Osnabrück Theater Osnabrück bereitet zentrale Produktion der Spielzeit vor
Den Fans zählen Kinan Azmeh und Dima Orsho zu den beliebtesten Künstlern des Morgenland Festivals. Jetzt sind die beiden auf der Theaterbühne zu erleben, in einer Oper, die Azmeh komponiert hat. Vor der Premiere arbeiten alle Beteiligten daran, das Stück zu einem funkelnden Diamanten zu schleifen.
An diesem Mittwochvormittag ist die Bühne im Theater am Domhof ein recht profaner Ort. Darsteller tragen über ihrer normalen Kleidung Accessoires, die Kostüme andeuten, und stehen im grellen Arbeitslicht. Den Zuschauerraum dominieren Arbeitspulte über den Sitzreihen, an denen Lichttechniker, musikalische Assistenten und der Regisseur sitzen. Theaterzauber lässt sich allenfalls erahnen. Noch.
Es ist die erste Bühnenorchesterprobe zu den „Songs Of Days To Come“. Im Produktionsablauf ist die „BO“, wie es in der Theatersprache heißt, ein spannender Moment: Bisher hat der Regisseur mit Sängern, Schauspielern und dem Chor auf der Probebühne gearbeitet und das Orchester mit dem Dirigenten fünf Etagen höher im Orchesterstudio. Jetzt ist der Moment gekommen, den Motor ins Chassis zu setzen. Jetzt muss sich beweisen, wie gut Regie und Musik ineinandergreifen, jetzt zeigt sich, wo nachjustiert werden muss.
„It is the biggest thing I ever made“, raunt Kinan Azmeh, der Komponist der „Songs“, und er sieht dabei ziemlich glücklich aus. Der syrische Klarinettist und Komponist zählt seit über zehn Jahren zu den wichtigsten Protagonisten des Morgenland Festivals, und ihn hat Theaterintendant Ulrich Mokrusch beauftragt, ihm für seine erste Spielzeit eine Oper zu schreiben. Eine zentrale Produktion dieser ersten Spielzeit; deshalb sitzt der Intendant selbst am Regiepult.
„Ich habe Michael Dreyer gefragt, ob er syrische Musiker kennt“, sagt Mokrusch. Daraufhin hat Dreyer Azmeh und Mokrusch zusammengebracht; Ende 2020 war das. Die drei Herren verstanden sich und vereinbarten eine Kooperation von Theater und Morgenland Festival.
An diesem Vormittag bleibt Mokrusch stille Beobachter. Die Probe „gehört“, wie es in der Theatersprache heißt, Daniel Inbal, dem musikalischen Leiter. Wenn jemand den Ablauf unterbricht, ist das der musikalische Leiter.
Ein paar Tage später bei der „BO 4“, der vierten Bühnenorchesterprobe, werden Dekoration und Kostüme immer noch nur angedeutet. Aber die Bühne gleißt nicht mehr im nüchternen Arbeitslicht, sondern liegt im Halbdunkel der richtigen Beleuchtung. Die „Songs“ sind der Theatermagie ein ganzes Stück näher gekommen.
Inbal hat für diesen Montagabend einen ersten Durchlauf angesetzt: Orchester, Sänger, Schauspieler und Chor sollen das Stück in ganzer Länge durchspielen. Irgendwann greift aber Mokrusch doch ein; „die Schränke müssen von der Bühne“, sagt er vernehmlich übers Orchester hinweg. Später ruft er der Sängerin Dima Orsho einen Hinweis zu; „in English please“, sagt die, und Mokrusch macht, wie ihm geheißen.
Orsho nimmt in der Produktion eine zentrale Rolle ein und ist ein weiteres Merkmal für die Kooperation mit dem Morgenland Festival. Denn wie Azmeh ist sie seit über zehn Jahren Teil des Festivals. Die beiden kennen sich seit Kindheitstagen, arbeiten seither eng und vertrauensvoll zusammen. Wie gut sich die beiden musikalisch verstehen, zeigt eine Passage der „Songs“, in der sich Azmehs Klarinettenton den Gesang ablöst und weiterführt –wo die Klarinette beginnt und der Gesang aufhört, ist kaum auszumachen.
Für Dima Orsho hat Azmeh die Songs nach Texten syrischer Dichter ursprünglich geschrieben, die zur Keimzelle des Kooperationsprojekts geworden sind. Jetzt verhelfen sie der Sängerin zur Rückkehr auf die Opernbühne, für die sie ausgebildet worden ist, zunächst an der Hochschule in Damaskus, später in Boston. Doch das Publikum – in Osnabrück und im Rest der Welt – kennt sie als Sängerin, bei der Stile bruchlos ineinanderfließen: arabische Melodik, jazziger Scat, die ausgereifte Kontrolle aller Möglichkeiten mit der Technik der Opernsängerin. Das schwierigste für sie sind die Dialoge: Die muss sie auf deutsch sprechen, und dafür hat sie sehr viel geübt, sagt sie und lacht dabei ihr ansteckendes Lachen.
Eine klassische Oper sind die „Songs“ nicht. Mokrusch spricht lieber von einem interdisziplinären Stück: Neben Chor und Solisten stehen auch Schauspieler auf der Bühne, die Sänger tragen Mikroports; auch Protagonist Jan Friedrich Eggers singt also verstärkt.
Das Osnabrücker Symphonieorchester bewegt sich dabei ebenfalls auf ungewohntem Terrain. „In eine Schublade lässt sich diese Musik nicht ohne Weiteres einordnen“, sagt Inbal. Er entdeckt Anklänge an Schostakowitsch, an Minimal Music, Jazz und natürlich an die arabische Musik. Aber letztlich versagt der Versuch der Kategorisierung. „Es ist ernste Musik, die keine Angst vor der Kraft der Unterhaltung hat“, sagt Inbal schließlich. „Mir gefällt das“, sagt eine Geigerin des Osnabrücker Symphonieorchesters: „Die Klangflächen, die Rhythmik.“
Gerade letzteres macht die Sache kompliziert: Die Oper beschäftigt sich mit dem Syrien der vergangenen Jahre, mit dem Syrien, das Schauplatz eines verheerenden Krieges geworden ist. Und dieses Syrien spiegelt die Musik wider. Ein deutlich sicht- und hörbares Symbol dafür ist der syrische Oud-Spieler Isaam Rafea, der mit Orsho und Azmeh das Trio Hewar bildet und am linken Bühnenrand sitzt. Aber auch das Orchester selbst muss komplexe arabische Rhythmen spielen, Rhythmen, die buchstäblich aus einer anderen Welt kommen. Da hilft es sehr, dass Azmeh „intensiv bei jedem Schritt der Arbeit dabei ist“, sagt Inbal. Und wer Azmeh einmal bei der Arbeit erlebt hat, weiß, wie er erreicht, was er sich vorstellt: zielgerichtet, aber mit „viel Wärme und Verständnis“, so Inbal.
Wie weit alle auf diesem Weg sind, lässt sich aus Azmehs Lächeln lesen, mit dem er von seinem größten Projekt spricht. Und es lässt sich auch aus der guten Probenatmosphäre herauslesen. Während die Schränke von der Bühne geräumt werden, machen Hauptdarsteller Eggers und Schauspielerin Sascha Maria Icks ihre leisen Scherze, Mokrusch lächelt, Inbal spricht mit Azmeh. Dann nehmen alle den Faden wieder auf; zu tun gibt es schon noch einiges. Doch die „Songs For Days To Come“ sind auf einem guten Weg.