Berlin  „Ältere Schauspielerinnen sollten mehr spielen dürfen als nur Ehefrau“

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 16.06.2022 14:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Jenny Schily, fotografiert von ihrem Ehemann Thomas Kürstner. Foto: Thomas Kürstner
Jenny Schily, fotografiert von ihrem Ehemann Thomas Kürstner. Foto: Thomas Kürstner
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Schauspielerin Jenny Schili, Tochter des früheren Innenministers Otto Schily, spricht im Interview über ihren berühmten Vater und darüber, dass Frauen in jedem Alter Hauptrollen verdient haben.

Das Gespräch im Berliner Literaturcafé hat kaum begonnen, als sich auch schon der Herr vom Nebentisch einmischt: Der im TV dauerpräsente Modedesigner Guido Maria Kretschmer muss Jenny Schily unbedingt sagen, dass er sie für eine begnadete Schauspielerin hält – sie wiederum hat von ihm noch nichts gehört, freut sich aber über das Kompliment.

Dabei ist die Tochter des früheren RAF-Anwalts und Bundesinnenministers Otto Schily höchst selten mal in einer Hauptrolle zu sehen. Darüber, über ihre Heimatstadt Berlin und ihr Faible fürs Russische sprechen wir ohne weitere Unterbrechungen:

Frage: Frau Schily, nach welchen Kriterien suchen Sie eigentlich die Locations aus, an denen Sie sich mit Journalisten zum Interview treffen? 

Antwort: Naja, eine ruhige und angenehme Atmosphäre finde ich wichtig - das, was wir hier jetzt doch nicht so ganz haben… Draußen sitzen im Sommer ist auch schön, das impliziert ja schon Ruhe, weil es meist nicht so eng ist - und dass der Ort eine gewisse Neutralität ausstrahlt, er sollte nicht schon so viel vorgeben. 

Frage: Ich war übrigens gespannt auf Ihre ersten Worte. 

Antwort: Wieso das denn? 

Frage: Eine Kollegin von mir hat mal geschrieben, Ihre Stimme sei so warm wie ein Sonnenstrahl auf der Haut. 

Antwort: Ooh, was für ein schönes Kompliment. Wie war noch mal die Frage? (lacht)  

Frage: Das war keine Frage, nur eine Feststellung. Aber zurück zur Location: Sie sind hier in Berlin geboren und leben nach Unterbrechungen immer noch hier. Was hat die Stadt, das andere nicht haben? 

Antwort: Mir gefällt die unglaubliche Vielfalt, auch für mich als gebürtige Berlinerin gibt es immer noch Ecken zu entdecken, die mir völlig fremd sind. Wenn der Zufall es will oder ich es darauf anlege, komme ich immer wieder an Orte, an denen ich noch nie war. Ich mag auch sehr, dass sich Berlin ständig wandelt, nicht nur durch den Mauerfall. Nicht immer zum Besseren, aber auch nicht nur zum Schlechteren – es bleibt halt immer in Bewegung. Natürlich ist die Gentrifizierung schrecklich, aber damit sind wir ja leider nicht alleine auf der Welt.

Frage: Jede richtige Berlinerin hat auch etwas, das sie nervt an ihrer Stadt. Was ist es bei Ihnen? 

Antwort: Ach, ich mag’s schon sehr gerne hier. Natürlich kann einen die Berliner Schnoddrigkeit mal nerven, wenn man einen schlechten Tag hat. Aber wenn ich eine Weile nicht hier war und zurückkomme, gefällt sie mir wieder, weil es so direkt und meistens ehrlich ist. 

Frage: Sie haben mal gesagt, wenn Sie noch mal woanders leben würden, dann nicht mehr in Deutschland. Gibt es außerhalb von Deutschland Sehnsuchtsorte für Sie? 

Antwort: Einige, aber eben nicht den einen, sonst wäre ich vielleicht schon dort. Sehnsucht ist für mich aber auch nicht unbedingt ein Ort, sondern bedeutet, sich noch mal in eine andere Kultur oder einen anderen Zusammenhang zu begeben und sich damit zu beschäftigen, um offen und wach zu bleiben. Das fände ich schön. 

Frage: Sie sind ja in den Siebzigern und Achtzigern hier großgeworden, als West-Berlin umgeben war von der DDR. Wie haben Sie als Kind und Jugendliche die DDR empfunden – als Ausland? 

