Sylt  Notdurft neben „Crêpes Deluxe“: Sylter klagen über 9-Euro-Punks

Inga Kausch, Lea Sarah Pischel
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Von Inga Kausch, Lea Sarah Pischel
| 13.06.2022 20:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Cookie (33) hat ihr Lager vor einem leerstehenden Haus in der Friedrichstraße aufgeschlagen. Sie möchte bis August hier bleiben. Foto: Lea Pischel
Cookie (33) hat ihr Lager vor einem leerstehenden Haus in der Friedrichstraße aufgeschlagen. Sie möchte bis August hier bleiben. Foto: Lea Pischel
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Zunächst war nur Müll und Lärm: Doch rund anderthalb Wochen nach dem Start des 9-Euro-Tickets hat sich die Stimmung zwischen feiernden Punks und Sylter Ladenbetreibern in der Friedrichstraße verändert.

Nachdem es am ersten 9-Euro-Wochenende auf Sylt eher ruhig geblieben war, hat sich am vergangenen Wochenende die Lage auf der Insel verschärft. Die Polizei auf Sylt berichtet von zahlreichen Einsätzen: Wegen einer Schlägerei waren ein 36-Jähriger sowie ein 29-Jähriger aus der Punker-Szene in Gewahrsam genommen worden, zudem war die Flagge vor einem Geschäft gegen die der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD) ausgetauscht worden. Hinzu kamen zahlreiche Streitereien, Körperverletzungen und Ruhestörungen, die zu Platzverweisen führten. In der Nacht zum Montag war es ruhig geblieben, wie Sandra Otte, Sprecherin der Polizeidirektion in Flensburg mitteilte.

Aber während an einigen Stellen in Westerland noch Festival-Atmosphäre herrscht, hat sich die Lage andernorts so zugespitzt, dass Gastronomen um ihre Existenz bangen. Unter ihnen die Betreiber von „Crêpes Deluxe“. „Wir können schließen, wenn das so weitergeht. Wie sollen wir unser Geld verdienen? Mit unserem Umsatz kommen wir seit Pfingstfreitag nicht mal an die Winterzahlen“, sagt Josefine Nielsen, Tochter des Betreibers Tom Knuth und Teil des Familienbetriebs. Ihr Laden liegt direkt am Wilhelminen-Brunnen und damit mitten im Zentrum der 9-Euro-Party-Punker, die sich dort seit dem 1. Juni versammeln und nicht nur feiern.

Im Juni, Juli und August – genau im Zeitraum, in dem das 9-Euro-Ticket gilt – muss die Familie den meisten Umsatz machen, auch um über den Winter zu kommen. Sie treibt jetzt die Angst um, dass der Familienbetrieb nach 31 Jahren schließen muss.

„Du kommst hier nicht mehr durch, die pinkeln und stehen überall“, sagt Tim Knuth, Bruder von Nielsen und ebenfalls Angestellter. Kunden blieben dadurch fern – sie würden vor dem Laden mit Bier bespritzt, er selbst sei verbal angegriffen worden, und im Durchgang neben dem Laden würde „nicht nur gepinkelt“. Reste von Toilettenpapier belegen seine Aussagen. Die Geschwister sehen müde aus, ihre Stimmen klingen erschöpft. „Ich würde hier auch keinen Kaffee trinken, das stinkt nach Kneipe, die liegen um den Brunnen rum und katern aus.“

Allein am Freitag hatte Knuth vier Mal die Polizei gerufen, „weil die sich gekloppt haben“. Am Montagmorgen hatten einige Zelte vor dem Crêpe-Laden aufgeschlagen und am Abend davor dort gegrillt. „Wir haben nichts gegen die Leute an sich und würden es super feiern, wenn die eine schöne Zeit haben, aber nicht, wenn sie mit ihrem Verhalten und Partys unsere Existenz bedrohen“, sagt Tim Knuth. Am Pfingstsonntag hatten sie daher gleich geschlossen.

Montag sei demnach der erste Tag gewesen, an dem es vor ihrem Laden leerer war und die Zahl der Kunden wieder stieg, sagt Knuth. Grund dafür sei demnach, dass der Bauhof den Bereich vor dem Laden abgesperrt hatte, um den Brunnen zu reinigen – die Punks mussten dann weichen. „Zwischendurch hatten wir teilweise gar keine Kunden“, sagt Knuth. Mittags saßen rund zehn Punks in der Sonne auf einer Bank vor dem Laden – „das waren sonst immer mehr“.

Polizei und Ordnungsamt hatten zuletzt zwar teilweise schlichten können und Platzverweise ausgesprochen – allerdings nur bedingt und entsprechend ihren Befugnissen. Denn die Menschengruppen rund um den Brunnen haben das Recht des Gemeingebrauchs an öffentlichen Straßen und Plätzen. In ihrer Not haben sich die Betreiber jetzt mit einer Bitte nach einem Alkoholverbot an Bürgermeister Nikolas Häckel gewandt. Bisher ohne Erfolg – ein Alkoholverbot würde nicht helfen, sagt das Verwaltungsoberhaupt.

Die Restaurantbesitzer Mickey und Robin Schreiber, die ihren Croque-Laden „Cropino“ ebenfalls an der Wilhelmine haben, möchten sich nicht mehr öffentlich äußern. Aus Angst, mit ihrer Meinung die Punks vor ihrem Croque-Laden anzustacheln. Auch sie klingen mutlos und erschöpft.

