind bundesweit rar gesät, auch im Landkreis Aurich übersteigt die Nachfrage das Angebot. „Wir haben seit Jahren einen großen Nachholbedarf, aber durch die Corona-Pandemie ist der nochmals angestiegen“, sagt Michael Rieken. Der Sprecher der Auricher Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) spricht davon, dass jedes zweite Kind in Deutschland nicht schwimmen kann. Durch die wegen Corona geschlossenen Schwimmbäder waren Schwimmkurse und Schwimmunterricht ein Jahr lang fast ganz ausgefallen, mehrere Monate lang gab es nur eingeschränkte Öffnungszeiten. Vielerorts habe man deshalb zusätzliche Angebote geschaffen. Die Stadt Wittmund etwa bildet alleine 260 Kinder in der Cliner Quelle in Carolinensiel aus.
Wassergewöhnung ist der Anfang
Wegen der angespannten Lage hat sich auch die Gemeinde Großefehn entschlossen, die Zahl der Seepferdchen-Kurse zu erhöhen. „Früher hatten wir in der Saison so im Schnitt drei bis vier dieser Angebote, aktuell sind es elf“, sagte Jens Erdwiens. Der zuständige Fachbereichsleiter bei der Gemeinde Großefehn ist froh darüber, mit dem Freibad in Holtrop eine geeignete Trainings- und Übungsstätte zu haben. Und mit Heiko Wiese einen geeigneten Lehrer. Der Fachangestellte für Bäderbetriebe hat sich für die 15 Kursstunden ein gestaffeltes Programm zurechtgelegt. „Am Anfang steht die Wassergewöhnung“, sagt er. Dazu gehöre es, den Kindern die Angst vor dem in dieser Dichte unbekannten Element zu nehmen. Schrittweise führe man die Mädchen und Jungen dann dazu, dass sie sich im Wasser bewegen.
Gegen 16 Uhr stellen sich die vier Jungen und ein Mädchen am Beckenrand auf. Mit einem Satz sind sie im Bassin, klammern sich dann an der Kante fest. Erst mit einer, dann mit zwei Händen. Die Beine der Kinder bilden die Bewegung von Fröschen nach. Schließlich kommen Schwimmgürtel zum Einsatz. Solchermaßen abgesichert gleitet die Gruppe durch das Wasser, der Kopf liegt ganz weit hinten im Nacken. Nur nicht untertauchen! Trotz der offensichtlichen Freude an der Bewegung ist ein wenig Angst im Spiel, in dem 1,30 Meter tiefen Becken die Kontrolle zu verlieren. Die Furcht ist unbegründet: Heiko Wiese ist ebenfalls im Wasser. Er hat alle Kinder im Blick, leitet sie an. Bei Bedarf kümmert er sich gezielt um ein Mädchen oder einen Jungen, wenn er Unsicherheiten feststellt. Andersherum: Kommt jemand schon gut klar mit der Situation, reduziert er die Zahl der Elemente in dem Schwimmgürtel. Das führt dazu, dass derjenige mehr auf sich alleine gestellt ist, weil er nicht mehr so viel Auftriebsunterstützung bekommt.
Kinder müssen mindestens sechs Jahre alt sein
Am Montag haben die Kinder das zehnte Training absolviert, fünf liegen noch vor ihnen. Dann steht Ende Juni die Prüfung an. Dazu gehört unter anderem ein Sprung vom Beckenrand mit anschließendem 25-Meter-Schwimmen „in einer Schwimmart in Bauch- oder Rückenlage“, wie es offiziell heißt. Außerdem muss ein Gegenstand aus schultertiefem Wasser nach oben geholt werden.
Voraussetzung für die Anmeldung zu einem Kursus ist ein Mindestalter von sechs Jahren. Und: Die Kinder dürfen keine Angst vor dem Wasser haben. Um das zu erreichen, gibt es die Wassergewöhnungskurse für Kinder im Vorschulalter. Weil die auch vielfach ausgebucht sind, setzt die DLRG jetzt auf eine besondere Aktion. Mit Mitteln aus einem Fördertopf des Landes Niedersachsen habe man vier mobile Pools mit Filter und Wärmepumpe erworben. Damit wolle man Kindergärten aufsuchen und Kindern die Angst vor dem Wasser nehmen, sagte Hendrik Schultz. Der Wittmunder ist Vize-Präsident der DLRG in Niedersachsen. Ein Termin stehe bereits fest: Ab 8. Juli mache ein Team mit den mobilen Pools Station beim „Zwergennest“ in Riepe.