Kosten für Entsorgung  Warum ist Sperrmüll hier eigentlich so teuer?

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 08.06.2022 18:05 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sperrmüll wird in vielen Landkreisen Deutschlands noch kostenlos abgeholt, in Ostfriesland nicht. Für die Entsorger hat das seinen Grund. Foto: Büttner/dpa
Sperrmüll wird in vielen Landkreisen Deutschlands noch kostenlos abgeholt, in Ostfriesland nicht. Für die Entsorger hat das seinen Grund. Foto: Büttner/dpa
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Dinge, mit denen man nichts mehr anfangen kann, die aber zu groß sind für die Mülltonne, kommen meist in den Sperrmüll. Der ist in Ostfriesland verhältnismäßig teuer. Zumindest auf den ersten Blick.

Großefehn/Ostfriesland - Irgendwann ist der Lieblingssessel abgewetzt und durchgesessen, die Matratze speckig, der Couchtisch hat den Wutanfall nach dem letzten Länderspiel nicht überlebt und der Lattenrost nicht das Liebesspiel zum Hochzeitstag. Solche Dinge wandern in der Regel in den Sperrmüll.

Weitere Infos

Das darf in den Sperrmüll

Holz (z. B. Tische, Stühle, Regale)

Sonstiger Sperrmüll (z. B. Sofas, Gartenmöbel, Matratzen, Teppiche, Koffer)

Altmetall/Schrott (z. B. Fahrräder, Metallkanister, Küchenspülen, Schubkarren)

Elektroaltgeräte (z. B. Haushaltsgeräte, Fernseher, PCs)

Das gehört nicht rein

Abfälle aus Bau- und Umbauarbeiten (z. B. Fenster, Türen, Bauholz, Laminat)

Wertstoffe (z. B. Glas, Papier)

schadstoffhaltige Abfälle (z. B. Farben)

Hausmüll und in Säcke oder Kartons verpackte Abfälle

Wer in den 1970er und 1980er Jahren aufgewachsen ist, kann sich womöglich noch daran erinnern, dass Sperrmüll damals regelmäßig und unentgeltlich gesammelt wurde. Nicht selten wurde im Haufen des Nachbarn gestöbert oder Kinder vergnügten sich am ausrangierten Gedöns. Etwa seit den 90er Jahren muss die Sperrmüllabfuhr in den allermeisten Kommunen angefordert werden, in vielen ist sie mittlerweile auch kostenpflichtig. Und die Preise können es in sich haben.

Auch Anlieferung kostet Gebühren

In Ostfriesland lassen sich alle drei Landkreise sowie die Stadt Emden die Sperrmüllabholung bezahlen. Am günstigsten kommen die Wittmunder weg: Mit 15 Euro berechnet ihnen die Abfallwirtschaft des Landkreises den Abtransport von fünf Kubikmeter großformatigem Zeugs. Seit Anfang 2021 muss auch im Landkreis Leer für Sperrmüll bezahlt werden, 35 Euro sind es dort. Mit 38 Euro schlägt die Abfuhr in Emden zu Buche, allerdings darf der Haufen dort statt der sonst üblichen fünf nur vier Kubikmeter groß sein. Am tiefsten schließlich muss man in Aurich in die Tasche greifen. Stolze 70 Euro kostet hier der Spaß.

Soviel kostet eine Sperrmüllabholung in den jeweiligen Landkreisen. Grafik: Will
Soviel kostet eine Sperrmüllabholung in den jeweiligen Landkreisen. Grafik: Will

Damit nicht genug. Denn in Ostfriesland kostet nicht nur die Abfuhr von Sperrmüll Geld, sondern auch die eigene Anlieferung am jeweiligen Wertstoffhof. Acht Euro pro halbem Kubikmeter werden dafür in Aurich und Wittmund fällig, in Leer sogar zehn Euro. Nur mal so als Vergleich: Die angrenzenden Landkreise Cloppenburg, Ammerland und Emsland bieten jeweils zwei kostenfreie Sperrmüllabfuhren oder Anlieferungen pro Jahr an. Ist das noch gerecht?

