Osnabrück Diese Documenta braucht den Neustart
Jetzt hat die Documenta ihn doch - ihren Skandal um antisemitische Bilder. Aber wie soll es weitergehen mit einem Kunstformat unter Generalverdacht? Diese Documenta braucht einen Neustart.
Jede Documenta hat ihr Signet, ihr Zeichen, mit dem sie in die Geschichte eingeht. Adam Szymczyks Documenta von 2017 ist mit dem Stichwort Athen verbunden, Okwui Enwezors Lesart von 2002 mit der Globalisierung, Roger M. Buergels Ausgabe von 2007 mit den Stühlen von Ai Weiwei. Und die Documenta 15? Schon wenige Tage nach ihrer Öffnung ist klar, dass sie mit dem hässlichsten aller Begriffe verbunden bleiben wird: Antisemitismus. Dieses Wort wird an dieser Ausgabe der Documenta, an denen, die sie verantworten, kleben bleiben, ob sie es wollen oder nicht. Das ist schon jetzt ein Desaster für dieses Kulturformat, das seit seiner Gründung 1955 für ein weltoffenes und pluralistisches Deutschland steht.
Die Chance, mit dieser Documenta den Dialog mit dem globalen Süden aufzunehmen, scheint schon jetzt vertan. Anstatt sich zu öffnen, werden viele Besucher nach Zeichen und Signalen für Intoleranz und Feindseligkeit, für Abwertung anderer, kurz, für Antisemitismus suchen. Seit die fatal antisemitischen Bildklischees auf den Bildtafeln vo Taring Padi entdeckt sind, regiert auf dieser Documenta der Verdacht, nicht die Offenheit. Das Bild, das Video, die Installation, sie werden ängstlich abgesucht werden nach Anzeichen versteckter Aggression, die letztlich allen Menschen gilt. Eine Documenta, ja die Kunst selbst als kontaminierter Raum - was für ein Schreckenszenario.
Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle hatte bei der Pressekonferenz noch gesagt, das Thema Antisemitismus sei der Documenta "medial aufoktroyiert" worden. Nun zeigt der Antisemitismus seine hässliche Fratze ausgerechnet auf dem Friedrichsplatz, also mitten im Herz der Stadt Kassel und ihrer weltberühmten Kunstausstellung. Wie konnte es sein, dass ein solches Riesenformat mit hässlich antisemitischen Bildmotiven in den öffentlichen Raum gelangt? Haben die Documenta-Macher nicht hingeschaut oder diese Darstellung stillschweigend geduldet? Die eine wie die andere Antwort ist nicht hinnehmbar. Bezeichnend auch, dass das fragliche Riesenformat von Taring Padi erst nach der Preview der weltweiten Medienvertreter aufgestellt worden ist. Ein Zufall?
Den Schaden trägt jetzt nicht nur die Documenta, den Schaden tragen gerade die vielen anderen Künstlerinnen und Künstler, die mit Werken nach Kassel gekommen sind, die es lohnen, wahrgenommen und diskutiert zu werden. Diese Documenta sollte den Blick öffnen, für den globalen Süden, für neue Formen der Kooperation, für die Suche nach Optionen der Nachhaltigkeit. Grundlage für all das aber ist Vertrauen. Grundlage für jede Kooperation sind Sorgfalt im Umgang, gelebte Toleranz und ein Gespräch auf Augenhöhe. Statt dessen gibt es Bilder voll plumper Rassismen, überhaupt viel Propagandakram, der ohne Umstände seinen Weg in die Documenta gefunden hat.
Es rächt sich nun, dass Ruangrupa die Frage nach der Kunst kleingeredet, ja belächelt hat. Kuratorische Sorgfalt ist eben kein altmodisches Paradigma, sondern Grundlage für jeden sorgsamen Umgang - nicht nur mit Kunst, sondern mit Bildwelten überhaupt. Es rächt sich nun auch bitter, dass die Documenta-Leitung das Thema Antisemitismus kleingeredet hat, statt es anzugehen. Wie geht es jetzt weiter? Mit Rücktritten, mit gründlicher Selbstprüfung? Bloße Verhüllungskosmetik reicht nicht aus, um Vertrauen zurückzugewinnen. Wie auch immer: Diese Documenta braucht einen neuen Start, eine wirkliche Debatte - und keine Qual der 100 Tage.