Greifswald/ Berlin  Sea Punks rüsten ihr Schiff in Norddeutschland für die Seenotrettung

Katharina Golze
|
Von Katharina Golze
| 14.06.2022 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Im Greifswalder Hafen liegt die Sea Punk I. Gerson Reschke und der Verein Sea Punks bauen sie für die Seenotrettung aus. Foto: Katharina Golze/ Gerson Reschke
Im Greifswalder Hafen liegt die Sea Punk I. Gerson Reschke und der Verein Sea Punks bauen sie für die Seenotrettung aus. Foto: Katharina Golze/ Gerson Reschke
Artikel teilen:

Gerson Reschke und seine Crew wollen auf dem Mittelmeer Geflüchteten helfen. Dazu haben sie ein Schiff gekauft, die Sea Punk I. Unterstützung bekommen sie von bekannten Musikern – und aus Norddeutschland.

Wenn Gerson Reschke und Alexander Schank über ihr Schiff reden, sind sie voller Emotion. Ihr Schiff ist nicht irgendein Schiff. Es ist ein Schiff, um auf dem Mittelmeer Menschenleben zu retten. Die Sea Punk I. Seit März liegt der einstige Fischkutter im Greifswalder Museumshafen und wartet auf seinen ersten Einsatz im Mittelmeer, um Flüchtlinge in Seenot zu retten.

„Wir haben eine Idee. Wir haben eine Haltung. Es muss etwas gemacht werden“, sagt Alexander Schank. Er und Gerson Reschke stehen auf der Republica in Berlin-Kreuzberg das erste Mal vor Messepublikum. Nicht nur im Fernsehen oder auf Konzerten, auch hier wollen sie von der Mission der Sea Punks erzählen.

„2021 sind mindestens 2048 Migranten im Mittelmeer ertrunken“, zitiert Alexander Schank aus dem Missing Migrants Project der Internationalen Organisation für Migration. 2022 waren es bereits mehr als 800. Laut EU sind seit 2015 mehr als 20.000 Menschen im Mittelmeer und Atlantik gestorben oder werden vermisst.

Das Mittelmeer gilt als die tödlichste Seeroute der Welt. Eine staatliche Seenotrettung gibt es seit 2019 nicht mehr. Wer bleibt, sind die zivilen Seenotretter. „Uns eint die Wut auf die bestehenden Verhältnisse, was im europäischen Grenzsystem schief läuft und dass wir konkret vor Ort helfen wollen“, sagt Gerson Reschke. Die Zuhörer applaudieren.

Die Geschichte der Sea Punks ist auch eine Familiengeschichte: Ende 2019 saß Gerson Reschke mit seinen zwei Brüdern Benjamin und Raphael bei einem Familienurlaub zusammen. Der eine Bruder, gelernter Schiffmechatroniker, war gerade auf der Suche nach einem Schleppschiff, um sich selbstständig zu machen.

Auf Ebay Kleinanzeigen stieß er auf einen Fischkutter. „Ein paar Bier hatten wir schon getrunken, da sah das Schiff aus wie die Sea-Watch 3“, erinnert sich der 37-jährige Gerson Reschke. Gerade war Kapitänin Carola Rackete in Italien festgenommen worden, weil sie mit der Sea-Watch 3 trotz Verbots anlegte. Bei den drei Männern stiftete das die Idee, selbst zu Seenotrettern zu werden.

Sie nahmen Kontakt zu Hilfsorganisationen auf, gründeten den Verein Sea Punks und kauften mit der Hilfsorganisation Mission Lifeline 2020 ein Torpedofangboot. Die Rise Above, die mittlerweile zwei Missionen auf dem Mittelmeer gefahren ist. Nach deren Umbau suchte die Gruppe nach dem nächsten Projekt.

Sie kauften einen Container und bauten ihn zu einem Wasch- und Duschcontainer für Geflüchtete um. Dieser steht mittlerweile in Thessoloniki in Griechenland. „Die Idee mit dem eigenen Schiff hat uns nicht losgelassen. Wir wollten ein eigenes Schiff und dass ein Schiff mehr auf dem Mittelmeer unterwegs ist“, sagt Fotograf Alexander Schank, der sich vor einem Jahr den Sea Punks anschloss.

Unter den 26 Vereinsmitgliedern sind Journalisten, Handwerker, eine Juristin. Sie eint Antirassismus und Antisexismus. Und das Punk sein – denn sie machen einfach. Ohne zu wissen, wohin die Reise genau geht. Doch wie kauft man ein zweites Schiff ohne Kapital? Mit einer Spendenkampagne, die Aufsehen erregt.

