Anklage wegen Missbrauchs  Geschlechtsteil eines Physiotherapeuten wird zum Beweisstück

Gabriele Boschbach
|
Von Gabriele Boschbach
| 01.06.2022 14:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Vor dem Landgericht muss sich ein Therapeut aus dem Landkreis Aurich verantworten. Foto: Archiv
Vor dem Landgericht muss sich ein Therapeut aus dem Landkreis Aurich verantworten. Foto: Archiv
Artikel teilen:

Weil er drei Patientinnen sexuell missbraucht haben soll, ist ein 56-Jähriger aus dem Landkreis Aurich vor zwei Jahren verurteilt worden. Jetzt wird die Sache erneut verhandelt.

Aurich - Scham, nackte Scham hat zwei Frauen vor mehreren Jahren zunächst daran gehindert, ihren Physiotherapeuten wegen sexuellen Missbrauchs anzuzeigen. Das haben am Mittwoch eine heute 31-Jährige und eine heute 58-Jährige vor dem Landgericht Aurich ausgesagt. Sie waren in einem Berufungsprozess geladen, in dem sich ein 56-jähriger Physiotherapeut aus dem Landkreis Aurich verantworten muss. Er soll in den Jahren 2016 und 2017 das Vertrauensverhältnis zu seinen Patientinnen ausgenutzt und während der Behandlung Berührungen seines Geschlechtsteils provoziert haben. Das Schöffengericht Aurich verurteilte ihn deshalb im November 2020 zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Das Gefängnis blieb ihm allerdings erspart: Die Strafe wurde für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Weder der Angeklagte noch die Staatsanwaltschaft waren mit diesem Urteil einverstanden und legten Berufung ein.

Die Vorsitzende Richterin Dorothee Bröker rollte die Beweisaufnahme ganz neu auf. Das heißt, dass die Patientinnen wieder vernommen wurden. Acht Zeugen waren geladen. Verteidiger Dr. Sascha Böttner hatte zudem Professor Günter Köhnken als Sachverständigen hinzugezogen. Der Fachmann aus Kiel gilt als einer der renommiertesten Rechtspsychologen Deutschlands. Er hatte bereits den Prozess vor dem Schöffengericht begleitet und damals zwei der drei Patientinnen für unglaubwürdig gehalten.

Erst dachte sie an einen Babyfuß

Deren Erinnerungsvermögen wurde auch am Mittwoch erneut auf eine harte Probe gestellt. Sie mussten sich Erlebnisse ins Gedächtnis rufen, die sie gerne verdrängt hätten. Eine 58-Jährige berichtete, dass sie wegen Beschwerden im Brustwirbelbereich die Praxis des Therapeuten aufgesucht habe. Es sei nicht das erste Mal gewesen. Wiederholt habe ihr der Fachmann geholfen, wenn sie Verspannungen oder Schmerzen verspürt hatte. So auch an dem besagten Tag.

Gegen Ende der Behandlung habe sie plötzlich „etwas Warmes, Weiches, sehr Bewegliches“ an der linken Hand gespürt. Sie habe in der ersten Sekunde gedacht, es sei ein Babyfuß. „Doch wo sollte das sein, fiel mir dann ein. Ich wusste im nächsten Augenblick, dass es sich nur um ein männliches Geschlechtsteil handeln konnte“, berichtete die Zeugin vor Gericht. Dann habe sie sich selbst gefragt, wem sie das erzählen soll: „Wer soll mir das glauben?, habe ich mich gefragt.“ Sie habe mit niemanden darüber gesprochen, habe das Erlebnis fast verdrängt und sei danach auch noch ein zweites Mal bei dem Therapeuten gewesen. Erneut sei es zu einem Vorfall gekommen: Der Mann habe sie zwischen den Pobacken angefasst.

Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt

Verdrängung sei für sie auch jetzt wieder das Gebot gewesen. Vielleicht hätte sie alles auf sich beruhen lassen, wenn sie nicht einen Zeitungsartikel über den ersten Prozess gelesen hätte. Der habe sie zur Anzeige ermutigt. Der Physiotherapeut war nämlich wegen ganz ähnlicher Vorwürfe bereits im Oktober 2017 zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt worden. Damals war die Strafe ebenfalls zur Bewährung ausgesetzt worden.

Der auf Sexualrecht spezialisierte Verteidiger hakte bei den ehemaligen Patientinnen sehr genau nach. Er wollte unter anderem wissen, wie es zu der Berührung gekommen ist. Und warum die Frauen nicht hingeschaut haben. Keine konnte schlüssig erklären, warum sie den wahrgenommenen Übergriff nicht angesprochen hat, warum sie sich nicht direkt gewehrt hat. Die Verhandlung wird am Donnerstag, 9. Juni, um 14 Uhr fortgesetzt.

Ähnliche Artikel