9-Euro-Ticket im Alltag  Moormerländerin macht drei Monate lang den Praxistest

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 13.06.2022 19:31 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Melanie Röben nutzt seit dem 1. Juni das 9-Euro-Ticket. Foto: Ortgies
Melanie Röben nutzt seit dem 1. Juni das 9-Euro-Ticket. Foto: Ortgies
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Melanie Röben will ihr Auto stehen lassen und drei Monate den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Wie gut bewegt es sich mit dem 9-Euro-Ticket durch Ostfriesland?

Ostfriesland - Seit dem 1. Juni gibt es in Deutschland das 9-Euro-Ticket der Deutschen Bahn. Wer es hat, kann einen Monat lang alle Busse, Bahnen und anderen Verkehrsmittel des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) nutzen. Das Angebot kommt offenbar gut an. In der ersten Woche nach der Einführung hatten es bereits rund sieben Millionen Menschen gekauft, teilte die Bahn mit. Allein fünf Tickets davon gehen auf das Konto von Melanie Röben aus Warsingsfehn (Gemeinde Moormerland).

Was und warum

Darum geht es: Ein Alltagsexperiment soll zeigen, wie mobil man mit dem 9-Euro-Ticket in Ostfriesland ist.

Vor allem interessant für: Leserinnen und Leser, die sich Gedanken über Alternativen zur Mobilität der vergangenen Jahrzehnte machen

Deshalb berichten wir: Melanie Röben hatte sich in der Redaktion gemeldet und von ihrem Versuch berichtet. Es klang spannend, so dass wir mehr darüber erfahren wollten.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Die 49-Jährige konnte den Startschuss des bundesweiten Testballons kaum abwarten und versorgte ihre insgesamt vierköpfige Familie und eine Freundin gleich mit. Sie nutzt die Mobilitätsoffensive der Deutschen Bahn für ein privates Alltags-Experiment. Sie will drei Monate lang das Auto stehenlassen und stattdessen erfahren, wie gut oder schlecht es sich mit dem 9-Euro-Ticket in Ostfriesland leben lässt. Unsere Redaktion wird sie dabei begleiten.

Der Ursprung

Melanie Röben beschreibt sich selbst als naturverbunden, politisch und offen für neue Ideen. Sie wuchs auf einem Bauernhof im Landkreis Schaumburg auf, arbeitete als Floristin in Oldenburg und lernte dort ihren späteren Mann kennen. Mittlerweile leben sie seit mehr als zehn Jahren in Ostfriesland, wo die zweifache Mutter heute als Tagesmutter selbständig ist. Das Zuhause der Familie, zu der zwei Kinder im Teenageralter zählen, befindet sich in einem typischen Wohngebiet in Warsingsfehn. Die nächstgelegene Bushalte-Stelle und damit Anbindung an den Nahverkehr ist knapp zehn Fußminuten entfernt an einer viel befahrenen Straße.

Warten auf die Abfahrt: Der Fahrplan-Takt lässt im Wohnort von Melanie Röben in Moormerland zu wünschen übrig. Foto: Ortgies
Warten auf die Abfahrt: Der Fahrplan-Takt lässt im Wohnort von Melanie Röben in Moormerland zu wünschen übrig. Foto: Ortgies

Wenn es um die Wahl eines Fortbewegungsmittels geht, bezeichnet Melanie Röben sich selbst als „zu faul“. Zwar fahre sie immer häufiger mit dem Rad und störe sich als leidenschaftliche Joggerin auch nicht an einem Fußmarsch. Aber in den vergangenen Jahren sei sie vor allem „ganz normal Auto gefahren“, sagt sie.

Das Ziel

Mit Alternativen für die Alltagsmobilität setzt sie sich schon länger bewusst auseinander. Im vergangenen Jahr entdeckte sie das Stadtradeln für sich. Im Zuge des lockeren Wettbewerbs, an dem sich viele Kommunen beteiligen, um zumindest drei Wochen lang zum Umstieg aufs Fahrrad zu motivieren, testete sie einen Monat lang, wie es ist, mit einem Lastenrad als Auto-Ersatz zurechtzukommen. „Ich bin ein Wettbewerbstyp“, sagt Melanie Röben, auch wenn der Gegner manchmal niemand anderes als sie selbst sei.

Diesmal will sie herausfinden, was es heißt, in Warsingsfehn zu wohnen und quasi ohne eigenes Auto drei Monate lang auf den ÖPNV angewiesen zu sein. Was sie damit bezweckt? „Ich hoffe, dass ein Umdenken stattfindet“, antwortet die 49-Jährige. Und sie wünsche sich, dass so viele 9-Euro-Tickets wie möglich verkauft werden, am liebsten soll jeder Mensch in Deutschland eines kaufen, „weil dann die Politik richtig unter Zugzwang gesetzt werden könnte“, glaubt sie.

