Mariehamn/Åland Vorbild Åland: Wie das Zusammenleben verschiedener Ethnien gelingen kann
Vor 100 Jahren endete der Streit Schwedens und Finnlands um die Åland-Inseln mit einem Kompromiss: Die seit Jahrhunderten schwedisch geprägte Inselgruppe vor der Küste Finnlands wurde unter Wahrung der Kultur Finnland zugeschlagen. Åland wurde zudem demilitarisiert und muss neutral bleiben. Das führte zu einer ganz besonderen Kultur.
„Wir auf den Åland-Inseln fühlen uns als ,Ålänningerna’, also ÅländerInnen“, betont Gunnar Westerholm. „Und was dann als Nummer zwei folgt, also Schwedisch oder Finnisch, ist egal – eher fühlen sich viele der 30.000 Menschen hier als Europäer oder Nordeuropäer.“ Als Mitarbeiter der Landesregierung muss er wissen, wovon er spricht – schließlich ist der langjähriger Politikprofi selbst ein Kind der zwischen Finnland und Schweden liegenden Inselgruppe.
Dass die Åländer sich so selbstverständlich zu ihrer eigenen Identität bekennen können, war nicht immer so. Im Gegenteil: Jahrhunderte lang gehörte der Archipel aus über 6500 Inseln, von denen nur gut 60 bewohnt sind, zu Schweden. Noch heute nennen regelmäßig mehr als 90 Prozent der Einwohner auf die Frage nach ihrer Muttersprache Schwedisch.
Dass die Menschen dort auch heute noch mehrheitlich schwedischsprachig sind, hängt damit zusammen, dass der offiziell zu Finnland gehörende Landesteil sich immer dem Königreich im Westen näher gefühlt hat als den Finnen im Osten. Und das ungeachtet der inzwischen mehr als 200 Jahre alten Tatsache, dass die Åland-Inseln als Folge des verlorenen Russisch-Schwedischen Kriegs in den Jahren 1808 und 1809 – in dem beide Anrainer um die Macht im damals noch schwedischen Finnland rangen – letztlich zusammen mit Finnland an Russland fiel.
Cecilia von Weymarn hat ihre Heimatinseln vermisst, seit sie Åland zum Studium vor rund einem Vierteljahrhundert verlassen hat. Geboren im kleinen Jomala, lebte die Innenarchitektin und Designerin in Metropolen wie Göteborg und London, arbeitete zuletzt in einer internationalen Organisation im amerikanischen Seattle. „Aber Åland habe ich letztlich immer im Herzen gehabt“, gesteht die Weltbürgerin aus dem Norden.
„Lange konnte ich schlecht nein sagen, zu den beruflichen Herausforderungen“, sagt von Weymarn. Und doch fehlte ihr bei aller Internationalität fast dreißig Jahre lang eines: Nähe und Menschlichkeit einer Gesellschaft, die man so vielleicht nur in einem Inselreich findet.
Nicht zuletzt aber sollten die Kinder der Wymarns nicht nur das Leben in einer multikulturellen Großstadt, sondern auch die Vielfalt einer überschaubaren Community mit der Nähe zu Großeltern, Familie und Freunden kennenlernen. Als dann vor drei Jahren ein passender Job auf Åland auftauchte, war die Entscheidung schnell gefallen: Heute wohnen und lebt Cecilia von Weymarn wieder in ihrem Inselstaat.
Und genauso fühlt es sich für die Mittvierzigerin auch an: „Wir zogen nicht einfach nur zurück, sondern nach Hause.“ Kurz darauf gab die Coronapandemie dem Alltag auch auf den Åland-Inseln eine radikale Wendung. „Und genau deshalb erscheinen uns die Inseln im Moment als der perfekte Ort auf der Welt für uns. Denn obwohl die letzten ein, zwei Jahre wirklich schwierig waren, konnten wir hier ganz normal leben“, erinnert sich Weymarn, die mit ihrer Familie heute in einem Haus im 12.000 Einwohner kleinen Mariehamn lebt.
Zudem sei es für die Kinder sicherer und freier. Die Jungen könnten zu Fuß oder per Rad zu Freunden oder zum Fußball fahren, ganz anders als in den USA. Und die Natur sei immer um die Ecke: „Wir gehen nur fünf Minuten zum Strand und zwei Minuten zum Wald – und das obwohl wir in Ålands größter Stadt wohnen.“
Dass das Leben einer kleinen Gemeinschaft mit weitreichender Autonomie dennoch immer wieder mitten im Weltgeschehen liegen kann, wissen auch die Weymarns. Denn mit Finnland stehen auch die Åland-Inseln zurzeit im Mittelpunkt der nordischen Diskussion um den bevorstehenden Beitritt des Landes – und Schwedens – zur Nato.
Damit geht ein Teil des hundertjährigen Sonderstatus womöglich bald zu Ende: der lange demilitarisierte Status Ålands. Gunnar Westerholm: „Alle Åländer spüren einen wachsenden Stolz darüber, dass unsere ,Självstyrelse’ seit 100 Jahren so hervorragend funktioniert. Und gerade in Zeiten wie diesen sind wir uns darüber bewusst, dass dies nichts Selbstverständliches ist, sondern dass wir dieses Erbe pflegen, schützen und weiterentwickeln müssen. Nur dann hat es auch eine Zukunft.“