Antwort: Auf jeden Fall als fremd. Ich hatte quasi keinen familiären Kontakt in die DDR. Und die Tatsache, dass man die gleiche Sprache sprach, hat nicht ausgereicht, um sich näher zu fühlen als einem anderen Land. Und niemand hat geglaubt, dass es sich jemals ändern würde. Es war unabänderliche Realität. Daher habe ich es auch nicht als beklemmend empfunden. Es ist seltsam, das so zu schildern, weil es sich heute so anders anfühlt. Der sogenannte ehemalige Osten ist mir durch meinen Lebensweg, durch viele meiner Freunde und Freundinnen und vor allem durch meinen Partner schon lange das Gegenteil von fremd - in Manchem vielleicht sogar näher als der ehemalige Westen, der Westen, den es ja auch nicht mehr gibt.

Frage: Ihre Mutter hat gemalt, Ihr Vater war Rechtsanwalt, später Politiker und Bundesminister. Wer von den beiden hat sie mehr geprägt? 

Antwort: Wahrscheinlich meine Mutter, bei der ich nach der Trennung meiner Eltern aufgewachsen bin. Aber eigentlich haben mich beide auf sehr unterschiedliche Weise geprägt.

Frage: Sie sind ja auch wie Ihre Mutter Künstlerin geworden – aber doch sicher auch ein politisch denkender Mensch. 

Antwort: Ja, natürlich. Ich wüsste gar nicht, wie man das nicht sein kann. Da müsste man schon sehr verdrängen können. 

Frage: Dafür sprechen ja auch Ihre Vornamen: Sie heißen Jenny nach der Ehefrau von Karl Marx und Rosa nach Rosa Luxemburg. Klingt nicht nach einem kapitalismusnahen Elternhaus. 

Antwort: Stimmt. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit diesen beiden Namensvetterinnen, das waren großartige Frauen. 

Frage: Sie sind mit einem bekannten Vater aufgewachsen und haben mal gesagt, deshalb sei Ihr Bedürfnis nach Berühmtheit nicht so ausgeprägt.

Antwort: Da habe ich mich möglicherweise missverständlich ausgedrückt. Ich meinte damit mehr die vom Beruf losgelöste Sehnsucht nach Rampenlicht. Natürlich ist es Teil des Jobs, dass ich gesehen werde, darum geht es ja in meinem Beruf. Ich gehe gern auch mal über einen roten Teppich oder in eine Talkshow. Und natürlich bedeutet gesehen werden auch, dass sich die Spielräume erweitern oder mehr Möglichkeiten eröffnen. 

Frage: Es gibt Schauspieler, deren Beruf schon familiär vorgezeichnet war, und andere, die mit sechs zum ersten Mal auf einer Bühne standen und fortan wussten, was sie werden wollen. Sie haben einen kleinen Umweg gemacht und erst mal Slawistik studiert und Russisch gelernt. 

Antwort: Ja, das ist eine wunderschöne Sprache. Ich habe damals viele russische Romane gelesen und als ich anfing zu studieren, wollte ich etwas machen, mit dem ich in der Schule noch nicht in Berührung gekommen war. Da bot sich Slawistik an. Dafür musste man ein sogenanntes Propädeutikum machen - so ‘ne Art Crash-Kurs in Russisch. Das hat mir Spaß gemacht, auch wenn es ein bisschen eine Nebelkerze war. Und ich habe viel gelernt, obwohl ich das Russische dann leider bald wieder habe schleifen lassen. 

Frage: Mit welchem Gefühl sehen Sie heute auf Russland und den Krieg in der Ukraine? 

Antwort: Es lässt mich verzweifeln, dass in diesem Krieg täglich Menschen sterben, egal welcher Herkunft. Ich finde tragisch, wie viel in der Ukraine zerstört wird, und gruselig, dass es wie immer im Krieg Profiteure gibt. Und es macht mich traurig, dass der Pazifismus und die Diplomatie so in Verruf geraten sind. Die generelle Sanktionierung der Russen ist für mich fragwürdig – natürlich verstehe ich die Intention des Druckmittels - und trotzdem ist es schmerzhaft. Natürlich ist klar, wer Schuld hat an diesem Krieg, aber dennoch ist es so ein Rückschritt, den wir gerade erleben. Ich möchte mir meinen Pazifismus nicht nehmen lassen, weiß aber auch, dass es ein Dilemma ist.

Frage: Lassen Sie uns über etwas Anderes reden. Statt Slawistin sind Sie also Schauspielerin geworden. Gab es einen Moment, in dem Sie wussten: Das ist die richtige Entscheidung? 

Antwort: Nein, es war eher ein Prozess. Ein Wunsch, der immer weiter wuchs und konkreter wurde. 

Frage: Bis etwa 2010 haben Sie viel mehr Theater als Film gemacht, dann kam so eine Art Wende. 