Bela B. von den Ärzten. Schauspieler und Regisseur Milan Peschel. Comedian Moritz Neumeier und Bodo Wartke. Sie und eine Reihe Punkrock-Bands werben seit November für die Sea Punks. Auf Instagram halten sie ein Pappschild: „Fuck Racism, save lives“. „Bela B. ist mit unserem T-Shirt auf Veranstaltungen umhergelaufen. Milan Peschel hat ein Video gedreht“, erzählen sie.

Dazu versteigten sie Vinyl-Platten, Drumsticks, Konzertkarten, Influencer El Hotzo sammelte auf Twitter, eine ARD-Doku begleitete Raphael Reschke auf einer Beobachtungsmission im Mittelmeer. Regelmäßig ist der Verein auf Punk- und Rockkonzerten präsent und verkauft T-Shirts. „Auf einmal hatten wir 195.000 Euro auf dem Konto“, berichtet Gerson Reschke. Eine Summe, mit der sie niemals gerechnet hatten.

Sie hatten schon gegrübelt, mit 60.000 Euro ein kleines Segelschiff zu kaufen, denn „auch Beobachtungsmissionen sind wichtig“, so Gerson Reschke. Am Ende wurde es ein richtiges Rettungsschiff. 27 Meter lang, sechs Meter breit, für eine zwölfköpfige Crew. „Groß genug, aber nicht zu groß“, findet der Filmemacher.

In Polen hatten sie das einstige Fischereifahrzeug entdeckt. Zuletzt wurden mit ihm in einem Offshore-Windpark Boden vermessen, Vögel beobachtet und das Gelände erkundet. „Den letzten Einsatz hatte es am selben Tag beim Vorbesitzer. So konnten wir sicher sein, dass das Ding fährt und funktioniert“, so Alexander Schank. Bereits die „Sea Watch I“ und die „Iuventa“ waren Fischkutter.

In Greifswald landeten sie letztlich per Zufall. Zuerst wollten sie ihr Schiff in Wismar umbauen. Nach einer kurzfristigen Absage mussten sie umdisponieren. Sie suchten einen Platz an einer Werft samt Kran und passendem Werkzeug – und fanden ihn an der Greifswalder Museumswerft, einer Selbsthilfewerft, wo Bootsbesitzer ihre Schiffe restaurieren und pflegen können.

Seit März wird dort nun geschweißt, geschraubt und umgebaut. Alles ehrenamtlich, alles in der Freizeit. Es entsteht ein Hospital für die erste medizinische Versorgung der Geretteten sowie ein Lager für Decken, Nahrungsmittel und Rettungsausrüstung. Wie viele Menschen auf ihrem Schiff Platz finden? „Wir werden so viele mitnehmen, wie da sind.“ Zusätzlich werden sie mobile Rettungsinseln an Bord haben.

Am Schiffsbau sind nicht nur die 26 Vereinsmitglieder beteiligt, sondern auch freiwillige Helfer aus Greifswald und MV, die mal ein paar Tage zum Schweißen kommen oder die Crew mit Essen versorgen. „Greifswald ist ein guter Ort dafür“, sagt Gerson Reschke. Die Greifswalder seien herzlich und unterstützen viel von außen.

Manche arbeiten mehrere Woche am Schiff, andere nur kurzfristig. Jeder gibt, was er kann. Die Vereinsarbeit laufe vorwiegend online. Vor wenigen Wochen war die Schiffstaufe im Greifswalder Museumshafen. „Das Schiff wurde mit Bier getauft, wie es sich für uns gehört“, so Alexander Schank.

Wann sie ihren ersten Einsatz fahren, ist noch offen. Vielleicht noch in diesem Sommer, vielleicht erst im Herbst. „Rein technisch ist es fahrbereit, aber noch nicht auf die Seenotrettung vorbereitet“, so Gerson Reschke. Aktuell sind sie auf Personalsuche. Ein Kapitän und Schiffsmechaniker sind mit im Verein. Doch soll die Crew aus erfahrenen Seenotrettern, Medizinern, einem Psychologenteam, Seeleuten und Freiwilligen bestehen.

Auch Gerson Reschke plant mitzufahren. „Man plant eine Einsatzzeit von zwei bis drei Wochen“, erklärt er. Doch könne es sein, dass man bereits in den ersten Tagen auf Schlauchboote trifft oder dass das Rettungsschiff vor Italien auf Einfahrt warten muss. So wie es anderen Hilfsorganisationen wie Sea Watch, der Iuventa oder Sea Eye regelmäßig ergeht. Nach Greifswald wird die Sea Punk I vermutlich nie zurückkehren. Sie soll dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

Ähnliche Artikel