Berlin Marburger Bund gibt Corona-Entwarnung für den Sommer
Die Corona-Zahlen steigen, Karl Lauterbach warnt vor der Sommerwelle. Halb so wild, findet dagegen die Ärzteorganisation „Marburger Bund“: Für Geimpfte seien die allermeisten Ansteckungen nicht schlimm.
Marburger-Bund-Chefin Susanne Johna hält deswegen auch keine neuen Pflichtmaßnahmen für notwendig, auch die Bürgertests brauche es vorerst nicht mehr, sagt die Ärztin im Interview mit unserer Redaktion. Kritisch könnte es aber im Herbst werden, weil dann auch eine Influenza-Welle drohe. Den Gesundheitsminister fordert Johna deswegen auf, ganz schnell einen Instrumentenkasten zu packen, in den auch harte Maßnahmen wie die Schließung von Clubs und Bars gehören.
Das Interview im Wortlaut:
Frage: Frau Johna, die Corona-Inzidenzen steigen stark. Macht uns die Sommerwelle, von der Gesundheitsminister Karl Lauterbach spricht, den Sommer kaputt?
Antwort: Nein, das sehe ich nicht. Es stimmt, die Zahlen werden vermutlich weitersteigen, die ansteckendere Omikron-Variante BA.5 wird - wie schon in Portugal - auch bei uns dominantwerden. Da wir bis auf Masken in Bussen und Bahnen keine verpflichtenden einschränkenden Maßnahmenmehr haben, werden sich sehr viele Menschen mit Corona anstecken. Aber für die Geimpften ist das in den allermeisten Fällen nicht schlimm. Insbesondere die Nichtgeimpften, vor allem Menschen mit geschwächtem Immunsystem, haben das Risiko, schwer zu erkranken.
Frage: Viele Menschen machen sich schon wieder Sorgen, der Sommerurlaub am Mittelmeerstrand könnte ins Wasser fallen…
Antwort: Auch da bin ich optimistisch, dass das nicht passiert. Es gibt ein höheres Infektionsgeschehen in mehreren Ländern, das geht aber auf die vergleichsweise harmlosere Omikron-Mutante zurück. Eine gefährlichere Variante beobachten wir nicht. Für Ein- oder Ausreisebeschränkungen gibt es derzeit keine Notwendigkeit. Allerdings ist die Gefahr, im Urlaub einige Tage krank zu werden, schon höher als in der Vor-Corona-Zeit, das muss jedem klar sein.
Frage: Dann braucht es auch keine neuen Eindämmungsmaßnahmen?
Antwort: Ich halte absehbar keine neuen verpflichtenden Maßnahmen für notwendig. Es bleibt aber natürlich enorm wichtig, die vulnerablen Gruppen zu schützen. Mein Appell an alle, die vorerkrankt oder hochbetagt sind: Schützen Sie sich mit Masken, wenn Sie auf Großveranstaltungen gehen oder in Innenräumen andere Menschen treffen! Wichtig bleibt zudem, dass wir Pflegebedürftige und Patientinnen und Patienten schützen, auch durch intensives Testen des Personalsund der Angehörigen.
Frage: Aber die kostenlosen Bürgertests fallen bald weg!
Antwort: Das Ende der kostenlosen Bürgertests ist nachvollziehbar und konsequent, denn es wurde ja auch die Isolation nach einem Positivtest in die Verantwortung der Bürger gelegt. Was notwendig bleibt sind Tests in Krankenhäusern und Heimen, und zwar vor Ort, und auch kostenlos für Besucher. Das müssen die Einrichtungen erstattet bekommen. Aber auf kostenlose Testangebote für die Allgemeinheit können wir zumindest vorerst verzichten.
Frage: Auch auf Impfzentren?
Antwort: Ja, auch darauf können wir derzeit weitgehend verzichten, denn die Hausärzte haben dafür ausreichend Kapazitäten. Die Impfinfrastruktur sollte aber nicht komplettabgebaut werden, damit wir neue Massenimpfungen bewerkstelligen können, etwa, wenn angepasste Vakzine zugelassen sind. Vor September wird das aber kaum notwendig sein.
