Kassel  Die neue Kasseler Documenta: Nah am Leben, fern der Kunst

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 15.06.2022 19:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
documenta fifteen startet in Kassel Foto: dpa
documenta fifteen startet in Kassel Foto: dpa
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Alles neu! So lautet das Lebensgesetz der Documenta. Das Leitungskollektiv Ruangrupa liefert ganze Arbeit. Der Blick gilt dem globalen Süden. Das berührt. Aber wo bleibt die Kunst? Ein Schadensbericht.

Sie haben vor den Eingang zur Documenta-Halle einen dunklen Tunnel aus Wellblech gesetzt. Sie erzählen im Video von ihrer künstlerischen Arbeit mit Kindern und davon, dass sie Mitglieder ihrer Gruppe an die Kriminalität verloren hätten. Die Gründer der Künstlerguppe Wajukuu aus Nairobi haben sich durchgebissen bei ihrem Projekt, mit Kunst ein besseres Leben zu gewinnen. Die Documenta-Halle sieht jetzt so aus wie ihr improvisierter Kunstbau in der Hauptstadt Kenias. Ein Triumph des Durchhaltewillens? Ja. Gute Kunst? Nein, denn Wakujuu macht, was viele der zur Documenta eingeladenen Initiativen und Projektgruppen machen - sie geben guter Absicht eine künstlerisch simple Gestalt.

Die Documenta-Macher erklären gerade das zur Leitidee der 15. Ausgabe der Weltkunstschau, die nach dem Willen von Ruangrupa ruhig die letzte sein könnte. Man befinde sich in Lumbung 1, nicht in der Documenta 15, setzen sie ihr Wort von der gemeinschaftlich genutzten Reisscheune an die Stelle der Idee, die Documenta könnte eine Kunstausstellung sein. "Sie sind kritisch gegenüber dem westlichen Ideal des Künstlers, dem Kunstmarkt, Institutionen allgemein", erklärt Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann, die zur Pressekonferenz im Aue-Stadion im knallbunten Documenta-Gewand erschienen ist. Klingt das nach der nächsten Neuerfindung der Documenta oder nach Selbstaufgabe?

Das Künstlerkollektiv Ruangrupa aus dem indonesischen Jakarta, das die neue Documenta künstlerisch verantwortet, inszeniert das Großereignis jedenfalls als lustvollen Kontrollverlust. Ruangrupa hat sich nicht nur unablässig selbst dupliziert, indem die Gruppe jede Menge weiterer Initiativen, Künstlerkollektive und Projektgruppen eingeladen hat. Grenzenlose Kooperation ist das Schlüsselrezept dieser Documenta. Also fasert die Zusammenarbeit nun in so viele Richtungen aus, dass niemand sagen kann, wer an dieser Documenta eigentlich alles teilnimmt. Exklusive Künstlerliste? Das war einmal. Nun geht es zu wie bei einer Party: Jeder bringt noch ein, zwei Freunde mit.

Okwui Enwezor hatte mit seiner Documenta 11 von 2002 bereits nachdrücklich die Globalisierung ins Spiel gebracht. Nun dominiert die 15. Documenta, was ihre Macher kollektiv als den globalen Süden bezeichnen. Die Blickumkehr gelingt eindrucksvoll. Das Misstrauensvotum gegenüber dem westlichen Verständnis von Kunst als einer exklusiven Sphäre mit eigenen Ansprüchen und Konzepten auch. Ruangrupa ließ den Kunstbetrieb bei der Vorbereitung links liegen, gründete eine Arbeitsgruppe mit dem aufreizend naiven Titel "Where is the Art?", wo ist die Kunst? Genau das fragt sich der Besucher jetzt in Kassel auch, wenn er zwischen endlosen Texttischen und wandfüllenden Konzeptskizzen nach dem Erlebnis sucht, das ästhetisch genannt werden könnte.

Ruangrupa interessiert sich nicht für Kunst und ihre gesonderten Ansprüche. Das Kollektiv will die Kunst nicht nur mit dem Leben versöhnen. Kunst soll im Leben und seiner Praxis aufgehen. Ganz neu ist dieses Konzept nicht. Im Museum Fridericanum, der Herzkammer jeder Documenta, verkündete schon Joseph Beuys vor Diagrammtafeln seine Idee von einer besseren Gesellschaft. Nun geht es mehr als einen Schritt weiter. Im Erdgeschoss des Friedricanums sollen Kinder malen, berichten afrikanische Bäuerinnen von Regenzyklen. Dazu gibt es die Sitzgruppe aus Getränkekisten. Mit dem genialischen Künstler scheint auch das Individuum abgedankt zu haben. Das Kollektiv regiert. Es tagt die Arbeitsgruppe - im Permanenz.

Die Documenta als Dokument: Selten zuvor ist diese Version einer Ausstellung so konsequent umgesetzt worden. Beeindruckend, wie sich Initiativen dort organisieren, wo es kulturelle Infrastrukturen kaum gibt, bewegend, wie für ein besseres Leben gestritten, Zensur und Unterdrückung getrotzt wird. Und wer könnte teilnahmslos bleiben angesichts der Dokumente, die die "Black Archives" ausbreiten? Im 18. Jahrhundert hielt sich der Kasseler Landgraf Friedrich II. eine Gruppe Afrikaner zu Studienzwecken und überließ sie just jenem Mediziner, der mit der Schädelvermessung das zentrale Verfahren rassistischer Abwertung von Menschen anderer Ethnien erfand. Wie beschämend. Diese Documenta bietet Lernstoff ohne Ende.

Das Defizit der Weltkunstschau: Sie darf das Wörtchen Kunst getrost aus ihrer Selbstbeschreibung streichen. Das Dokument des echten, authentischen Lebens schlägt das Kunstwerk und damit die Phantasie aus dem Feld. Vieles wirkt kopiert und nachgemacht, übrigens auch die Werke mit denen sich "The Question of Funding" präsentiert, jene Künstlergruppe, die eine Diskussion um angeblichen Antisemitismus auf der Documenta ausgelöst hatte. Antisemitische Parolen findet man nicht in ihrem Raum im Zentrum der Off-Kultur in der Werner-Hilpert-Straße, dafür aber Bilder, die Motive von Delacroix, van Gogh oder Chagall munter recyclen. Wie kreativ ist das wirklich? Und wo bleibt der Einzelne in diesem Einerlei der Kollektive? Auf einem Postingzettel im Fridericianum steht: "Where is - ME - in the collective?". Diese Frage wäre eine Diskussion wert auf dieser Documenta.

Zu allen Informationen über die Documenta 15 geht es hier.

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