Wandel in Aurich Als die Wallstraße „Judenstraße“ genannt wurde
Die Wallstraße in Aurich hat sich von einer belebten Straße mit vielen Handwerksbetrieben zu einer reinen Wohnstraße entwickelt. Dabei ist viel auf der Strecke geblieben.
Aurich - Krawumm! Ein kräftig getretener Schuss − und schon war die Glasscheibe kaputt. Berend Voss hat das Geräusch des berstenden Materials jetzt noch in den Ohren, wenn er die Augen schließt und sich erinnert. Dann sieht der Auricher sich selbst vor etwas mehr als 60 Jahren, wie er in der Wallstraße den Ball positioniert, ihn eigentlich die Gasse entlangschießen wollte, doch dann landete er im Betrieb der Glasschleiferei Fangmann in der Wallstraße 31. Dort waren immer etliche Scheiben aufgestellt. „Ich habe über die Jahre gesehen mehrere zu Bruch geschossen“, erinnert sich Berend Voss und kichert. In Sekundenbruchteilen wird ihm bewusst, wie viel Unfug er früher gemacht hat. Der ehemalige Geschäftsführer der Eisenbahninfrastrukturgesellschaft Emden-Aurich (EAE) ist mit seinen vier Geschwistern in der Wallstraße aufgewachsen. Sein Vater war als Maler bei Fangmann beschäftigt. Was Berend Voss in den 50er und 60er Jahren erlebte, hat er dem Team des Historischen Museums erzählt. Die Mitarbeiterinnen haben es gefiltert, aufgeschrieben und für die Sonder-Ausstellung „Menschen in der Wallstraße − Die Sammler Elisabeth Janßen und Karl-Heinz Langhoff“ genutzt. Die Schau zeigt das alltägliche Leben der Handwerker, Geschäftsleute und Familien im vergangenen Jahrhundert.
Die Redaktion hat sich dafür interessiert, wie sehr die Wallstraße in den vergangenen Jahrzehnten ihr Profil verändert hat. Das zeigt schon alleine ein Blick von der Osterstraße in Richtung Busbahnhof: Die Häuserflucht ist klar zu erkennen. Wie mit dem Lineal gezogen schiebt sie sich entlang der Wallstraße. Die Gebäude sind schmal, haben selten mehr als ein Geschoss. Bei einigen sieht man, dass sich an das Vorderhaus schuppenähnliche Gebäude anschließen. Dort waren mutmaßlich früher Werkstätten. Die Struktur ist typisch für die Geschichte dieser Straße, in der viele Jahrzehnte lang vor allen Dingen Handwerksbetriebe heimisch waren. Schuhmachmeister, Schlosser und Sattler hatten dort ihre Betriebe, es gab aber auch einen Kohlenhändler in der Nummer 48 oder mit „Borchardt und Diermann“ in Richtung Große Mühlenwallstraße eine Großhandlung für Gemüse und Obst.
Es gab viele Viehhändler
Strenge Gerüche hingen sicher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft in der Luft, wenn es windstill war und unter Hochdruck gearbeitet wurde. Es gab nämlich auch Schlachter und Viehhändler in der Wallstraße, darunter waren etliche Juden. In der Nummer 19 etwa lebte unter anderem Helene Hoffmann. Sie kam am 26. Juni 1923 in Aurich zur Welt. Ihre Eltern schickten sie im Alter von 15 Jahren nach Palästina. Gerade noch rechtzeitig vor den Pogromen der Nationalsozialisten. Diese Informationen kann man einem der vielen Stolpersteine entnehmen, die von dem Kölner Künstler Gunter Demnig in den vergangenen Jahren verlegt worden sind.
In der Wallstraße gab es auch etliche Gasthäuser, eines der ältesten war das in der Wallstraße 42: Es hieß „Zum Halben Mond“ und wurde in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von „Oma Onnen“ geführt. Die Frau hatte damals keine andere Wahl, als sich hinter die Theke zu stellen. Ihr Mann war im Krieg gefallen, einer musste das Geschäft weiterführen. Es gab aber auch noch den Ostfriesischen Hof, der zur Einkehr einlud. Berend Voss erinnert sich noch an eine Schänke, die sich „Zur Krone“ nannte. Wo hart gearbeitet wird, wollen die Menschen auch abends irgendwo gemeinsam sitzen, sich unterhalten und ihr Bier trinken.
Nur Rinder im Angebot
Der Wandel hin zu einer Wohnstraße wurde in der Wallstraße unter Umständen durch einen Brand begünstigt, der 1961 in der Großhandlung „Borchardt und Diermann“ ausbrach und unter anderem die angrenzende Lagerhalle der Schmiede Dirks vernichtete. Einfluss auf den Strukturwandel hatte maßgeblich die Vertreibung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten. 398 Juden lebten laut dem Buch „Aurich im Nationalsozialismus“ von Herbert Reyer in den 30er Jahren in Aurich, 160 davon sind umgebracht worden. 63 Juden lebten alleine in der Wallstraße. Deshalb hieß die Straße im Volksmund auch Judenstraße. „Neben dem Viehhandel waren das Schlachten und der Fleischverkauf der unter den Juden in Aurich am stärksten vertretene Erwerbszweig“, heißt es bei Reyer.
Von den 20 damals gemeldeten Fleischereien seien 14 von Juden betrieben worden. Aus religiösen Gründen verzehrten sie ausschließlich Rinder, Kälber, Schafe und Ziegen. Im Laufe der Zeit hatte sich eine Arbeitsteilung durchgesetzt, wonach die christlichen Fleischer nur Schweine verarbeiteten. Im Schlachthof am Breiten Weg gab es bis 1933 ein stillschweigendes Übereinkommen, dass die Tiere der Juden geschächtet wurden. Dafür war eigens von der Synagogengemeinde ein Schächter eingestellt. Am 23. April 1933 wurde das Schächten von den Nazis verboten, was die Juden nicht nur wirtschaftlich betrachtet in eine bedrängende Situation brachte. Sie ernährten sich fortan, was Fleisch anbelangt, vor allen Dingen von Geflügel.
Kein Warenangebot mehr
Aktuell gibt es in der Wallstraße noch ein Nagelstudio, Versicherungsbüros und an der Ecke zur Marktstraße einen Friseursalon. Eines der letzten Geschäfte mit Warenverkauf, das dicht gemacht hat, war das Secondhand-Geschäft Finderlohn. Es hat seine Pforten im Februar 2019 für immer geschlossen. Inhaberin Sylvia Krüsmann hatte es fünf Jahre lang geführt und gleich nach dem Start einen schweren Schlag hinnehmen müssen. In dem Haus Nummer 14, in dem ihr Ladenlokal sich befand, war am 23. Juli 2015 in den frühen Morgenstunden ein Feuer ausgebrochen. Durch den Brand und das Löschwasser waren Kleidungsstücke von einigen Hundert Kunden ruiniert worden. Damals gab es noch ein weiteres Textilgeschäft in der Wallstraße, das ebenfalls aufgegeben hat.
Wer das Thema vertiefen möchte: Am Donnerstag, 9. Juni, lädt das Historische Museum um 19 Uhr zu einem Vortragsabend mit Jörg Peter ein. Das Mitglied der „Arbeitsgruppe Stolpersteine“ beteiligt sich in der Recherchegruppe an der Erschließung von Lebensgeschichten. Eine Anmeldung unter 04941/123600 oder per E-Mail an histmuseum@stadt.aurich.de ist erwünscht.