Während die Punks in den vergangenen Tagen meist rund um die Wilhelmine gesessen hatten, haben sich ihre Lager jetzt auf verschiedene Orte in Westerland verteilt: Sie liegen vor einem geschlossenen Imbiss sowie einem ehemaligen Supermarkt, campen im Park vor dem Rathaus, sitzen vor Schuhläden und Apotheken. Meist in der Friedrichstraße und in der Strandstraße. Ihre zuletzt eher provisorischen Lager haben einige inzwischen zu festeren Unterkünften für mehrere Nächte ausgebaut. Mit Planen und Stoffen schützen sie ihre Behausungen gegen den Wind und gegen Blicke.

Unter ihnen Cookie aus Solingen bei Köln, die vor drei Tagen mit dem 9-Euro-Ticket auf die Insel gekommen ist. Aus einem Windschutz für den Strand und Schlafsäcken hat sie sich neben einer Würstchen-Bude in der Friedrichstraße einen Unterschlupf gebaut – windgeschützt im Eingang eines leer stehenden Geschäfts. Gemeinsam mit ihrem Partner will die 33-Jährige bis zum August bleiben – eine Arbeit habe sie derzeit nicht. Dass sie jemanden stört oder gar Kundschaft vergrault, glaubt sie nicht: „Die sind hier alle sehr nett, bringen mir auch manchmal Essen“, sagt die blonde Frau, deren Haut man die Tage in der Sylter Sonne ansieht.

Dennoch habe sie eine Botschaft: „Wir wollen zeigen, es gibt auch äÄrmere und Menschen ohne Arbeit. Damit möchte ich Grenzen setzen“, sagt Cookie. Kälte sei sie gewohnt: „Ich habe schon vorher Platte gemacht: Wenn es kalt ist, dann stellen wir uns unter, wir haben Winterschlafsäcke“, sagt sie. Auch gegen dumme Sprüche und neugierige Blicke sei sie meist immun – „die ignoriere ich einfach“.

„Die Punks, die sich in der Nähe von uns aufhalten, sind alle ruhig und stören nicht“, sagt Suelen Demetrio. Gemeinsam mit ihrem Mann Maicon leitet sie das Mio Eiscafé in der Viktoriastraße nahe der Wilhelmine. Dennoch: „Seit dem 1. Juni merken wir, dass nicht mehr so viel los ist.“ Vor allem der Eisverkauf an der Luke laufe nicht mehr so gut wie früher. Ob dies an den Punks liege, die sich in Café-Nähe tummeln, kann sie nicht klar sagen. „Einige sprechen aber direkt am Eisfenster unsere Kunden an und fragen nach Geld oder Eis“, so die Café-Betreiberin weiter.

Fünf Meter von ihnen entfernt sitzen Otto, Sany und Ray neben dem Kreideschriftzug „9-Euro-Saufturistn“. Otto blondiert sich gerade die Haare und trinkt dabei Bier. „Wir sind friedlich und wir wollen, dass es so bleibt“, sagt der Hamburger, der auf St. Pauli wohnt. In einer Metalldose vor einem Blumenstrauß sammeln er und seine neuen Freunde Sany aus Kassel und Ray aus Nürnberg Geld. „Da kommt richtig was zusammen“, sagt er fröhlich.

Das viele Ladenbetreibende in Westerland unter Umsatzeinbußen leiden, weil die Kundschaft durch die Punks abgeschreckt wird, täte ihm leid. Dies sei nicht ihre Absicht, sagt er und appelliert: „Habt bitte keine Angst vor uns. Wir wollen einfach nur zeigen, dass es noch andere Menschen in der Gesellschaft gibt, als viele, die auf Sylt herumlaufen.“

Dass es dabei jedoch auch schon zu Polizeieinsätzen kam, zeigte sich wieder am Wochenende. Der Punk meint dazu: „Es sind einige dabei, die Stress machen, und dadurch werden wir alle über einen Kamm geschert. Das ist schade.“  Von einigen Menschen käme auch Lob dafür, dass sie die Wohnungsnot thematisieren, die gerade auf Sylt Dauerthema ist, sagt Sany aus Kassel. „Wir zeigen: Es gibt Menschen, die haben überhaupt keine Unterkunft.“

Dass sich die Lage in Westerland gewandelt hat, bestätigt auch Bürgermeister Nikolas Häckel: „Unser Stadtbild hat sich in den vergangenen zwei Wochenenden verändert, da gibt es nichts schönzureden.“ Dennoch sind der Gemeinde die Hände gebunden: „Als Ordnungsbehörde sind wir in unserem Handeln durch die demokratischen Gesetze begrenzt.“ So dürften Menschen den öffentlichen Raum zum Verweilen nutzen, „sich treffen, zusammensitzen, austauschen, gegebenenfalls etwas trinken“, so Häckel weiter.

Das aktive Ansprechen auf Geld sowie zu laute Musik seien jedoch verboten. In diesem Falle würden Polizei und Sicherheitsdienst einschreiten können. Aggressionen gegen die Beamten habe es bisher nicht gegeben. „Vielmehr reagierten die Angesprochenen auf Ansprache und Aufforderungen“, so Häckel weiter.

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