Wer viel wegschmeißt, zahlt viel

Ja, sagt der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Aurich, MKW in Großefehn. „Unser Gebührensystem basiert konsequent auf dem Verursacherprinzip“, erklärt MKW-Sprecher Yves Knoblich. „Die Gebühr für Rest- und Bioabfall wird zum Beispiel je Leerung bemessen, so dass ein Haushalt unmittelbar belohnt wird, wenn er wenig von diesen Abfällen erzeugt. Auch die meisten unserer übrigen Entsorgungsleistungen folgen diesem Prinzip. So haben die Verursacher von großen Abfallmengen auch stärker für deren Entsorgungskosten aufzukommen.“ Für Knoblich hat dieses System zwei Vorteile: Einerseits werde ein Anreiz gegeben, Abfälle zu vermeiden, andererseits würde die Entsorgung großer Abfallmengen nicht durch höhere Grundgebühren quersubventioniert. „Der Gebührenhaushalt wird somit nicht auf Kosten aller anderen Gebührenzahler belastet“, so Knoblich.

Der Preis für den Sperrmüll bemisst sich laut MKW-Geschäftsführer Hans-Hermann Dörnath aus den Behandlungs- und Entsorgungskosten sowie den Transportkosten. Da Aurich der flächengrößte ostfriesische Landkreis ist, wird hier wohl am meisten für die Anfahrten zu entlegenen Dörfern kalkuliert. Mit 70 Euro bleibt der Sperrmüll aber trotz der vergleichsweise hohen Gebühr ein Subventionsgeschäft, wie Yves Knoblich betont. „Wir müssen mit drei Fahrzeugen kommen, um den Sperrmüll so sortenrein wie möglich getrennt aufladen und abfahren zu können“, erklärt Knoblich.

Auricher machen am wenigsten Sperrmüll

Die Erziehungsarbeit scheint sich langfristig zu lohnen. Mit rund 22,7 Kilogramm pro Kopf hat der Landkreis Aurich das mit Abstand geringste jährliche Sperrmüllaufkommen unter den ostfriesischen Landkreisen. Leer liegt mit 48 Kilogramm mehr als doppelt so hoch, hat seine Sperrmüllmenge dabei aber laut Landkreis-Sprecher Jens Gerdes um satte 29 Kilogramm gegenüber dem Vorjahr reduzieren können. Wittmund liegt bei rund 50 Kilogramm. Emden leistet sich derzeit mit rund 70 Kilogramm pro Kopf und Jahr den meisten Sperrmüll in Ostfriesland.

Dörnath sieht das als logische und erwünschte Folge der Auricher Müllgebühren-Politik, macht aber auch keinen Hehl daraus, dass der Sperrmüll seinem Verursacher eben schon ein bisschen wehtun sollte, um dem Verbraucher die „Vollkasko-Mentalität“ auszutreiben. „Warum soll eine alleinstehende Rentnerin, die kaum Müll verursacht, mit ihren Grundgebühren eine Familie mitsubventionieren, die sich alle zwei Jahre neue Möbel kauft?“,fragt Dörnath.

Am besten spart man beim Sperrmüll also, indem man ihn vermeidet. Für Yves Knoblich ist Nachhaltigkeit das Zauberwort: etwa nur Dinge kaufen, die zum einen notwendig und zum anderen langlebig sind. „Will man sich unbedingt zum Beispiel von einem Möbelstück trennen, sollte man immer Gebrauchtbörsen nutzen, etwa Internetplattformen, schwarze Bretter, Flohmärkte oder Gebrauchtwarenhäuser“, so Knoblich. „Auch kann man Möbel noch spenden. Dann aber nur noch wirklich nutzbare Gegenstände, damit Hilfsorganisationen nicht am Ende auf Entsorgungskosten sitzenbleiben.“ Der Landkreis Leer betreibt auf seinen Internetseiten eine eigene Tausch- und Verschenkbörse, auf der jeder Dinge, die er nicht mehr braucht, an interessierte Mitmenschen loswerden kann. „Dort sind die Zugriffe im vergangenen Jahr erheblich gestiegen“, sagt Jens Gerdes. „Das entspricht auch unserer Intention, dass mehr verwertet statt entsorgt wird.“

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