Hamburg  Aldi und Co. machen bei Fleischpreisen Druck auf Lieferanten

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 16.06.2022 01:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zuletzt mussten Verbraucher für Fleisch deutlich mehr ausgeben. Kommt diese Entwicklung zumindest beim Schwein jetzt an ihr Ende? Foto: Imago images/Arnulf Hettrich
Zuletzt mussten Verbraucher für Fleisch deutlich mehr ausgeben. Kommt diese Entwicklung zumindest beim Schwein jetzt an ihr Ende? Foto: Imago images/Arnulf Hettrich
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Während die Landwirte auf dem Bauerntag in Lübeck nach einer Zukunft für ihre Branche suchen, laufen andernorts Preisverhandlungen ums Fleisch. Dabei könnte herauskommen, dass das Grillfleisch von den kommenden Preissteigerungen ausgenommen bleibt - zum Ärger der Bauern.

Alles wird teurer - nur das Schweinefleisch nicht. Wird das in den kommenden Wochen in den Kühlregalen der Supermärkte zu beobachten sein? Durchaus möglich, denn zumindest Teile der Handelsbranche scheinen pünktlich zur Grillsaison nicht mehr gewillt, ihren Lieferanten weiter deutlich steigende Preise fürs Fleisch zu zahlen. Im nächsten Schritt könnten das dann die Verbraucher im Supermarkt im positiven Sinne merken.

Denn auch für Fleisch mussten die Kunden in den zurückliegenden Monaten deutlich mehr an der Kasse bezahlen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stieg der Preis für Fleisch und Fleischwaren im Mai 2022 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 16,5 Prozent.

Diese Entwicklung, davon gehen sowohl Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir als auch Bauernpräsident Joachim Rukwied aus, wird erst einmal so weiter gehen. Aber möglicherweise eben nicht beim Schweinefleisch.

Mehrere Personen, die mit den laufenden Verhandlungen zwischen Handel und Fleischproduzenten vertraut sind, bestätigten unserer Redaktion: Handelskonzerne gehen mit außergewöhnlich scharfen Forderungen in die Gespräche mit ihren Lieferanten. Sie wollen offenbar keine weiteren Preissteigerungen speziell fürs Schweinefleisch akzeptieren.

Offiziell möchte sich niemand von Seiten der Fleischproduzenten dazu äußern. „Da reagiert der Handel empfindlich”, sagt einer. Der Handel, das sind sind in Deutschland vor allem die großen Vier: Edeka, Rewe, Aldi Nord und Süd sowie die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland teilen unter sich mehr als 80 Prozent des Marktes auf. Ein Unternehmensname fällt in den Gesprächen dann doch immer wieder: der Discounter Aldi.

Ein Aldi-Sprecher bestätigt unserer Redaktion, dass derzeit die Lieferanten ihre Angebote abgeben. „Diese orientieren sich grundsätzlich immer am jeweiligen weltweiten Marktgeschehen. Hier sehen wir derzeit insbesondere beim Schweinefleisch wieder sinkende Basispreise, nicht zuletzt aufgrund der erheblichen Überkapazitäten am Markt.”

Das bestätigten auch Agrarkreise unserer Redaktion. Zwei Gründe sorgen für das Überangebot: Zum einen geben viele Sauenhalter derzeit ihre Tiere vorzeitig zum Schlachthof. Die sogenannte Ferkelproduktion lohnt sich schon länger nicht mehr, viele Betriebe haben ihre finanziellen Polster aufgebraucht und ziehen nun die Notbremse. Das Fleisch der Sauen landet später vorrangig in der Wurst.

Zum anderen hat Spanien, anders als Deutschland, in den zurückliegenden Jahren die Schweinehaltung deutlich ausgebaut. Das Fleisch aus Südeuropa drängt hierzulande auf den Markt und verschärft das Überangebot. Viel Ware bedeutet eigentlich immer einen niedrigen Preis.

Genau darauf scheinen die Handelskonzerne derzeit zu pochen. Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) sagte: „Die Handelskonzerne kündigen vollmundig bessere Haltungsbedingungen und Fleisch ausschließlich aus Deutschland an, wollen dann aber nur den Weltmarktpreis bezahlen. Das ist dreist.” Die wirtschaftliche Lage sei für Schweinehalter existenzbedrohend, so Staack. In dieser Situation Preise zu drücken, sei unverantwortlich und verschärft noch einmal das dramatische Höfesterben.

Verschärfend kommt hinzu, dass der Absatz des Fleisches, das in den Regalen liegt, zumindest laut Aldi stagniert. Der Sprecher formuliert es so: „Für viele Kundinnen und Kunden ist Fleisch ein Luxusprodukt geworden.”

Ohnehin befindet sich der Schweinefleischkonsum seit Jahren in Deutschland im Sinkflug. Das zeigt diese Statista-Grafik:

Wie die Verhandlungen ausgehen und ob am Ende die Kunden profitieren, ist offen. In anderen Bereichen der Lebensmittelerzeugung steuern die Verhandlungen indes in eine ganz andere Richtung. So gehen Marktbeobachter davon aus, dass beispielsweise Milchprodukte weiter im Preis steigen werden.

Denn die Milch ist im Gegensatz zum Schweinefleisch knapp. Die Nachfrage auf den Weltmärkten ist groß. Gerade die Molkereien in Norddeutschland setzen stark auf den Export. Der Milchpreis für konventionell erzeugte Milch hat längst ungeahnte Höhen erreicht und könnte weiter steigen.

Weil zeitgleich aber auch die Kosten auf den Bauernhöfen gestiegen sind, hält sich die Freude einigermaßen in Grenzen. Ausgenommen von dieser Entwicklung sind weitgehend die Bio-Bauern. Sie produzieren fast ausschließlich für den deutschen Markt.

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