Handel in Ostfriesland  Knappes Kopf-an-Kopf-Rennen bei zwei Wochenmärkten

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 13.06.2022 09:16 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der Markt in Leer wird von Bäumen gesäumt. Das Pflaster ist bei der Neugestaltung des Ernst-Reuter-Platzes so ausgewählt worden, dass die Laufwege besonders fußfreundlich sind. Fotos: Ortgies
Der Markt in Leer wird von Bäumen gesäumt. Das Pflaster ist bei der Neugestaltung des Ernst-Reuter-Platzes so ausgewählt worden, dass die Laufwege besonders fußfreundlich sind. Fotos: Ortgies
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Wochenmärkte ziehen Kunden in die Innenstadt. Dafür müssen Angebot und Atmosphäre gut sein. Wie sieht das bei den Märkten in Aurich und Leer aus? Ein Fakten-Check.

Aurich - Der Wochenmarkt ist eine wichtige Lebensader in jeder Innenstadt. Marketingexperten sprechen gerne von Frequenzbringer, das heißt übersetzt, dass es an Markttagen mehr Menschen zum Einkaufen in die City zieht als an Tagen, wo keine Lebensmittel und Pflanzen an Ständen von Beschickern angeboten werden. Weil immer mehr Städte gegen Verödungstendenzen durch verstärkten Online-Handel und steigende Zukunftsangst zu kämpfen haben, ist es wichtig, diese Frequenzbringer zu stärken. Sprich: Alles zu tun, um die Bedingungen für Kunden, aber auch für die Händler selbst so gut wie möglich zu gestalten. Dabei muss jede Stadt im Blick haben, wie der Markt zukunftsfest aufgestellt werden kann. Was sind die Trends? Was passiert in anderen Städten? Was kann man kopieren und vielleicht zur Attraktivitätssteigerung des eigenen Angebots nutzen?

Die Redaktion hat sich überlegt, einen solchen Check zunächst in der Region zu machen. Wir haben uns die Wochenmärkte in Aurich und Leer vorgeknöpft und analysiert. Aurich ist zwar mit rund 42.000 Einwohnern um rund 7000 Einwohner reicher als Leer, dafür aber mit 21 Ortsteilen eine sehr große Flächengemeinde. Kaum vorstellbar, dass jemand aus Middels 14 Kilometer zurücklegt, um auf dem Wochenmarkt einzukaufen. Für die Analyse hat die Redaktion mit Marktmeistern und Beschickern gesprochen. Abgeglichen wurden die Parameter Anordnung der Stände, Sortiment, Konstanz des Angebots, Öffnungszeiten und Atmosphäre. Der Wochenmarkt-Check ist der Auftakt einer Serie über den Wochenmarkt in Aurich. Es sollen verschiedene Aspekte de Themas beleuchtet werden. So will die Redaktion einen Beschicker den ganzen Tag lang begleiten, um seinen Arbeitsalltag zu dokumentieren. Doch zunächst steht der Wochenmarkt-Check im Vordergrund. Wir fangen mit dem an, was der Besucher als erstes wahrnimmt: die Anordnung der Stände.

Wie stehen die Wagen?

In Leer ist die Anordnung durch die Kreisstruktur des Ernst-Reuter-Platzes bestimmt. Die Wagen der Beschicker gruppieren sich in einem äußeren Ring um den Blumenhändler Ambrass, der vor allen Dingen im Sommer viel Raum benötigt, um seine Pflanzen ausbreiten und präsentieren zu können. Der Vorteil dieser Struktur: Der Besucher kann von den beiden Eingängen aus Richtung Kupenwarf und aus Richtung Mühlenstraße mit einem Blick wahrnehmen, welches Angebot es gibt.

Der Markt in Aurich ist im Karree angeordnet.
Der Markt in Aurich ist im Karree angeordnet.

In Aurich gruppieren sich die Wagen U-förmig um die Markthalle herum, im Inneren gibt es zudem Beschicker, die im Karree stehen. Dessen Mitte sieht wegen der dort abgestellten Fahrzeuge wie ein Parkplatz aus. Marktmeisterin Marina Willms-Bürger verweist darauf, dass diese Anordnung seit vielen Jahren besteht. Sie sei zweckmäßig. So gebe es etwa einen Händler, der Saisonware anbiete, nämlich Spargel. Der wolle immer gerne als letzter in einer Reihe parallel zur Markthalle stehen, um wegfahren zu können, wenn er seine Ware verkauft habe. Ankunftszeiten, Sortiment und Größe der Wagen bestimmten den Standplatz. Variabel sei man bei der Anordnung nur bedingt. Fazit: Der Markt in Leer wirkt klarer strukturiert und aufgeräumter als der Aurich. Ein Punkt für Leer.

Wie viele Beschicker stellen aus?

In Leer sind 20 Beschicker regelmäßig auf dem Wochenmarkt vertreten. Sie verteilen sich auf einer Fläche von rund 1100 Quadratmetern. Damit füllen sie nach Meinung der Verwaltung den Platz optimal aus. „Zur Zeit ist der Wochenmarkt vollständig belegt und es besteht kein Platz für neue Beschicker“, sagt Mara-Jantje Fuß von der Stadt Leer. In Aurich sind regelmäßig 24 Beschicker vertreten. Sie verteilen sich auf einer Fläche von rund 2000 Quadratmetern.

