Klare Kante  Kollektive Angststörung

Dieter Weirich
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Eine Kolumne von Dieter Weirich
| 09.06.2022 09:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
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Donnerstags gibt es in unserer Kolumne klare Kante: Diesmal geht es um unsere Furcht vor Atomkraft, Klimawandel und Putins Bomben.

Die Angst ist seit jeher der Kopfputz des Zeitgeistes in Deutschland. Ob es um den Sauren Regen, die durch fortschreitende Computerisierung entstehenden Datenkraken, die digitale Überwachung oder auch den Klimawandel geht oder ging, das Land leidet unter einer kollektiven Angststörung. „German Angst“ ist zu einer internationalen Vokabel für unsere dauernde Furcht geworden. Der Deutsche sei nur glücklich, wenn er die Chance habe, unglücklich zu sein, heißt eine von den Angelsachsen verbreitete Sottise über uns.

Dass Psychosen hierzulande zu fundamentalen politischen Kursänderungen führen, zeigt die friedliche Nutzung der Kernkraft, der als Energieform total abgeschworen wird. Nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl 1986 schlossen die deutschen Spielplätze; die schweren Störfälle 2011 in Fukushima führten zum Aus der Kernkraft.

Mit Warnungen vor einem Atomkrieg haben die apokalyptischen Reiter in diesen Tagen Hochkonjunktur. Vor allem bei jenen Politikern und Meinungsbildnern, deren politisches Bewusstsein einst unter dem Wasserwerfer erwacht ist, sieht man die deutsche Zurückhaltung bei Waffenlieferungen für die Ukraine als moralische Pflicht.

Russische Politiker bedienen mit ihrer hybriden Kriegsführung, in der die Warnungen vor atomaren Attacken zum gängigen Arsenal gehören, die deutsche Gefühlswelt. Dass Frieden ohne Waffen geschaffen werden kann, glauben nach Putins brutalem Angriffskrieg gegen die Ukraine noch nicht einmal mehr die aus der pazifistischen Bewegung hervorgegangenen Grünen. Ein „Scheinfriede“ unter russischen Bedingungen raubt den Ukrainern die Freiheit, ihr Leben selbst zu bestimmen.

Statt in deutschland- und ostpolitische Restromantik zu verfallen, sollte sich vor allem die SPD an Helmut Schmidt erinnern, der die Nachrüstung der Nato entschlossen mit durchsetzte und so aktive Friedenspolitik betrieb. Nur glaubwürdige Abschreckung macht nämlich den Frieden sicherer, stärkt die Freiheit. Politik der Stärke statt opportunistischem Wandelmut heißt deshalb die Devise.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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