Das Ticket

Das 9-Euro-Ticket gibt es seit Anfang des Monats. Verkauft wird es online über www.bahn.de oder per Bahn-App sowie deutschlandweit an den Fahrkartenautomaten der Bahn, in DB-Reisezentren in Bahnhöfen oder bei DB-Agenturen wie manchen Reisebüros. Es gilt für eine Person für beliebig viele Nahverkehrsfahrten in dem ausgewählten Monat. Wichtig: Es ist nicht in den Zügen des Fernverkehrs (also IC, EC, ICE) und in Fernbussen gültig. Unter dieser Seite der Deutschen Bahn gibt es ausführliche Informationen zu allen Beförderungsbedingungen.

Im „Bummelzug“ nach Köln

In den ersten knapp zwei Wochen kam das Ticket bei Melanie Röben bereits einige Male zum Einsatz und hat ihr auch schon viel Geld gespart. Über Pfingsten fuhr sie zusammen mit einer Freundin – es war die Frau, der sie das 9-Euro-Ticket kurzerhand geschenkt hatte – zu einem Musikfestival von Carolin Kebekus nach Köln.

Im Vorfeld habe es kurze Diskussionen gegeben, sagt Röben: „Meine Freundin wollte lieber kürzer fahren, ich lieber günstiger.“ Am Ende setzte sie sich durch. Weil sie auf den ICE verzichteten, hätte die Fahrt sowohl auf der Hin-Tour am Montag als auch tags darauf zurück etwa 45 Minuten länger gedauert. Dafür hätte es statt mehr als 90 Euro eben auch nur 9 Euro gekostet, freut sich die Moormerländerin.

Wenn sie das Fahrrad im Bus mitnimmt, zahlt Melanie Röben auf der Stecke nach Leer zusätzlich zum 9-Euro-Ticket 2,80 Euro. Foto: Ortgies
Wenn sie das Fahrrad im Bus mitnimmt, zahlt Melanie Röben auf der Stecke nach Leer zusätzlich zum 9-Euro-Ticket 2,80 Euro. Foto: Ortgies

Die Tücken des Fahrplans

Der Einsatz des Tickets als Auto-Ersatz in Ostfriesland stößt allerdings an Grenzen beziehungsweise erfordert Geduld. Als Beispiel nennt Röben einen Freitagabend. Sie hatte um 18.15 Uhr einen Fortbildungstermin an der Volkshochschule in Leer. Weil ihr die Stecke an dem Tag zu lang für das Rad war, wollte sie zumindest für den Hinweg den Bus nehmen. Die letzte Gelegenheit dafür war ein Bus, der laut Plan um 16.52 Uhr an der nächstgelegenen Haltestelle abfahren sollte. Mit dem nächsten Bus wäre sie erst um 18.12 Uhr in Warsingsfehn losgekommen. So hatte sie in Leer eine lange Wartezeit zu überbrücken.

Für den Rückweg nach Seminarende gegen 21.30 Uhr hätte sie gegebenenfalls gerne ebenso den Bus genommen. Doch die letzte Möglichkeit sei eine Abfahrt in Leer um 19.34 gewesen, sagt sie. Zum Glück habe es nicht geregnet. Am Tag darauf, einem Samstag, waren die Verbindungen zwischen Warsingsfehn und Leer noch spärlicher. Weil das Wetter gut war und sie außerdem die 2,80 Euro für eine Fahrradmitnahme im Bus sparen wollte, entschloss sich Melanie Röben, am zweiten Seminartag beide Wege zu radeln.

Zwischenfazit

In den ersten beiden Wochen wurde die 49-Jährige zweimal schwach. Einmal bat sie ihren Mann bei Regen, sie mit dem Auto pünktlich nach Leer zu fahren. Und ein weiteres Mal ließ sie am Ende eines langen Arbeitstages das Rad stehen, und ließ sich stattdessen ebenfalls von ihrem Mann im Auto mitnehmen zum Sporttraining in einer rund zehn Kilometer entfernten Halle in Logabirum.

„Wäre da eine Busverbindung, würde ich sie nehmen“, sagt Melanie Röben. Dafür wäre sie auch bereit, bis zu einer halben Stunde Wartezeit nach Trainingsende in Kauf zu nehmen. Aber so habe sich diese Frage gar nicht gestellt. Es blieb nur die Wahl zwischen dem Fahrrad oder dem Auto.

Bei den nächsten Treffen mit Melanie Röben geht es unter anderem um die Themen Fahrradmitnahme auf den Busstrecken in Ostfriesland sowie um die nur wenig bekannten Vorzüge von Anrufbussen.

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