Angebot für junge Leute Workcamp in der Normandie steht unter besonderen Vorzeichen
Junge Leute aus Ostfriesland, Russland und der Ukraine verbringen in diesem Sommer drei Wochen gemeinsam in Frankreich. Sie wollen ein Zeichen setzen.
Emden - Unter ganz besonderen Vorzeichen steht in diesem Sommer das große Workcamp der Stadt Emden und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VdK) in Frankreich. Unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine werden im Örtchen St. Désir an der Atlantikküste der Normandie voraussichtlich junge Leute aus Deutschland, Russland und der Ukraine gemeinsam knapp drei Wochen lang zusammen leben, Spaß haben, Gräber von gefallenen Soldaten pflegen und sich intensiv mit der Thematik von Krieg und Frieden auseinandersetzen. Das Camp beginnt am 17. Juli und endet am 5. August.
Was und warum
Darum geht es: eine internationale Begegnung von jungen Leuten und die Arbeit für den Frieden
Vor allem interessant für: alle, die sich für internationale Verständigung interessieren, und diejenigen, die sich für das Workcamp der Stadt Emden in der Normandie interessieren und möglicherweise teilnehmen wollen
Deshalb berichten wir: Nach zweijähriger Zwangspause findet das Workcamp in diesem Sommer wieder statt. Es genießt vor allem in Emden hohe Anerkennung. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
„Ein größeres Zeichen für den Frieden kann man kaum setzen“, glaubt Stephan Oelrichs. Der Mitarbeiter der Jugendförderung der Stadt Emden leitet das Workcamp seit 2011. Nach seiner Ansicht hatte dieses Camp selten zuvor eine so große Bedeutung für die internationale Verständigung und einen friedlichen Umgang der Nationen miteinander.
Auch junge Leute aus Russland sind dabei
Oelrichs trat in die Fußstapfen seines Vorgängers Erwin Petrikewitz, der das Camp vor mehr als 55 Jahren gründete, es bis zu seinem Tod im Jahre 2003 leitete und als einer der Wegbereiter der deutsch-französischen Verständigung auf kommunaler Ebene galt. Er legte auch den Grundstein für die „Partnerschaft der Herzen“, die die französische Gemeinde St. Désir und Emden heute verbindet. Sie lebt vor allem von privaten Beziehungen und Freundschaften von Menschen aus beiden Kommunen.
Seit etwa 25 Jahren nehmen normalerweise auch bis zu zehn junge Leute aus Emdens russischer Partnerstadt Archangelsk an dem Camp teil. Weil sie in diesem Jahr nicht anreisen können, haben die Emder einige ehemalige russische Teilnehmer eingeladen, die derzeit in Westeuropa arbeiten oder studieren.
Junge Geflüchtete aus der Ukraine sind eingeladen
Die Organisatoren wollen aber auch jungen Ukrainerinnen und Ukrainern, die nach der Flucht aus ihrem Heimatland nach Emden gekommen sind, die Möglichkeit geben, mit nach Frankreich zu reisen. „Das ist zwar eine besondere Herausforderung, wir können das aber eng begleiten“, sagt Thomas Jaspers, der die Jugendförderung der Stadt Emden leitet. Er meint, dass die Teilnahme für alle Seiten fruchtbar wäre.
Während des Camps gibt es auch Begegnungen mit jungen Franzosen. „Wir sind in St. Désir gut vernetzt und haben auch enge Verbindungen zu den Sportvereinen“, sagt Stephan Oelrichs, der erst vor einigen Tagen für die letzten Vorbereitungen und Absprachen vor Ort in der Normandie war.
Junge Leute erleben Geschichte ganz nah
Die zweijährige Corona-Zwangspause für das Camp nutzten Oelrichs und sein Team unter anderem auch dazu, die inhaltliche Arbeit weiterzuentwickeln. Die jungen Leute werden sich unter anderem mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs beschäftigen und die deutsche Kriegsgräberstätte in St. Désir pflegen. Auf dem Programm stehen auch Besuche geschichtsträchtiger Orte entlang der Atlantikküste der Normandie, an der 1944 die Alliierten landeten. „Die Teilnehmer erleben Geschichte ganz nah“, so Jaspers.
Die Arbeit auf der Kriegsgräberstätte macht laut Oelrichs und Jaspers mittlerweile aber nur einen ganz geringen Teil des Programms aus und sollte junge Leute nicht von der Teilnahme abhalten, sagt Oelrichs. Es bleibe sehr viel Raum für Sommerurlaub.
Bundeswehr unterstützt das Camp wieder
Vorgesehen sind auch Ausflüge nach Paris, nach Mont Saint Michel, in malerische Küstenorte sowie Strandbesuche. Das Camp wird wieder in der Grundschule von St. Désir eingerichtet. „Auch dort gibt es viele Angebote der Freizeitgestaltung“, sagt Oelrichs.
Unterstützung bekommt das Leitungsteam von der Bundeswehr, die das Camp seit dessen Anfängen mit Personal, Fahrzeugen und Material ausstattet. Federführend ist der Luftwaffenstützpunkt Wittmund, der sechs Soldaten, darunter zwei Köche, für das knapp dreiwöchige Camp abstellt, einen Reisebus und Transporter zur Verfügung stellt.
Große Delegation aus Emden reist nach Frankreich
Ein Festwochenende mit einem deutsch-französischen Abend, Kranzniederlegungen und offiziellen Empfängen steht vom 29. Juli bis zum 1. August auf dem Programm. Dazu wird auch eine etwa 40-köpfige Delegation aus Politik und Verwaltung der Stadt Emden nach Frankreich reisen. An ihrer Spitze wird Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) stehen.
Teilnehmen werden voraussichtlich auch Vertreter des VdK. Dieser Verband engagiert sich seit fast 70 Jahren im Rahmen seiner Jugend- und Bildungsarbeit für Begegnung und Austausch unter jungen Menschen in Europa. Der Angriffskrieg auf die Ukraine sei „auch ein Angriff auf die Werte von Menschenrechten, Demokratie und Frieden, für die wir uns in allen Bereichen unserer internationalen Jugend- und Bildungsarbeit einsetzen“, so VdK-Sprecherin Diane Tempel-Bornett gegenüber dieser Zeitung. Unter dem Motto „Gemeinsam für den Frieden“ werde der Volksbund an seinem Auftrag festhalten, „internationale Begegnungen zu ermöglichen und uns dafür engagieren, dass junge Menschen europaweit in Frieden aufwachsen können.“
Die Teilnahme kostet 200 Euro - all inclusive
Weil die Stadt Emden für das Camp einen Zuschuss des Landes aus einem Sonderprogramm für die Unterstützung von Jugendlichen nach der Pandemie erwartet und wegen der besonderen Vorzeichen ist die Teilnahmegebühr in diesem Jahr besonders gering. Sie beträgt für das komplette Programm inklusive Vollverpflegung, Ausflüge und Eintrittsgelder 200 Euro. Teilnehmer aus Familien, die Sozialleistungen empfangen, können eine Ermäßigung erhalten.
Teilnehmen können junge Leute im Alter zwischen 16 und 21 Jahren. Anmeldeformulare gibt es online unter www.workcampstdesir.de. Weitere Auskünfte erteilt die Jugendförderung der Stadt Emden unter der Telefonnummer 04921/872116 oder per E-Mail an workcamp@emden.de.
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