Derzeit gebe es Bedarf für weitere Händler, sagt Marina Willms-Bürger. Vor zwei Wochen habe die Stadt in der Zeitung inseriert. Drei Beschicker hätten sich gemeldet, einer, ein Obst- und Gemüsedirektvermarkter aus Bockhorn, sei auch bereits am vergangenen Freitag erstmals in Aurich vertreten gewesen, so die Marktmeisterin. Fazit: Aurich hat mit dem größeren Platz mehr Möglichkeiten. Ein Punkt für Aurich.

Welches Sortiment wird geboten?

In Leer seien alle „Hauptbranchen wie Fisch, Gemüse, Fleisch, Blumen und Käse vertreten,“ sagt eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage. Mit dem Gemüsehändler ter Veen aus Uplengen gebe es auch einen Bio-Händler. Die meisten Beschicker seien dem Markt in Leer seit vielen Jahren, teilweise seit Jahrzehnten treu. Einer der Händler ist der Obst- und Gemüsestand von Urte Habben, die seit 2005 ihre Produkte in Leer anbietet. Die Beschickerin aus Varel lobt die Marktgemeinschaft: „Das ist ein sehr gutes Miteinander. Es gibt nie Streit.“ Es sei wichtig, dass man zusammenhält. Das habe sich gerade aktuell bewährt, als es um ein mögliches Ausweichquartier während der Zeit des Stadtfestes am 17./18. Juni ging. In ihren Augen sei das Sortiment, das in Leer geboten werde, von sehr guter Qualität − quer durch alle Branchen betrachtet. Nach ihrem Dafürhalten ist es für einen Wochenmarkt nicht gut, wenn es zu viele Stände mit „Plünen“ gebe, als mit Non-Food: „Das macht einen Markt langfristig kaputt.“

Das Verhältnis zwischen Beschickern und der Marktmeisterin auf dem Auricher Markt ist herzlich. Die Aufnahme entstand am Freitag, als Marktmeisterin Marina Willms-Bürger (links) die Händlerin Heike Polmann verabschiedet hat. Foto: Boschbach
Das Verhältnis zwischen Beschickern und der Marktmeisterin auf dem Auricher Markt ist herzlich. Die Aufnahme entstand am Freitag, als Marktmeisterin Marina Willms-Bürger (links) die Händlerin Heike Polmann verabschiedet hat. Foto: Boschbach

In Aurich sind ebenfalls alle Hauptbranchen vertreten. Viele Beschicker kommen seit langer Zeit, sind also sehr standorttreu. Ein Manko: Ein Geflügelhändler ist nur dienstags vertreten. Dabei ist es gar nicht so einfach, die Anzahl der Beschicker richtig auszutarieren. „Wenn es von einer Branche mehr als drei Anbieter gibt, kann es für den einzelnen schon wieder zu eng werden“, sagt Fischhändler Hans-Werner Schulz, der mit seinen Wagen sowohl in Aurich als auch in Leer vertreten ist. Man müsse als Marktmeister genau steuern, welche Frequenz förderlich ist. Sind zu viele Händler aus einer Branche da, reicht der Umsatz dem ein oder anderen dann nicht mehr aus. Sind es zu wenig, fehlt den Kunden die Auswahl, was auf deren Seite zu Verstimmungen führt. Fazit: In Aurich gibt es noch Aufholbedarf, was die Vielfalt an Beschickern anbelangt. Ein Punkt für Leer.

Wie sieht es mit den Öffnungszeiten aus?

Der Markt in Leer ist an zwei Tagen auf dem Ernst-Reuter-Platz anzutreffen, nämlich mittwochs von 7 bis 13 Uhr und sonnabends von 7 bis 14 Uhr.

Der Wochenmarkt in Aurich ist an drei Tagen verfügbar, nämlich dienstags, freitags und sonnabends jeweils von 7 bis 13 Uhr. Fazit: Mehr Präsenz ist ein Pluspunkt für Aurich.

Wie macht der Markt auf sich aufmerksam?

„Aktuelle Änderungen werden auf der Homepage der Stadt, auf Facebook oder über die Presse bekanntgegeben“, sagte eine Sprecherin der Stadt auf eine Anfrage und meint damit, unter anderem einen Hinweis, wenn der Markt verlegt worden ist. Tatsächlich geht es aber darum, Marketing für den Wochenmarkt zu machen. Das macht die Stadt Aurich immerhin, indem sie mit Anzeigen in den Lokalzeitungen in loser Folge die einzelnen Beschicker vorstellt.

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Auf Facebook sind die Aktivitäten der beiden Städte mehr als lahm. Der letzte Eintrag für den Leeraner Markt datiert vom 26. Dezember 2019, der vom Auricher Markt vom 9. Oktober 2021. Eine Bewerbung in den sozialen Medien wäre gut, um gerade junge Menschen anzusprechen. Fazit: Was die Öffentlichkeitsarbeit für die Wochenmärkte anbelangt, kann noch mehr getan werden. Die Notwendigkeit dafür wird offenbar nicht von allen gesehen.

Unser Check hat eine Patt-Situation ergeben: jeweils zwei Punkte für die Märkte in Aurich und Leer. Jeder hat seine Stärken, die ausgebaut werden könnten. Doch reicht das aus, um als Institution zukunftsfähig zu sein? Das will die Redaktion in dieser Serie in Erfahrung bringen.