Kassel  Im Debattengewitter: Lasst der Kunst der Documenta ihre Freiheit!

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 14.06.2022 22:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Vor der Eröffnung der documenta fifteen Foto: dpa
Vor der Eröffnung der documenta fifteen Foto: dpa
Artikel teilen:

Die Documenta ist noch nicht eröffnet. Aber schon gibt es einen Streit um angeblichen Antisemitismus. Hält die Kunst das aus? Der Appell: Lasst der Kunst ihre Freiheit, gerade in Kassel.

Die Documenta beginnt erst am 18. Juni 2022. Wirklich? Nein. Wir sind schon mittendrin im wichtigsten Kunstevent der Welt. Die Debatte um den angeblichen Antisemitismus einzelner künstlerischer Positionen oder gar des Leitungskollektivs Ruangrupa ist keines jener Diskursgeplänkel, wie sie zum Vorfeld jeder Ausgabe der Kasseler Weltkunstschau gehören und routiniert weggelächelt werden können. Diese Debatte führt mitten hinein in Widersprüche, die die 15. Ausgabe der Documenta zu zerreißen drohen. Nehmen Künstler, die postkoloniale Abhängigkeiten zu ihrem Thema machen, die Nähe zu antisemitischen Positionen in Kauf? Und ist jede Kritik an solchem Konflikt selbst wieder ein rassistischer Angriff? Die Fronten der Debatte sind schon jetzt verhärtet.

Kunst spiegelt schmerzhaft gesellschaftlichen Widerspruch. Das macht jede Documenta zu einem Update für alle, die sich in ihrer Gegenwart besser orientieren wollen. Aber noch nie ist Kunst so radikal politisch in Anspruch genommen worden wie jetzt. Ruangrupa löst sie, so scheint es, in soziale Praxis und politischen Aktivismus auf. Gleichzeitig beruft sich das indonesische Kollektiv dann auf die Freiheit der Kunst, wenn es um den Vorwurf des Antisemitismus geht. Frei und ohne Rücksicht auf Einflüsse von außen das eigene Programm machen - das gehört zur kulturellen DNA der Documenta, das ist der Kern des Formats. Aber wo hat dieses Konzept seine Grenzen? Antisemitismus kann jedenfalls, so wie jeder Rassismus, nicht toleriert werden.

Wer sich für Kunst und ihre Freiheit interessiert, der schaut jetzt auf Bilder, Plastiken, Installationen - und suspendiert für einen Moment einen Streit um Politik und Moral, der die Kunst zu erdrücken droht. Wie ästhetisch inspirierend und künstlerisch gelungen ist das, was wir in Kassel zu sehen bekommen? An diesem Anspruch wird sich Ruangrupa, wird sich die neue Ausgabe der Documenta messen lassen müssen. Das bloße Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und Kooperation garantiert noch nichts. Diese Documenta kann künstlerisch gelingen oder in Sozialkitsch abgleiten. Das Spiel ist offen - wie bei jeder Documenta. In diesem Sinn sei sie neu gewagt: die Freiheit der Kunst.

Ähnliche Artikel