Osnabrück  Tatort „Flash“ aus München: Der Mörder und die Demenz

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 18.06.2022 10:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Mit vorsichtigen Fragen will Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) dem dementen Psychotherapeuten Dr. Norbert Prinz (Peter Franke) wichtige Details entlocken. Foto: BR/Tellux Film/Hendrik Heiden
Mit vorsichtigen Fragen will Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) dem dementen Psychotherapeuten Dr. Norbert Prinz (Peter Franke) wichtige Details entlocken. Foto: BR/Tellux Film/Hendrik Heiden
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Die Demenz hat den Tatort erreicht: Um einen Frauenmord zu klären, müssen die Münchner Ermittler Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) heute Abend einem dementen Psychotherapeuten entscheidende Details entlocken. Aber wie, wenn der sich nicht erinnern kann?

Der Tatort geht auf Zeitreise. Und damit es auch jeder Zuschauer weiß, wird gleich in die ersten schwarz-weißen Bilder von der dahinplätschernden Isar “Mai 1987” in kräftigem Rot eingeblendet. Kurz darauf entdeckt die Kamera am Ufer die Leiche einer jungen Frau, und während langsam etwas mehr Farbe in die Bilder kommt, erkennt man an ihrem Hinterkopf eine große Wunde. Schnitt. 

Und Sprung in eine Münchner Disco, wie die Clubs damals noch hießen. Hier hat der Mörder sein Opfer gesucht und gefunden. Aus den Boxen dröhnt “Whole Lotta Love” von Led Zeppelin - vielleicht ein bisschen viel Vergangenheit, denn diese Nummer war 1987 auch schon 18 Jahre alt. Dramaturgisch ist sie allerdings kaum zu überbieten - Vintage ist Vintage, was machen da schon 18 Jahre?

München in der Jetztzeit. Der Frauenmörder von damals, Alois Meininger (Martin Leutgeb), ist nach über 30 Jahren aus der Sicherheitsverwahrung entlassen worden. Kurz darauf wird wieder eine Frau ermordet, haargenau nach demselben Muster wie 1987. Und Meininger ist wie vom Erdboden verschluckt. Doch niemand zweifelt: Er hat es wieder getan - daran lässt der von Andreas Kleinert nach einem Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser inszenierte Krimi eigentlich keine Zweifel.

Hilfe erhoffen sich die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) von Meiningers früheren Psychotherapeuten Dr. Norbert Prinz (Peter Franke). Er hatte zu seinem Patienten seinerzeit eine ganz besondere Beziehung aufgebaut und kannte offenbar als einziger auch dessen “Bunker”, einen geheimen Aufenthaltsort, an dem er sich womöglich auch heute versteckt hält. Doch die einstige Koryphäe der Psychotherapie ist heute schwer dement, nur die aufopferungsvolle Pflege seiner Tochter Nele (Jenny Schily) erspart ihm den dauerhaften Heimaufenthalt. Wie also soll sich der Mann erinnern, dessen Gehirn sich weitgehend von der Vergangenheit verabschiedet hat?

An dieser Stelle kommt die sogenannte Reminiszenztherapie ins Spiel, die renommierte Neuropsychologen in München erforschen. Der Demenzkranke wird in eine vertraute Umgebung seines Lebens versetzt, in diesem Fall wird Prinz’ ehemalige Praxis mit Hilfe der Tochter eins zu eins nachgebaut. Die Zeitreise soll seine Erinnerungslücken schließen und es Leitmayr ermöglichen, durch behutsames Fragen auf Meiningers Spur zu kommen.

Die doppelte Zeitebene, das Gegenschneiden von damals und heute und dieses psychologische Experiment machen “Flash” auf jeden Fall zu einem ganz besonderen Tatort, auch wenn er hier und da gewisse Längen hat. Jenny Schily, die einmal mehr in einer starken Nebenrolle auffällt, hält ihn sogar für besonders sehenswert: “Ich darf ja nichts verraten, aber ich denke, dass ,Flash’ ein Tatort ist, den man sich zweimal ansehen sollte,” sagte sie im Gespräch mit unserer Redaktion. “Ich glaube, man kann ihn beim zweiten Mal sogar noch mehr und anders genießen - wenn man weiß, wie es ausgeht.”

Vor allem das Zusammenspiel mit Peter Franke, der ihren demenzkranken Vater darstellt, gefiel der Frau, die im wahren Leben die Tochter des ehemaligen RAF-Anwalts und späteren Bundesinnenministers Otto Schily ist: “Peter Franke spielt diese Rolle so gut, ich habe es geliebt, mit ihm zu arbeiten. Er ist so zauberhaft, dass ich Schwierigkeiten hatte, ihn nicht zu mögen.”

Tatort: Flash. Das Erste, Sonntag, 19. Juni, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen

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