Streit um Geld vor Gericht Gab es Morddrohungen nach Kratzern im Autolack?
Seine Kinder schlachten und sein Auto anzünden: Das soll ein Auricher einem Holtriemer in Aussicht gestellt haben. Grund dafür war, dass der seine Schulden nicht gezahlt hatte.
Wittmund - Wenn Kinder sich „kreativ“ an Autos ausleben, wird es unter Umständen teuer für die Eltern. Dass das Resultat von zerkratztem Lack aber eine Anklage wegen räuberischer Erpressung und Bedrohung ist, dürfte eher Seltenheitswert haben. So geschehen allerdings diese Woche vor dem Amtsgericht in Wittmund. Richter Benjamin Heimann hatte es mit einem 40 Jahre alten Auricher zu tun, dem die Staatsanwaltschaft Aurich genau das vorwarf. Dem Wortlaut der Anklageschrift zufolge hatte der Gastronom einem Bekannten aus der Samtgemeinde Holtriem im Juli 2021 telefonisch angedroht, „die Tochter schlachten oder den Pkw verbrennen“ zu wollen. So hatte es der 48-Jährige offenbar kurz darauf bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Darüber hinaus solle ihm die Entführung von Familienmitgliedern angedroht worden sein. Der Angeklagte bestritt dies vehement. Mit dem Verlauf der Verhandlung wurde dieses Szenario dann auch zunehmend unwahrscheinlicher.
Die Vorgeschichte: Mindestens eine Tochter des Holtriemers hatte im Sommer 2019 mit Steinen den vom Angeklagten ausgeliehenen Audi A8 zerkratzt. Das und vieles mehr schilderte der Angeklagte wortreich. Das Auto wurde neu lackiert. Da die Versicherung des Holtriemers nicht für die Werkstattrechnung aufkam und diese nicht auf einen Schlag begleichen konnte, zahlte der Angeklagte. Die Männer einigten sich auf eine Ratenzahlung von 100 Euro monatlich zur Tilgung der Schulden. Monate später war der Holtriemer knapp bei Kasse. Als er das Geld zwei Monate in Folge nicht zahlte, rief der Auricher ihn an und machte seiner Wut Luft. „Am Telefon haben wir uns beleidigt. Das ging hin und her.“ Zielführend war das offenbar nicht: Beide kommunizieren miteinander meist mithilfe anderer. Sprachlich kommen sie auf keinen gemeinsamen Nenner.
Holtriemer wollte bei der Polizei zurückrudern
Wenig später bekam der Auricher einen Anruf von der Polizei: Er solle auf Abstand zu dem Holtriemer bleiben, habe es seitens der Beamten geheißen. Der Gastronom schilderte seine Sicht der Dinge ausführlich und aufgebracht. Mehr als einmal bremste Verteidiger Tim Lorenzen seinen Mandanten und forderte ihn auf: „Atmen Sie.“ Nur schleppend ergab sich ein nachvollziehbares Konstrukt aus Sprachbarrieren, Missverständnissen und Temperamenten. Für den Gastronomen stand mit dem Ausgang der Verhandlung viel auf dem Spiel: sein Ruf als Gastgeber und seine Einbürgerung. Die sei aufgrund der Anklage auf Eis gelegt worden. „Ich kämpfe seit 30 Jahren für einen deutschen Pass. Warum sollte ich sowas tun?“, adressierte er fast flehentlich in Richtung des Richters.
Drei von fünf Zeugen konnten wenig später ungehört das Amtsgericht verlassen: Der Familienvater, dessen Tochter mit dem Zerkratzen des Autos den Konflikt verursacht hatte, sagte in ruhigem, fast schüchternem Tonfall: Das Aufbrausen des Aurichers habe ihm Angst gemacht. Er habe nur einzelne Worte verstanden, nicht den genauen Wortlaut. Wie es im Polizeikommissariat Wittmund zu den aufgeschriebenen Bedrohungen gegen das Leben seiner Familie gekommen war, blieb offen. Die erste Aussage dort hatte der Zeuge noch ohne Dolmetscher gemacht, eine zweite mit. Später habe er versucht, „die Akte zu schließen“. Man habe sich schnell wieder vertragen. Auch die monatlichen Raten für das beschädigte Auto bezahle er weiterhin. Beide Männer versicherten, zwischen ihnen sei alles geklärt.
So sah das auch der 59 Jahre alte Nachbar des Holtriemers. Der hatte als gemeinsamer Freund beider Streithähne vermittelt und die Übergabe der 100-Euro-Raten dokumentiert und organisiert. Auch er versicherte, er habe nie Aggressivität zwischen den Männern erlebt. Die angenommene räuberische Erpressung war damit nicht haltbar, auch die Bedrohung oder Nötigung nicht nachweisbar: Staatsanwalt und Verteidiger forderten Freispruch für den 40 Jahre alten Gastronomen. Richter Heimann kam dem nach.