Osnabrück  Großer Erfolg für „Songs For Days To Come“ am Theater Osnabrück

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 05.06.2022 17:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Auf der Suche nach der eigenen Identität: Sami (Jan Friedrich Eggers, Mitte) hat eben seine Braut verloren - auf der Hochzeitsfeier. Kinan Azmeh (links) und Dima Orsho geben der Trauer musikalisch Ausdruck. Foto: Stephan Glagla
Auf der Suche nach der eigenen Identität: Sami (Jan Friedrich Eggers, Mitte) hat eben seine Braut verloren - auf der Hochzeitsfeier. Kinan Azmeh (links) und Dima Orsho geben der Trauer musikalisch Ausdruck. Foto: Stephan Glagla
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Das Morgenland Festival eröffnet in diesem Jahr außergewöhnlich: Statt eines Konzerts in der Marienkirche bildet die Uraufführung einer gemeinsamen Musiktheaterproduktion mit dem Theater Osnabrück den Auftakt: die „Songs For Days To Come“ von Kinan Azmeh.

Es geht düster zu auf der Bühne im Theater Osnabrück: Nebel wabert in der Dämmerung, eine einsame Flöte eröffnet aus dem Orchestergraben die „Songs For Days To Come“. Eine Analyse in fünf Schritten.

Die Handlung: Keimzelle der „Songs For Days To Come“ sind 15 Gedichte syrischer Lyriker über den Krieg in Syrien, die Kinan Azmeh für Gesang, Cello, Klavier und Klarinette vertont hat. Das syrische Lebens- Dichter- und Drehbuchautorenpaar Liwaa Yazij und Mohammad Abou Laban haben den Zyklus dramaturgisch in Form gebracht, in der die Songs, wie Arien in der klassischen Oper, Stationen des Bürgerkriegs reflektieren, vom Aufstand, der in Krieg umschlägt, von Flucht und Ankunft in einer neuen Heimat.

Protagonist der Handlung ist der Beamte Sami, dargestellt von Jan Friedrich Eggers. Sami hadert mit der Monotonie seines Berufs und der Unterdrückung durch das Regime. Auf seiner Hochzeitsfeier tötet eine Bombe einen Teil der Gäste und Samis Braut. Im Schock zieht sich Sami das Brautkleid über und wird zum gefürchteten Kämpfer im Krieg. Eine Rahmenhandlung beschreibt, wie Sami versucht seine Traumata aufzuarbeiten, wobei ihm die Stimmen seiner verstorbenen Braut beständig im Kopf herumschwirren.

Die Musik: Kinan Azmeh mischt auf seiner musikalischen Farbpalette die Hemisphären seiner künstlerischen Sozialisation. Kreisende Pattern der Minimal Music treffen auf musikalischen Breitwand-Sound, an anderen Stellen schichtet er komplexe rhythmische Schichten übereinander und bringt arabische Melodik mit ihren typischen Mikrointervallen ein. Azmeh öffnet aber auch Freiräume für Improvisation für ihn als Klarinettisten sowie für den Oud-Virtuosen Issam Rafea – und fürs Osnabrücker Symphonieorchester.

Der musikalische Leiter Daniel Inbal hat dabei hörbar geschafft, das Orchester für dieses fremde Terrain zu begeistern. Was aus dem Orchestergraben und auf der Bühne erklingt, mutet neu und gleichzeitig vertraut an: Azmehs Musik ist nicht innovativ um der Innovation Willen, sondern im Dienst des Ausdrucks. Sie illustriert mit spitzen Trompetenakzenten Aufruhr und Chaos, in düsteren Klängen Angst, Schrecken, Zweifel. Vor allem aber durchleuchtet Azmeh die arabischen Gedichte und stellt ihren emotionalen Gehalt in den Mittelpunkt. Das macht die gut hundert Minuten zu einer zutiefst berührenden Angelegenheit.

Der Gesang: Als Genrebezeichnung steht „Interdisziplinäres Musiktheater“ über den „Songs“, und das deckt sich mit Azmehs Ansatz. „Ich wollte etwas schreiben, das echt und ehrlich klingt“, sagte er im Vorfeld, „und wenn es nicht in die Form einer Oper passt: Wen stört es?“

Viel wichtiger ist ohnehin, wie Azmeh für Stimmen schreibt. Das gilt in erster Linie für die Frauen auf der Bühne: Einen „Chor der Tochter der Gedanken“ bilden die fünf Solistinnen, und ihnen hat Azmeh eindringliche Musik komponiert: Olga Privalova mit ihrem warmen Mezzo, die den einsamen Sami wie eine Pietà zur Ruhe bettet, Sopranistin Susann Vent-Wunderlich, die dem Leid der Geflüchteten tiefen Ausdruck verleiht. Der Chor, von Sierd Quarré hervorragend vorbereitet, verkörpert Aufruhr und Militarismus, agiert engagiert – und hat dafür, wie auch die Solistinnen, die „Songs“ auf arabisch einzustudiert.

Musikalischer Mittelpunkt ist aber Dima Orsho, musikalische Kosmopolitin wie Azmeh, ausgebildete Opernsängerin und im Scatgesang des Jazz so zuhause wie in der arabischen Musik. Wie sie nach der Explosion auf der Hochzeit der Trauer und dem Leid ihre Stimme gibt, gehört zu den bewegendsten Momenten des Abends, ihr einsamer Gesang „Aus dem geheimen Tagebuch eines Flüchtlings“ ebenfalls.

Die szenische Umsetzung: In diesem Kooperationsprojekt von Theater Osnabrück und Morgenland Festival Osnabrück hat Intendant Ulrich Mokrusch höchstselbst die Regie übernommen. Er arbeitet dabei mit sparsamsten Mitteln: Eine hohe Wand aus goldschimmernden Platten begrenzt die Bühne nach hinten. Fünf Schiebetüren geben den Blick auf die Welt dahinter frei, und das war’s a im Wesentlichen (Bühnenbild und Kostüme: Okarina Peter und Timo Dentler).

Das passt zum Ansatz, den Gedichten eine universelle Dimension über den Syrienkrieg hinaus zu verleihen, zu illustrieren, wie Krieg den Menschen das Leben und die Identität raubt. Jan Friedrich Eggers, von Haus aus Opernsänger, ist vor allem ein Darsteller von hohem Rang, der seine Vergangenheit sucht und den Sinn seines Daseins, gemeinsam mit einer Art göttlichen Instanz (kühl distanziert: Sascha Maria Icks).

In der Figur des Sami kulminieren Schicksale, wie der Krieg sie auslöst. Mokrusch hebt das auf ein Abstraktionsniveau, das einen auch mal in Ratlosigkeit zurücklässt. Trotzdem erzählt die Regie eine nachvollziehbare Geschichte, die niemanden unberührt lässt. Vor allem aber feiert dieser Abend die Kraft der Poesie, die Kraft der Kunst und der Musik, Perspektiven zu öffnen – und das ist exakt das Signal, das dem Theater und dem Festival in diesen Tagen gut zu Gesicht steht. Dank Azmehs punktgenau komponierter Musik, dem Ensemble auf der Bühne, dem Orchester und Daniel Inbals inspiriertem und leidenschaftlichem Dirigat kommen die Botschaften an, wie der begeisternde Applaus zeigt.

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