Antwort: Das war gar nicht so von mir intendiert, obwohl ich schon den Wunsch hatte, mehr zu drehen. Wenn man fest am Theater engagiert ist, kollidiert es eben leider oft mit anderen Projekten. Ich habe die Jahre am Theater sehr genossen, weil durch die Kontinuität des gemeinsamen Arbeitens natürlich eine andere Tiefe entsteht und man nicht immer bei null beginnen muss. Aber dann wollte ich wissen, wie es ist, projektbezogen zu arbeiten, weil das auch beinhaltet, sich immer wieder neu füreinander entscheiden zu können. Ich drehe gerne und würde auch gerne wieder Theater spielen, tja. 

Frage: Bis heute beklagen viele Filmschauspielerinnen, dass es mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird, gute und ausreichend Rollen zu bekommen. Bei Ihnen scheint es umgekehrt zu sein. 

Antwort: (lacht) Ich kann mich nicht beklagen. Aber es ist natürlich immer noch so, dass weiter daran gearbeitet werden sollte, interessante Rollen jenseits von Begleiterinnen und Funktionsträgerinnen wie Ehefrauen und Müttern zu entwickeln. Da könnte es noch mehr geben für ältere Frauen, da ist noch Luft nach oben.

Frage: Sie spielen ja weniger die Hauptrollen als die starken Nebenrollen, wie auch jetzt wieder im Münchner Tatort „Flash“. 

Antwort: Ich hätte auch nichts gegen eine Hauptrolle einzuwenden. Aber ich gucke nicht als erstes auf Haupt- oder Nebenrolle, sondern auf die Rolle als solche, auf das Drehbuch insgesamt und die Kolleginnen und Kollegen. Vielleicht gibt es Schauspielerinnen und Schauspieler, die zuerst darauf achten, wie groß die Rolle ist, und möglicherweise ist auch durchgesickert, dass ich das nicht so handhabe. Aber es ist nicht so, dass ich sage: Gebt mir bloß keine Hauptrolle, im Gegenteil. (lacht) 

Frage: Gehören Sie eigentlich auch zu den Schauspielerinnen, die mehr Tatort drehen als Tatort gucken? 

Antwort: Krimi ist nun mal das, was im deutschen Fernsehen viel gemacht und geguckt wird. Es klingt immer ein bisschen eitel, aber ich sehe überhaupt nicht fern. Ich streame mal was oder sehe mir etwas in der Mediathek an. Ich gucke gerne und viele Filme, aber dafür brauche ich keinen Fernseher. 

Frage: Im Tatort „Flash“ spielen Sie die Tochter eines demenzkranken Psychotherapeuten. Kennen Sie das Thema Demenz auch aus eigener Anschauung? 

Antwort: Zum Glück habe ich bislang keinerlei eigene Erfahrung damit, kenne es aber natürlich aus Gesprächen. Peter Franke spielt diese Rolle so gut, ich habe es geliebt, mit ihm zu arbeiten. Er ist so zauberhaft, dass ich Schwierigkeiten hatte, ihn nicht zu mögen. Das Herausfordernde bei Demenzkranken scheint mir zu sein, dass sie einen unglaublichen Charme besitzen, auf gewisse Weise ist es ja wie eine Art Entlastung des Gehirns. Und gleichzeitig bleibt der Umgang damit für die Angehörigen natürlich extrem anstrengend und schwierig. 

Frage: Wenn man selbst mit demenzkranken Menschen zu tun hat, berührt einen dieser Film umso mehr. 

Antwort: Ich darf ja nichts verraten, aber ich denke, dass „Flash“ ein Tatort ist, den man sich zweimal ansehen sollte. Ich glaube, man kann ihn beim zweiten Mal sogar noch mehr und anders geniessen - wenn man weiß, wie es ausgeht. 

Frage: Haben Sie eigentlich Angst, selbst einmal an Demenz zu erkranken? 

Antwort: Ich habe keine konkrete Angst davor, aber natürlich finde ich die Vorstellung beängstigend. Gerade als Schauspielerin. Es ist ja besonders tragisch, wenn Menschen ihre Kernkompetenzen abhandenkommen – so wie beispielsweise damals bei Kameramann Michael Ballhaus, als er erblindete.

Frage: Sie hatten im Mai Geburtstag – herzlichen Glückwunsch nachträglich. Haben Sie einen Wunsch für das begonnene neue Lebensjahr? 

Antwort: Danke. Ich wünsche mir vor allem Frieden für die Welt und mir persönlich möglichst viele unterschiedliche Projekte. Im September werde ich im Rahmen des Kunstfestes Corvey als Performerin Teil der musikalischen Uraufführung von „Das Schmetterlingstal“ von Inger Christensen sein - darauf freue ich mich schon sehr. Also man könnte sagen: Ich wünsche der Welt Beruhigung und mir Aufregung.

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