Frage: Wer sollte sich im Augenblick überhaupt noch impfen lassen?
Antwort: Jeder, der noch gar nicht immunisiert ist, sollte sich rasch impfen lassen. Durch die Impfung ist auch das Risiko reduziert, an Long Covid zu erkranken. Auch alle diejenigen, die noch keinen Booster haben, sollten das jetzt nachholen. Zu einer Viertimpfung, also einem zweiten Booster, wird besonders Gefährdeten geraten, dazu zählen alle ab 70 sowie mit Immunschwäche oder Vorerkrankung. Wer gesund und schon geboostert ist, der kann auf den angepassten Impfstoff warten, der für September in Aussicht gestellt wird.
Frage: Im September läuft auch das Infektionsschutzgesetz aus, und damit die Möglichkeit der Corona-Eindämmung. Ist das nicht hoch riskant?
Antwort: Doch, es ist riskant, dass die Regierung erst die auf Ende Juni verschobene Evaluation der bisherigen Maßnahmen abwarten will, bevor sie ihre Überlegungen für ein neues Infektionsschutzgesetz konkretisiert. So wird es vermutlich nicht gelingen, noch vor der parlamentarischen Sommerpause die nötigen Beschlüsse zu fassen. Aber schon am 23. September läuft das bestehende Gesetz aus. Es wird also nach der Sommerpause verdammt eng, rechtzeitig ein Instrumentarium bereitzustellen, damit die Länder dieses regional angepasst nutzen können, falls sich die Corona-Lage im Herbst wieder zuspitzt. Ich kann das Abwarten nicht nachvollziehen. Die Evaluation ist wichtig, nicht alles war sinnvoll, der Marburger Bund hat sich etwa immer gegen Schul- und Kitaschließungen ausgesprochen. An der Wirkung von Schutzmasken oder Kontaktbeschränkungen gibt es indes keine begründeten Zweifel. Ich plädiere dringend dafür, noch vor der Sommerpause die Weichen zu stellen, sonst setzt sich die Politik unter erheblichen Druck. Es wäre verantwortungslos, wenn wir Ende September in eine Regelungslücke schlitterten. In der Zeit bis dahin können nicht nur die Corona-Fälle wieder stark ansteigen, sondern auch die Fallzahlen bei anderen Ansteckungskrankheiten, die über Aerosole weitergegeben werden.
Frage: Sie meinen die Influenza?
Antwort: Ich halte die Gefahr gleichzeitiger Wellen von Corona und Influenza zum Ende des Sommers oder am Herbstanfang für real, ja. In Australien beobachten wir eine ungewöhnlich starke Influenza-Welle, und zwar deutlich früher als üblich. Darauf müssen wir einfach vorbereitet sein und dürfen das Personal im Gesundheitswesen nicht überlasten. Wir Ärztinnen und Ärzte wollen nicht zum dritten Mal in zwei Jahren unseren Patienten sagen, dass wir geplante Eingriffe verschieben, oder dass wir schwerstkranke Menschen verlegen müssen, teils in andere Bundesländer. Auch wenn es nur regional zu kritischen Überlastungen gekommen ist: Das will niemand noch einmalerleben!
Frage: Was muss dann rein in den Instrumentenkasten für den Herbst?
Antwort: Wie gesagt, wir halten nichts von Schul- und Kitaschließungen, diese wären ohnehin nur in einer großen Notsituation angemessen und dann auch politisch zu beschließen. Alle anderen Maßnahmen, bis hin zu Kontaktbeschränkungen und einer etwaigen Schließung von Bars und Clubs, sind Instrumente, die in den Kasten gehören.
Frage: Die FDP will das auf keinen Fall…
Antwort: Ich fände es fahrlässig, wenn der Bund den Ländern diese Optionen nehmen würde. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit nicht hoch ist, dass wir am Ende alle Maßnahmen wirklich brauchen werden. Ich glaube, die Bürgerinnen und Bürger erwarten von der Politik ausreichend Vorsorge, sodass Krankenhäuser nicht kollabieren und auch andere kritische Infrastrukturen von der Müllabfuhr bis zur Stromversorgung nicht ans Limit kommen, weil zu viele Menschen gleichzeitig an Covid erkranken.