Hamburg Entfremdung in der Familie: „Man kann eine gute Beziehung nicht erzwingen“
Viele wünschen sich eine gute und vertrauensvolle Beziehung zu ihren Eltern. Wieviel Kontakt Dir gut tut und warum WhatsApp-Familiengruppen ein soziales Lagefeuer sein können.
In diesem Artikel erfährst Du:
Ein Gedankenexperiment: Wann hast Du Deine Eltern das letzte Mal angerufen? Also nicht zurückgerufen, sondern von Dir aus angerufen. Erinnerst Du Dich? Wenn ja: Worum ging es in dem Gespräch? Hast Du vielleicht Unterlagen für Deinen Bafög-Antrag gebraucht, wolltest einen Rat bei einem Bankproblem oder nur kurz zum Geburtstag gratulieren? Jetzt eine noch kniffligere Frage: Wann hast Du das letzte Mal Deine Eltern angerufen, ohne dass Du etwas von Ihnen wolltest, sondern einfach um zu plaudern und zu hören, was sie so machen?
„Entfremdung ist gar nicht so selten, wie man vielleicht denkt. Jeder Fünfte entfremdet sich von seinem Vater, jeder zehnte von seiner Mutter“, erklärt Oliver Arránz Becker. Der Soziologe hat mit seinem Kollegen Karsten Hank haben als erste Forscher untersucht, wie verbreitet das Phänomen der Entfremdung erwachsener Kinder und ihrer Eltern in Deutschland ist.
Im Gegensatz zum bewussten Kontaktabbruch, der häufig die Konsequenz von Gewalt oder Missbrauch in der Familie, emotionaler Kälte oder schweren psychischen Erkrankungen der Eltern ist, geschieht die Entfremdung schleichend. Die Telefonate werden seltener, die persönlichen Treffen sowieso, und im Familien-WhatsApp-Chat reagiert man irgendwann nur noch mit einem „Daumen hoch“.
Dabei bieten die Chatgruppen die Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben – wenn man sie richtig nutzt: als Überbrückung statt als Ersatz zwischen Treffen.
Ein Foto von Deinem Abendessen reicht schon, um ein Gespräch in Gang zu bringen, zumal jeder in Chat bei diesem Thema mitreden kann. Aber auch ein Selfie von einem schönen Ausflug am Wochenende lässt Deine Eltern und Geschwister an Deinem Leben teilhaben.
Wie ist das bei Dir?
Aber kann es eigentlich auch ein Zuviel an Kontakt geben? Ist es ein Problem, wenn ich jeden Tag mit meiner Mutter telefoniere?
Nochmal Glück gehabt, Lorelai und Rory:
Doch eine Sache ist klar: Eine gute Beziehung hängt nicht allein von Dir ab und ist nicht Deine Verantwortung. Wie in jeder Freundschaft ist es auch in der Beziehung zu den Eltern: Manchmal klappt es einfach nicht (mehr).
Nur wenn beide Seiten dazu bereit sind und Einsatz zeigen, kann eine gute Beziehung gelingen. Wenn Dich Deine Mutter also immer nur anruft, um mit Dir über Deinen Vater zu lästern, aber kein Interesse an Deinem Job oder Deinen Freunden hat, ist das genauso problematisch, wie wenn Du Dich immer nur mit Geldsorgen an sie wendest..
Eine gute Nachricht zum Schluss: Der Studie zufolge können entfremdete Eltern-Kind-Beziehungen wieder gekittet werden. Oft braucht es dafür eines: Zeit.
Doch auch das ist kein Automatismus. Wenn Dich Deine Eltern bei der Erziehung Deiner Kinder nicht emotional unterstützen und entlasten, sondern sich immer nur beschweren, warum Du ihnen angeblich ihre Enkel vorenthältst, ist es vollkommen okay, wenn Du auf Distanz gehst. Denn Deinen Kindern wird es gut gehen, wenn es auch Dir gut geht.