Kassel  Die Documenta hat ihren Eklat um antisemitische Bildmotive

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 20.06.2022 16:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Jude als hässlicher Raffke: Ein Ausschnitt des umstrittenen Großgemäldes des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz. Foto: dpa
Der Jude als hässlicher Raffke: Ein Ausschnitt des umstrittenen Großgemäldes des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz. Foto: dpa
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Antisemitismus auf der Documenta? Die Debatte läuft seit Wochen. Jetzt zeigen Bilder der Künstlergruppe Taring Padi eindeutige Motive. Die Kunstschau hat ihren Eklat - und muss schnell umsteuern.

Raffzähne, krumme Nase und SS-Runen am schwarzen Hut: Auf dem Bild der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi erscheint der Jude nicht als Mensch, sondern als propagandistisch montiertes Zerrbild des Bösen. Im Wimmelbild von Taring Padi mag diese Hässlichkeit untergehen. Eine Randerscheinung ist sie trotzdem nicht. Die Aktivistengruppe hat in Kassel einen großen Auftritt mit einem wahren Bilderwald auf dem zentralen Friedrichsplatz und im Hallenbad Ost. Machen sich jetzt Besucher auf, um auf Bildern dieser und weiterer Künstlergruppen immer mehr antisemitische und damit unappetitliche Details aufzuspüren? Eine für die Documenta ruinöse Vorstellung. Sabine Schormann, Generaldirektorin der Documenta, hatte appelliert, in Kassel die Kunst für sich sprechen zu lassen. Geht das überhaupt noch?

Nein. Dieser Kurs ist schon jetzt, unmittelbar nach der Eröffnung der Weltkunstschau, nicht mehr durchzuhalten. Und das nicht allein deshalb, weil Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus seiner Eröffnungsrede einen Verriss der Kunstschau gemacht hat. Allein Steinmeiers Aussage, er habe überlegt, Kassel fernbleiben zu wollen, bedeutet für die Documenta ein Desaster - und dass nicht nur, weil die Bundesrepublik Deutschland über ihre Kulturstiftung einer der wichtigsten Geldgeber der Kunstschau ist. Der Bundespräsident eröffnet: Das Ritual signalisiert, dass sich die Bundesrepublik, als Staat und Gesellschaft, in der Documenta wiedererkennt. Diese kulturpolitische Selbstverständlichkeit hat einen tiefen Riss bekommen.

Dabei hätten die Documenta-Macher gewarnt sein können. Schon hitzige Debatten wie jene um den geplanten Auftritt des afrikanischen Philosophen Achille Mbembe 2021 auf der Ruhrtriennale hatten klar gemacht, dass die Sicht des in Kassel viel zitierten globalen Südens auf Israel und die Haltung der Bundesrepublik Deutschland zum Existenzrecht Israels kaum miteinander zu vermitteln sind. Die Künstler und Aktivisten, die nun auf der Documenta präsent sind, fordern den Blick für die Belange ihrer Gesellschaften ein. Umgekehrt scheint für sie die Erinnerung an den Holocaust keine Rolle zu spielen - ebenso wie die zentrale Rolle, die diese Erinnerung im Selbstverständnis der Bundesrepublik spielt. Ein folgenreiches Versäumnis, ebenso wie das der Leitungsgruppe Ruangrupa, die angesichts der 32 Standorte der Schau offenbar den Überblick verloren hat.

Die Documenta-Leitung hat Recht, wenn sie sich auf die Freiheit der Kunst beruft. Aber waren es nicht die Documenta-Macher selbst, die mit dieser Documenta Kunst zum Mittel einer politischen Aussage gemacht und damit ihre Freiheit relativiert haben? Viele der auf der Documenta präsentierten Künstler verstehen sich vor allem als Aktivisten. Das gilt auch für das Kollektiv The Question of Funding aus Palästina, an dem sich die Debatte um angeblichen Antisemitismus auf der Documenta entzündet hatte. War Khalil al-Sakakini, Namensgeber des Kulturzentrums, in dem The Question of Funding gegründet wurde, wirklich ein arabischer Nationalist und Hitler-Verehrer? Wichtiger als die Antwort auf diese Frage sind jetzt die Bilder, die diese Gruppe präsentiert - und ihre Aussage.

"Guernica Gaza" nennt Mohammed Al Hawajri seine Bildserie über Militäreinsätze in Gaza, in der er Kriegsszenen mit Motiven von Altmeistern der Moderne wie Chagall oder van Gogh kombiniert. Schlechte Kunst? Allerdings. Aber das Urteil über die Qualität von Bildern ist nur das Eine. Der Titel der Serie setzt israelische Militäreinsätze mit dem Bombenterror der Nazis gleich. Eine Zumutung. We need to talk, Wir müssen reden: So sollte es heißen, das Diskussionsformat, das die Documenta im Vorfeld ihrer Eröffnung erst ankündigte und dann verschob. Jetzt sollte die Documenta-Leitung keinen Tag länger warten und das Gespräch initiieren, bei dem unter anderen der Zentralrat der Juden unbedingt an den Tisch gehört. Wer jetzt noch zuwartet, richtet Schaden an - auch und gerade für die Documenta.

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