Osnabrück Morgenland Festival feiert Abschluss unter freiem Himmel
Mit einer Kooperation von Theater und Morgenland Festival ging das Festival dieses Jahr los, gemeinsam mit dem Osnabrücker Symphonieorchester endet es. Eine Überraschung zum Schluss gibt es aber in der Lagerhalle.
Naïssam Jalal hätte es bei einem Liebeslied belassen können, und das Open-Air-Konzert des Morgenland Festivals wäre in Schönheit und Innigkeit verklungen. Doch die Tochter syrischer Einwanderer hat eine Botschaft dabei, die sie singt, seit im syrischen Bürgerkrieg Menschen sterben und gefoltert werden, und die sie singen wird, bis „Bashar al-Assad und sein kriminelles Regime erledigt ist“, sagt sie.
Auf diesen Appell folgt kein Song, sondern ein Epos. Jalal spielt dafür Querflöte und singt, und in den Momenten höchster Verdichtung tut sie beides gleichzeitig mit verblüffender Präzision. Sie schreit und ächzt vom „Martyrium der Revolution“, von dem sie gesprochen hat, und das Osnabrücker Symphonieorchester unterstützt sie dabei mit leise bedrohlichen Tönen in Bässen und Celli, später mit spitzen Akzenten und Kriegslärm im orchestralen Gewand. Manchmal keimt sogar so etwas wie Hoffnung auf, doch im Untergrund brodelt es martialisch. Das klingt manchmal nach Musical, doch im kollektiv improvisierten Chaos fällt das klingende Gebäude in sich zusammen, bevor Jalals Ruf nach Freiheit und Gerechtigkeit knackig und furios endet.
Für die meisten der rund 700 Gäste vor der Open-Air-Bühne auf dem Domvorplatz endet damit der offizielle Teil des Morgenland Festivals 2022. Ein Schluss, der den Bogen zum Beginn schlägt: Vor zwei Wochen startete das Festival mit der Uraufführung des Musiktheaters „Songs For Days To Come“ von Kinan Azmeh im Theater am Domhof. An diesem Abend kann Jalal das Haus von der Bühne aus sehen; Anfang und Ende des Festivals liegen räumlich so dicht beieinander wie inhaltlich: Hier wie da geht es um den Krieg in Syrien.
Auch andere Kompositionen dieses musikalischen Sommerabends befassen sich mit Krieg und Leid; gleichzeitig bietet das Konzert eine breite Palette musikalischer Farben, mit der junge syrische Musiker nicht nur als Ausführende, sondern vor allem als Komponisten arbeiten.
Die Pianistin Angel Boutros zum Beispiel verpasst mit ihrer Suite für Klavier und Orchester Gershwin einen Arabischkurs - warum nicht. Cellist Basilius Alawad hat eine klagend-virtuose „Arabesque“ für Cello und Orchester geschrieben, Mohannad Nasser, der Jazz-inspirierte Oud-Virtuose, driftet mit dem Orchester in Breitwand-Sound ab, Mevan Younes verlässt sich für seine Komposition auf die Arrangierkünste von Wolf Kerschek, was sein Erinnerung an den Krieg zum klanglich überzeugendsten Spektakel macht – hier blühen die Streicher wunderbar auf, sitzen Akzente punktgenau.
Doch die wirklichen Höhepunkte fehlen, wo gute Komposition, gutes Arrangement und gute Umsetzung zusammenfließen. Das stört aber nicht weiter, weil das Orchester unter Daniel Inbal die Spannung hochhält, weil die Künstler allein über ihre Präsenz und ihre Identität für sich einnehmen.. Was sich über die großen Videowände übrigens schön in Nahaufnahme verfolgen lässt.
Nach zwei Corona-Jahren hat Festivalleiter Michael Dreyer diesmal wenigstens zum Teil nachgeholt, was Virus-bedingt ausgefallen war. Damit verwischen programmatische Leitlinien: Hier das Thema „Roma“, dort das Thema „Syrien“, das ja auch das Theater mit gesetzt hatte. Das Publikum kam damit klar, wie die zumeist gut besuchten Konzerte belegen.
Was aber mitunter fehlte, war die musikalische Prägnanz: Die Morgenland All Star Band, sonst Garant für musikalische Premiumklasse, steht paradigmatisch dafür: Sie blieb bei sieben Neukompositionen unter ihren Möglichkeiten.
Und die anderen Konzerte? Dampfhammer-Virtuosität und eine Überdosis Testosteron: Das war Ivo Papasov und seine Wedding Band. Marc Sinan spürte der Musik der Roma nach und kollagierte sich dabei einen sperrigen Abend lang quer durch alle möglichen Kultursegmente, ohne die rätselhaften Kopfgeburten Sinn stiftend zusammen zu fügen.
Die wahren Perlen dieser Festivalausgabe waren eher die kleinen Projekte und die intimen Begegnungen: Romengo und die fantastische Sängerin Mónika Lakatos mit ihrer rauchigen, beeindruckenden Stimme und der liebenswert authentischen Musik ungarischer Roma. Das bosnische Paar Merima Ključko (Akkordeon) und die Sängerin Jelena Milušić, die einen lockeren Bogen von Bosnien nach Kuba schlagen und ihre Zuhörer mit ihren emotionalen Geschichten gefangennehmen. Schließlich Kayhan Kalhor, Meister und Weltstar an der Stehgeige Kamanche, und Yasamin Shahhosseini an der Oud: ein Weltklasseduo aus dem Iran hat da in der Osnabrücker Lagerhalle zusammengefunden.
Nah am Geheimtipp ist schließlich der tatsächliche Schlusspunkt des diesjährigen Morgenland Festivals: Da leitet die französisch-marokkanische Band Bab L’Bluz, auf deutsch: „Das Tor zum Blues“ zur Party in der Lagerhalle über. Diese Formation vereint Blues, Soul, Heavy Rock mit arabischen Rhythmen und arabischer Melodik zur selbstverständlichsten Sache der Welt, verfügt über unglaubliche Energie und beschreibt waghalsige Kurven, als hätte es bei Zappa gelernt. Wor allem aber prägt die Sängerin und Virtuosin an der Laute Awisha, Yousra Mansour, diese - ihre - Formation. Frauenpower als Gegenmittel gegen jede Überdosis Testosteron. Wunderbar.